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Pulkowa, den 6ten July 1860.
Meine liebe Maria!
Zuerst muß ich Dir u. Deinen [sic] lieben Mann den herz= innigsten Dank sagen für alle die sehr schönen u. merkwür= digen Geschenke, welche die Kiste für uns enthielt u. Dir die Versicherung geben, daß Ihr uns unendlich viel Freude damit bereitet habt. Das Geschenk Deines lie= ben Mannes für mich ist überaus kostbar, es sind herrliche Landschaften, an denen ich mich fortwährend erfreuen wer= de, durch sie bekomme ich einen Begriff von der Schönheit u. Großartigkeit des Landes, in welchem ihr lebt. Die Kiste kam erst bei uns den Nachmittag vor unserer Abreise, die in der Nacht war, an, u. ich habe deßhalb an all den schönen Sachen mich noch nicht so satt sehe können, wie ich gerne gethan hätte, aber es war doch viel Glück, daß sie noch kam ehe wir fort waren. Der Vater hat sie selbst aus= gepackt, er konnte die Zeit gar nicht erwarten u. hat sich sehr über die für ihn bestimmten Sachen, so wie überhaupt über alles gefreut. Die Mondphothographien fand er vortreff= lich. Das Chinesische Rätsel, welches Du für August Hensel bestimmt hattest, hat der Vater noch für sich behalten, er fand gro= ßen Gefallen daran, hatte es auf seinen Schreibtisch gelegt u. studirte an der Lösung desselben. Auch ich hätte es ungern her= gegeben, du weißt, liebe Maria, daß ich solche Merkwürdig= keiten sehr liebe, ich habe deßhalb August Hensel eine von den
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ungestörter genießen. Dießmal hoffe ich auch etwas mehr von Petersburg zu sehen. Den Tag vor meiner Abreise erhielt ich auch noch zu meiner großen Freude einen Brief von Wilhelm, der freilich von denselben [sic] Datum war, wie die Nachrichten, die ich schon vor 12 Tagen von Berlin über ihn erhalten hatte, ich war aber doch sehr glücklich von ihm selbst zu hören. Unbegreiflicher Weise war der Brief so viel länger gegangen wie der an Sie= mens vom selben Datum. Wilhelm klagt sehr über das Kli= ma, u. ganz besonders über die Ungeschicklichkeit der mit dem pracktischen Theile betrauten englischen Ingenieure, die allein daran Schuld haben, daß die Arbeit sich so in die Län= ge zieht. Zweimal ist das Kabel von ihren [sic] eignen An= ker zerissen worden, zuletzt waren die Vorräthe an Lebens= mittel ausgegangen, sie mussten schlechtes gesalzenes Hammelfleisch u. [?] Brod essen u. damals waren sie eben im Begriff wieder nach Aden zu gehen um frische Vorräthe zu holen u. dann erst den letzten Fehler zu beseitigen. Im Indischen Meere sollte einige Meilen von Aden noch ein kleiner Fehler sein, der auch erst zu beseitigen ist. Wilhelm hoffte indeß doch noch im July die Rückreise antreten zu können. Ich bin immer noch in vieler Sorge um ihn, möge Gott geben, daß er endlich glücklich zurückkehrt! Noch habe ich keine Nachricht vom lieben Vater, ich denke oft daran, wie es ihm gehen mag u. fürchte, daß es ihm doch zu einsam sein wird. Auch habe ich Sorge um Dich, liebe Maria, u. fürchte, wenn Du so viel Be= such u. einen so großen Haushalt zu leiten hast, daß es doch, gerade jetzt zu angreifend für Dich werden wird. Grüße Deinen lieben Mann aufs herzlichste u. danke ihm noch viel tausendmal, auch Dir noch den herzlichsten Dank. Onkel u. Tante Bufleb, Deinen Schwie= gereltern u. Geschwistern, auch Stoddards die herzlichsten Grüße u. meiner lieben Lilian einen herzlichen Kuß. Möge Gott geben, daß es Euch allen recht gut geht! Mit herzlicher Liebe Deine Mutter.
[text on top of page 1, written upside down:] Das Bild von Breistedt's habe ich an Lina Hölzer besorgt, sie war den Tag zuvor bei mir um sich nach Nachrichten zu erkundigen u. bat daß ich, wenn etwas für sie oder ihren Vater dabei wäre es ihr zu schicken. Sie kümmert sich sehr um ihre Schwester. [/text on top of page 1, written upside down]
