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[page 1, right-hand side of sheet 1]
Gotha, den 5ten Januar 1860.
Meine liebe Maria!
Erst in dem nun begonnenen Jahr komme ich dazu Dir Deinen letzten Brief zu beantworten u. für den Auszug aus Deinen [sic] Tagebuch, den wir mit so vielen Vergnügen gelesen haben, zu danken. Es hat mir längst schwer auf der Seele gelegen, daß ich nicht früher dazu kam u. die letzten Nächte, wo immer wie= der ein Tag nach dem andern vergangen, ohne daß ich zum Schreiben gekommen war, hat es mich viel gequält, umso mehr, da ich mit so unbeschreiblicher Sehnsucht auf einen Brief von Dir hoffe, Li= lian's Unwohlsein hat mich geängstigt, seit ich die Nachricht davon erhielt u. da nun eine neuere länger ausbleibt wie ge= wöhnlich, so hat sich meine Angst sehr gesteigert. So kräftige Kinder zahnen oft sehr schwer u. darum ist meine Sorge doppelt groß um sie. Hast Du denn nicht versucht ihr Calcarea zu geben? einen Tag um den andern, das erleichtert das Zahnen oft auf eine merkwürdige Weise. Vom Schlitzen des Zahnfleisches habe ich noch nie etwas gehört, wenn es aber so große Erleichte= rung bringt, so muß es ja wohl gut sein. Gebe Gott, daß ich in diesen Tagen gute Nachricht bekomme. Ich habe eine sehr un= ruhige Zeit durchlebt, viel zu angreifend für meine wenigen Kräfte. Die Zeit vor Weihnachten vermehrt die häuslichen Ge= schäfte immer so sehr u. da ich nur das eine Mädchen habe, das sich noch immer gar nicht so [eingewürselt?] hat, wie ich wünsche u. erwartet hatte, so ist die größte Last davon auf mich gekommen, u. oft habe ich gedacht, daß mir wohl nie ein ruhiges Leben beschieden sein würde. In den Festtagen war ich so abgespannt, daß ich zu allem unfähig u. theilnahmslos geworden war, ich hatte August u. Ida eine kleine Tanzgesellschaft versprochen, aber es war mir un=
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Aden angekommen. Von Emma habe ich in der letzten Zeit oft recht sehnsüchtige Briefe bekommen, in dem letzten, den sie an unsern [sic] Weihnachtsabend geschrieben, sagt sie zum erstenmal, seit sie weg ist, daß sie großes Heimweh gehabt habe, bis spät am Abend endlich noch unsere Briefe gekommen u. sie aufgeheitert hätten. Es kümmert mich sehr, daß ihre Briefe oft in so trau= riger Stimmung geschrieben sind, obwohl ich es auch begreiflich fin= de, denn der Verlust eines so kräftigen Kindes lässt sich ja nicht so leicht überwinden. Sie hat einen Brief an Dich, liebe Maria, unter der Adres= se Tribune Office schon vor einiger Zeit abgeschickt u. bittet mich es Dir wissen zu lassen. Heute haben sie in Pulkowa Weihnachtsabend, ich hoffe daß Lina's Freude, sie von ihren traurigen Gedanken, die wohl heute noch reger sein werden, abzieht. Das Fest wird dieß= mal in der Struweschen Familie ziemlich still vergehen, Lottchen ist kaum aus dem Wochenbett heraus in welchen [sic] sie eine kleine Tochter, die mit so unendlicher Freude empfangen worden ist, den Tag nach der Geburt wieder verloren u. Emilia, Otto's Frau, lei= det schon lange an einem schlimmen Uebel am Knie u. hat sich jetzt einer sehr schmerzhaften Kur unterwerfen müssen. Von der ar= men Tante Anna habe ich durch Frl Möller sehr traurige Nachricht erhalten, es war, auf die harte Stelle ist ihr Caustic aufgelegt worden, das jedesmal 36 Stunden wie glühende Kohlen gebrannt u. damals eini= ge Messerrücken tief eingefressen hatte, so daß sie glaubten es sei nur noch die Wurzel davon übrig. Diese schmerzhafte Kur hatte sie aber so angegriffen, daß sie ausgesetzt werden musste u. sie benutzte nun diese Pause um täglich ein wenig auszufahren. Nach Neujahr sollte dann die Kur fortgesetzt werden, außer dieser Stelle waren auch noch einige kleine Verhärtungen da, deren Zusammenziehung auf die= selbe Weise verhindert werden sollte. Sie ließ mir sagen, daß der Arzt gesagt hätte, er sähe nicht ein, warum sie nicht geheilt wer= den könne, ich muß aber gestehen, daß ich jetzt wenig Hoffnung da= zu habe, das Uebel hat schon zu lange angehalten. Sie thut mir un= beschreiblich leid. Fumaroli hat jetzt wieder angefangen ihr mo= natliche Zahlung auszustellen, er soll die Gläubiger befriedigt ha= ben u. auch daran denken seine Verbindlichkeiten gegen uns zu erfüllen. Die Tante hat viel Vertrauen zu ihm, er hat alles auf=
[text on top of page, written upside down:] Wenn Du Prof. Jog u. seine Frau wieder siehest, so grüße sie freund= lich von mir. Zum neuen Jahre habe ich Euch glaube ich schon im vorigen Brief, Glück gewünscht. [/text on top of page, written upside down]
