http://germanletters.org/plugins/Dropbox/files/Taylor_0202_0001.jpg - image of
« previous page | next page » |
To rotate image, first hold down Alt and Shift keys, then drag with mouse or trackpad (Safari, Chrome & Edge only).
Current Page Transcription
[page 1, right-hand side of sheet 1]
Gotha, den 1ten May 1860
Meine liebe Maria!
Dein letzter Brief an mich mit den sehr traurigen Nachrichten über der armen Emma Befinden hat uns alle tief erschüttert u. Onkel u. Tante Bufleb waren noch schmerzlicher davon ergriffen, wie bei der ersten Nachricht, wäre sie todt gewesen, ich glaube sie hätten es ruhiger getragen. Ich habe ihnen nach u. nach den ganzen Inhalt Deines Briefes gesagt, weil ich es für Unrecht hielt, unter diesen Umständen etwas zu verschweigen. Ich bin durchaus nicht für das Verheimlichen u. ich selbst würde unglücklich darüber sein, wolle man mir in einem solchen Falle irgend etwas verheimlichen. Dein Brief an die Tante Augusta, der vorigen Sonabend an= kam, hat diese wieder etwas beruhigt u. die Hoffnung auf Emma's Herstellung wieder in ihr belebt u. ich bin auch herzlich froh, daß diese bessere Nachricht noch vor ihrer Abreise gekommen ist u. sie doch mit etwas erleichtertem Herzen diese weite u. beschwerliche Reise antreten wird. Ich habe indeß wenig oder keine Hoffnung daß Emma wie= der eine volle Geisteskraft erlangen wird, diese hat schon seit längerer Zeit abgenommen woran doch höchstwahrscheinlich der Polyp Ursache ist u. er daß wohl eher schlimmer, wie besser da= mit werden wird. Wie ich jetzt gehört habe hat sie schon im vorigen Jahre sehr zerstreut geschrieben u. auch einmal an ihren Vater so verwirrt, daß dieser damals schon geäußert hat, Emma könnte wohl gar den Verstand ver= lieren. Daß sie das Kind so lange genährt hat finde ich schrecklich, ich habe Dir es auch im vorigen Sommer schon geschrieben daß die traurigsten Folgen haben könne,
[page 4, left-hand side of sheet 1]
sichtbar auf dem Herzen gelegen, daß er uns u. besonders Emma nun die Freude des Wiedersehens brachte aber dennoch konnte er sich nicht dazu entschließen auf längere Zeit aus seiner gewohn= ten Bequemlichkeit herauszugehen. Da Betty mir ver= sprochen hat in den Julyferien, wo sie volle Freiheit hat, hierher zu kommen u. die Wirthschaft zu führen u. dafür zu sorgen, daß den [sic] Vater nichts an seiner ge= wohnten Lebensart abgeht, so kann ich ja wohl auch ziem= lich ruhig 5 Wochen fortgehen, das ist die höchste Zeit, die ich auszubleiben gedenke, eine Woche wird es schon länger sein als Betty bleiben kann, aber der Vater versichert mir, daß er in dieser schon zu rechte kommen würde. Obgleich ich fühle, daß ich einer Aufheiterung u. Erholung sehr nothwendig brauche u. diese in dieser Reise zu finden hoffe, so kann ich mich doch noch gar nicht so recht daran freuen, das Herz ist mir voller Sorge um Wilhelm, seit dem 16ten März habe ich nun nichts wieder von ihm gehört u. wie viele Wochen hoffe ich schon vergeblich auf ihn selbst oder auch nur auf ei= nen Brief, ich bin jetzt ganz zaghaft geworden. Dann wird es mir auch sehr, sehr schwer wieder ohne den Vater die Reise zu machen, ich weiß nicht, thue ich recht, oder thue ich nicht recht daran u. vor der See= reise fürchte ich mich auch sehr, besonders, wenn ich daran denke, wie [strikethrough:] schwä= [/strikethrough ] schwach ich oft bin u. daß ich für die weite Reise doch nur eine sehr kurze Zeit habe. Ida ist, wie Du Dir denken kannst, ganz außer sich vor Freude über meinen Entschluß, an ihrer u. Emma's Freude muß ich mein Herz erwärmen, ich bin eigentlich doch recht abgestorben für so vieles, was mich sonst erfreute. Emma's letzter Brief war sehr lamentabel über die getäuschte Hoffnung uns zu sehen, sie hatte sie aufgegeben, dieser Brief hat viel mit dazu beigetragen mit zur Reise zu entschließen. Sie war schwer angegriffen u. klagte sehr über Zahnweh. Heute den 2ten May ist ihres kleinen Peter Todestag, der wird wohl recht schwer für sie sein. In Pulkowa wird es diesen Sommer sehr leer sein Otto Struwes reisen schon in 14 Tagen mit ihrer ganzen Fa= milie fort u. von den jungen Astronomen gehen auch einige weg.
