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Gotha, den 23ten Januar 1860
Meine liebe Maria!
Vorige Woche kam Dein Brief an Ida, vom 11ten December, mit den für mich bestimmten Zeilen, an, nachdem wir die Hoffnung ihn noch zu erhalten, schon ganz aufgegeben hatten, u. vorgestern kam der andere, in welchen [sic] Du uns Deine Weihnachtsfeier beschreibst. Wir haben uns recht sehr gefreut, daß Ihr so glücklich u. ver= gnügt gewesen seid u. Lilian so ein gutes liebes Kind, wie gerne hätte ich ihr freudestrahlendes Gesichtchen sehen mögen! es ist wirklich sehr, sehr schwer für mich, daß ich das Glück, mich an dem Anblick meiner lieben Enkelchen [strikethrough:] entbeh [/strikethrough] zu erfreuen, ent= behren muß. Auch Luischen ist so sehr glückselig gewesen u. mit= ten in ihrer Freude ist sie auf einmal ganz nachdenkend vor dem Baum stehen geblieben u. hat ausgerufen "das ist also der Weihnachtsmann!". Emma hatte ihre schmerzlichen Erinnerungen nicht überwinden können u. sie sprach in ihrem Brief so viel von Sehnsucht, die sie am Weihnachtsabend nach uns gehabt hätte, daß ich eigentlich recht traurig über ihren Brief war. Gestern kam nun ein Brief an Ida u. auch einer an mich, in welchem sie näher beschreibt, wie sie das Fest verlebt haben u. aus wel= chen [sic] ich sehe, daß dieß doch eigentlich auf eine ganz angeneh= me Weise geschehen ist u. ich bin dadurch wieder um vieles beru= higt, aber ich glaube doch aus allen ihren Briefen entnehmen zu können, daß sie noch zu keinen [sic] inneren Frieden wieder= gekommen ist u. das liegt mir natürlich schwer auf der Seele. Was Du mir von E. Braistedt schreibst hat mich auch sehr betrübt, es ist ein hartes Schicksal für ihren Mann, die Tante Augusta u. auch für Euch u. ich weiß nicht wie das enden soll. Ich bin der Meinung, daß Du nicht länger anstehen darfst der Tante die
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schlechter sind sie. Seit ich Dir das letzte mal schrieb, bin ich viel unwohl gewesen u. habe oft eine so große Schwäche em= pfunden, daß ich zu allem unfähig war, jetzt geht es wieder besser, Madlung hat mir China nehmen lassen, die mir auch gute Dienste gethan hat u. wenn ich nun nur rechte Ruhe habe u. von Wilhelm nicht gar zu lange auf eine Nachricht war= ten muß, so wird es schon wieder gehen. Gestern erhielt ich ei= nen Brief von Ida Hornbostel in welchen [sic] sie mir schrieb, daß sie noch einen Brief von Wilhelm aus Aden vom 12ten Decem= ber gehabt habe u. daß nach diesem die Expedition den 17ten von Aden absegeln wollte. Das Schiff auf welchen [sic] Wilhelm ging soll äußerst bequem u. elegant eingerichtet sein u. mit allen Bedürfnissen aufs beste versorgt sein. Meine Gedanken sind immer bei ihm u. bitten Gott, daß er glücklich zurückkehren möge. Zu Ostern wird Betty als deutsche Gouvernante zu Frl. Alix kom= men, worüber sie sehr glücklich ist u. ich mich auch recht freue, sie bekommt mit Weihnacht u. Geburtstagsgeschenk 175 rt u. da= bei steht sie sich doch viel besser wie mit ihrer Schule u. kann neben= bei noch in der französischen u. englischen Sprache sich ausbilden. Daß Lulu Heß nach Frankfurt in eine Pension gegangen ist, habe ich Dir ja wohl geschrieben, sie soll viel Heimweh haben. Den Kauf mit den Schränken habe ich noch nicht abgeschlossen, weil mir der Preiß für den einen doch unerhört vorkam, es ist gar keine eingelegte Arbeit daran, sondern nur mit chi= nesischen Figuren in Lackfarben inwendig verziert, die Thüren u. jeder Kasten, mit denen das innere ganz ausgefüllt ist u. außen ist er mit zierlich gearbeiteten Messingbeschlägen verziert. Der Lack am ganzen Schrank hat keinen besonderen Glanz mehr. Den andern Schrank aber von Herzog Ernst dem Frommen werde ich ohne Bedenken nehmen, äußerlich hat er freilich ein ganz ordinärer Aussehen, aber die Thüren inwendig u. alle Kasten sind mit einer nicht ganz schlechten Materie, wie mir scheint versehen mit mythologischen Figuren. Die Kasten inwendig sind mit buntem Papier aus= geklebt. Ich habe versucht Dir die Form aufzuzeichnen u. lege das Blätt= chen bei. Ich glaube der chinesische Schrank wird nicht verkauft, bis
