http://germanletters.org/plugins/Dropbox/files/Taylor_0303_0001.jpg - image of
« previous page | next page » |
To rotate image, first hold down Alt and Shift keys, then drag with mouse or trackpad (Safari, Chrome & Edge only).
Current Page Transcription
[page 1, right hand-side of sheet 1]
Gotha, den 10ten Januar 1872
Meine liebste Maria!
Mit großer Sehnsucht erwarte ich einen Brief von Dir u. mache mir viel Sorge daß es mit Deiner Gesundheit wieder schlechter gehen könnte zumal Du mir im letzten schriebst daß Du wieder aufs Haus beschränkt u. nicht ganz wohl wärst. Gott gebe daß ich bald gute Nachrichten erhalte. Am Weihnachtsaben [sic] habe ich Eurer lebhaft gedacht, wie gerne hätte ich Euch hier gehabt, lieb Lilian würde gewiß eben= so glücklich gewesen sein wie Lina, sehr ha= ben wir uns an ihrer u. der Glückseligkeit von Wilhelms Kindern erfreut. Es brannten 3 Christbäume recht hell u. funkelnd in un= serem Saal, ein großer u. zwei kleinere für die Kinder u. für Lina, die sich sehr einen für sich gewünscht aber nicht erwartet hatte daß dieser Wunsch in Erfüllung ging. Leider konn- te Ida nicht zur Bescherung kommen, sie ist noch äußerst schwach u. war gerade in den Weihnachtstagen noch mehr angegriffen. Den ersten Feiertag war es sehr stille bei uns, Lina
[page 4, left-hand side of sheet 1]
sigen Postsekretär gleich ein rechter herber Schlag getroffen hat. Es scheint eine sehr gute Parthie für sie zu sein u. ich freue mich daß sie ein solches Glück gefunden, aber für mich ist es gar zu hart, alles was sie in der Wirthschaft kann habe ich ihr gelernt u. nun wo ich eben anfan= ge noch mehr Erleichterung dadurch zu haben muß ich sie wieder hergeben. Es wird sich nicht eine Person wieder finden, die so für mich u. den Vater passte wie sie u. wie viel schwächer u. kränklicher bin ich noch geworden in den 1 1/2 Jahren die sie bei uns ist, der Gedanke wieder die Mühe des Anlernens mit einer andern zu haben erdrückt mich fast, ich glau= be ich kann es nicht mehr. Im May wird sie von uns weggehen, die Hochzeit soll im Som= mer sein. Ich bin so ganz rathlos u. habe noch keine Ahnung wo ich jemand finden werde. Mit Onkel Bufleb's Befinden geht es in der letzten Zeit weniger gut, der Geist ist oft sehr gestört. Tante Emilie soll sich wieder sehr erholt haben, seit dem Herbst habe ich keines von ihnen gesehen. Die Blatterepidemie hat unsere arme Stadt noch immer nicht verlassen, der Hof u. das Theater sind deßhalb noch nicht hierher gekom= men. Sie herrscht hauptsächlich unter den ärmeren Klassen, doch sind auch die höheren nicht ganz verschont
[text on top of page 1, written upside down:] geblieben. Ich möchte Dir gerne noch manches schreiben meine liebste Maria, aber ich hatte gestern so heftige Kopf= weh u. bin heute noch zu angegriffen davon um mehr schreiben zu können. Herzlichen Gruß u. Kuß für lieb Lilian, auch Lina grüßt Euch [/text on top of page 1, written upside down]
[text at bottom of page 1, written upside down:] Gott gebe daß ich bald gute Nachricht von Euch erhalte! Mit innigster Liebe Deine Mutter. [/text at bottom of page 1, written upside down]
