Eugen and Lisbeth Haas to Eugen Klee, January 5, 1920, p. 1 - image of
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[roman:] Knittelsheim, 5. Januar 1920. [/roman]
Lieber Onkel! Liebe Tante!
Weihnachten ist vorüber und das neue Jahr ist gekommen. Auch in
dieser schweren Zeit wollten wir das Sinnbild der deutschen Weihnacht – den Tan=
nenbaum – nicht missen. Ich habe einen solchen selbst im Walde geholt und wir
haben uns gdenselben geschmückt und mit dem Notwendigsten darunter beschenkt. Unter
den wenigen Geschenken befand sich auch ein Pfund Kaffee, der uns nach langen Jahren,
wo wir ihn entbehrten, einen guten Weihnachtstrunk geben sollte. Unser Helenchen
hatte an seinem Baume große Freude, war es doch das erste Mal, daß sie alle die
glänzenden Dinge, die das Kinderherz erfreuen, wahrnehmen konnte. Sie ging – mit
10 1/8 Monat konnte sie schon laufen – um den Baum herum, betastete die erreichbaren Kugeln
vorsichtig und jubelte ganz besonders über einen kleinen gelben Vogel, den ich auf einem
Zweige befestigt hatte. Wir freuten uns an der Freude unseres Kindes, aber unsere Freude
war nur halbe Freude. Wie soll man sich auch voll und ganz freuen, wenn das Vater=
land in Trümmer liegt, wenn die Heimat in Frohn und Not ist, wenn unzählige
Menschen nicht Nahrung, nicht Kleidung, nicht Licht und Wärme haben, wenn Wucher= und
Schiebertum überhand nehmen und der eine Mensch ein Auge drum gibt, wenn der andere
keins hat. O Heimat! O Vaterland! Du stolzes Deutschland von einst – was bist du geworden!
Doch Weihnachts= und Neujahrszeit ist eine Zeit der Liebe, der Freude und so soll auch durch
mein Brief nicht Trauer, nicht Wehmut hindurchklingen, oder gar die Oberhand gewinnen, zudem
ich ja die elenden Verhältnisse bei uns zur Genüge dargelegt habe in meinem letzten Briefe.
Ein Freudenbrief, ein Brief der Dankbarkeit soll mein heutiger Brief sein. Unter dem Weih=
nachtsbaume wurden wir – wenn wir es nicht schon aus uns getan hätten – an Euch er=
innert; denn unter den brennenden Weihnachtsbaum kam eine Karte der Hamburg-
Amerika-Linie geflogen mit der Mitteilung, daß Euere Kiste, welche in den ersten
Tagen des November in Hamburg angekommen ist, am 20. Dezember per Eilgut an
meine Adresse abgegangen sei. Als Eilgut mußte sie in wenigen Tagen da sein und
so lebten wir in einer gesteigerten frohen Erwartung, die die Weihnachtsfreude verschönte.
Am 31. Dezember, also am letzten Tage des Unglücksjahres 1919, erhielt ich von der Bahnstation
Bellheim die Nachricht, daß für mich eine Kiste von 95 kg angekommen sei. Sofort
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[roman:] Knittelsheim, 5. Januar 1920 [/roman] Lieber Onkel! Liebe Tante! Weihnachten ist vorüber und das neue Jahr ist gekommen. Auch in dieser schweren Zeit wolten wir das Sinnbild der deutschen Weihnacht --den Tan- nenbaum -- nicht missen. Ich habe einen solchen selbst im Wald geholt und wir haben uns denselben geschmückt und mit dem Notwendigsten darunter beschenkt. Unter den wenigen Geschencken befand sich auch ein Pfund Kaffee, der uns nach langen Jahren, wo wir ihn entbehrten, einen guten Weihnachtsgetränk geben sollte. Unser Helenchen hatte an seinen Baum große Freude, war es doch das erste Mal, daß sie alle die glänzende Dinge, die das Kinderherz erfreuen, wahrnehmen konnte. Sie ging -- mit 10 1/8 Monat konnte sie schon laufen -- um den Baum herum, betastete die erreichbaren Kugeln vorsichtig und jubelte ganz besonders über einen kleinen gelben Vogel, den ich auf einen Zweige befestigt hatte. Wir freuten uns an der Freude unserer Kinder, aber unsere Freude war nur halb Freude. Wie soll man sich auch voll und ganz freuen, wenn das Vater- land in Trümmer liegt, wenn die Heimat in Frohn und Not ist, wenn unzählige Menschen nicht Nahrung, nicht Nahrung, nicht Kleidung, nicht Licht und Wärme haben, wenn Wucher- und Schiebertum überhand nehmen und das ein Mensch ein Auge drum gibt, wenn der andere keins hat. O Heimat! O Vaterland! Du stolzes Deutschland von einst - was bist du geworden! Doch Weihnachts- und Neujahrszeit ist eine Zeit der Liebe, der Freude und so soll auch durch mein Brief nicht Trauer, nicht Wehmut hindurchklingen, oder gar die Oberhand gewinnen, zudem ich ja die elenden Verhältnisse bei uns zur Genüge dargelegt habe in meinem letzten Briefe. Ein Freudenbrieg, ein Brief der Dankbarkeit soll mein heutiger Brief sein. Unter dem Weih- nachtsbaum würden wir - wenn wir es nicht schon aus uns getan hätten - an Euch er- innert; denn unter dem brennenden Weihnachtsbaum kam eine Karte der Hamburg- Amerika-Linie geflogen mit der Mitteilung, daß Eure Kiste, welche in den ersten Tagen des November in Hamburg angekommen ist, am 20. Dezember per Eilgut an meine Adresse abgegangen sei. Als Eilgut musste sie in wenigen Tagen da sein und so lebten in wir in einer gesteigerten frohen Erwartung, die die Weihnachtsfreude verschönte. Am 31. Dezember, also am letzten Tage des Unglücksjahres 1919, erhielt ich von der Bahnstation Bellheim die Nachricht, daß für mich eine Kiste von 95kg angekommen sei. Sofort
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