http://germanletters.org/plugins/Dropbox/files/Taylor_0201_0001.jpg - image of
« previous page | next page » |
To rotate image, first hold down Alt and Shift keys, then drag with mouse or trackpad (Safari, Chrome & Edge only).
Current Page Transcription
[page 1, right-hand side of sheet 1]
Gotha, den 27ten Februar 1860
Meine liebe Maria!
Mit vieler Freude habe ich Deinen letzten Brief erhalten u. aus denselben [sic] gesehen, daß es Dir u. der lieben Lilian u. auch Deinen [sic] guten Mann auf seiner Reise sehr wohl geht, daß ich über solche frohe Nachrichten immer sehr glücklich bin wirst Du Dir wohl den= ken können, sie erheitern mir mein sehr stilles u. ein= förmiges Leben. In den letzten Wochen fühlte ich mich sehr angegriffen, die tief schmerzlichen Erinner= ungen, die sie bis an mein Ende für mich haben werden, können natürlich nicht ohne Einfluß auf mei= nen Körper bleiben, ach! ich leide sehr schrecklich in dieser Zeit, der Schmerz bricht immer wieder mit aller Ge= walt hervor, u. nur nach großem Kampf werde ich wieder Herr darüber. Ich mache mir oft Vorwürfe, daß ich mich nicht mit mehr Ergebung in Gottes heiligen Willen finden kann, ich fühle, ich habe Unrecht u. doch ist der Schmerz so entsetzlich groß u. unaufhörlich steigen die schrecklichen Bilder jener Tage in mir auf u. Vorwürfe, daß ich nicht sorgsamer um meines ge= liebten Eduard Gesundheit gewesen, quälen mein Gewis= sen. Nun habe ich wieder überwunden, ich bin wieder ru= hier geworden, aber dennoch war es mir ein Bedürf= niß mich einmal darüber auszusprechen, es erleichtert mir das Herz u. wenn Du, liebe Maria, den Schmerz, der mich drückt, nicht verstehen kannst, so weiß ich doch, daß
[page 4, left-hand side of sheet 1]
daß man sich einen so hohen Schnee nicht zu erinnern weiß. Seit gestern ist Thauwetter eingetreten, möchten wir doch nun Frühling u. einen warmen bekommen, ich sehne mich unbeschreiblich danach. Von Wilhelm erwarte ich mit der größten Spannung einen Brief, doch das habe ich Dir ja schon geschrieben. In Pul= kowa sollte vorige Woche die silberne Hochzeit der alten Struwes gefeiert werden, aber der Alte ist krank geworden u. die Feier deßhalb unterblieben. Emma geht es gut u. Lina ist sehr niedlich, ich hatte ihr durch Gusses zwei kleine Schachteln Spielzeug geschickt, das hat große Freude bei ihr erregt. Von Maria Wittig kann Dir nichts Näheres schreiben, denn ich habe gar nichts wieder von ihr gehört, ihr Bräutigam hat 14 Jahre in Amerika gelebt, vielleicht weißt Du, welches [?] das ist. Ich finde es ganz schrecklich, daß sie Dir nicht ge= schrieben hat, denn sie verbot es mir auf das Bestimmteste Dir davon zu schreiben. Ich möchte gerne wissen ob ein Brief an Deinen Mann angekommen ist, der den 13ten Februar hier aufgegeben ist u. nicht genug Briefmar= ken gehabt haben soll u. von wem er war. Der Brief= träger war zweimal bei mir u. verlangte noch nach- träglich Porto darauf. Am 14ten hatte ich einen Brief an Dich abgeschickt, aber mit 14 rt Briefmarken u. je= ner sollte nur für 9 rt enthalten haben. Von Buflebs soll er, wie die Tante sagt, nicht gewesen sein. Auf den Brief, welchen Du im December frankirt an Ida schicktest u. der so lange ausblieb, musste ich auch noch 14 rt Porto nach= zahlen. Doch nun muß ich Dir auch noch sagen, wie sehr ich mich freue, daß Lilian ein so liebes, hübsches u. gu= tes Kind ist, wenn ich mir denke, daß ich sie im näch= sten Jahre sehen werde, so schlägt mir daß Herz wohl recht hoch vor Freude, ich wage mir dieses Glück noch gar nicht
