Kirchheim d. 28 Januar 1883
Liebe theure Schwester!
Dein langes Stillschweigen lies mir nichts gutes ahnen, & sagte zur Marie es ist gewiß ein Todesfall eingetretten! Die l. theure Pauline ist also nicht mehr unter den lebend der l. himlische Vater der nichts thut als was weiße & gut ist wird es auch mit dem l. Kind gut gemacht daß Er Sie aus dem Lande der Unvollkommenheit in das Land des Lichts & der Seeligkeit versetzt hatt zu unsren l. vorangenen die Eitelkeiten der Welt werden Ihr jetzt nicht mehr wichtig sein weil Sie dort viel herlicheres finden wird als was die Welt biten kann; für dich l. Schwester ist gewiß besser daß der Herr dein l. Kind vor dir heimgeholt hatt, weil es dir beim abscheiden von der Welt schmerzlich gewesen wäre Sie zurük
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zu lassen leid ist es mir daß ich das gute Kind nicht im Leben gekannt habe obgleich die Phothographien gewiß gut sind auch sehr fein gemacht das Bild Deiner l. Schwigertochter ist sehr hübsch & läßt auf ein gutes Herz schlißen nur wird sie jünger aussehen als das Bild darstellt auch die l. Pauline sieht älter aus das l. Kind ist das allerschönste & hatt einen so liblichen Ausdruck ich möchte fast sagen schon etwas entschidenes in seinem Gesichten die Bilder machten uns große Freude als ich das schöne lange Haar erblickte sagte ich sogleich die l. Pauline ist gestorben der leidende Zug ist im Bilde deiner l. Tochter deutlich wahrzunehmen so wäre es auch bei meiner l. Marie, ich & die Marie freuen uns über die schönen Bilder & danken dir von Herzen dafür meine beiden Enkel werden auch bald abgenomen werden nur ist die Johanna wirklich gar mager in folge des starken wachsens & des vielen lernens der Max ist schwächlicher als Johan, er hatt öfter Husten & Kopfweh, die beiden
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müssen gar zu viel lernen wenn sie in die lateinische Schule gehen
Liebe Schwester es wird gut sein wenn du in deinem Eigenthum bleibst so haben doch die l. Julie & Johanna bei dir eine Heimat, die l. Johann[a] wird dir auch wie eine Tochter sein weil Sie die l. Pauline so treu helfen gepflegt hatt so kann ich doch auch mit Ruhe an Sie denken der Herr wird dir die l. treulich vergelten.
Von Nürnberg habe ich mit dem neuen Jahr keine guten Nachrichten bekommen der gute Wilhelm schreibt daß Er in folge von Erkältung den ganzen Sommer krank gewesen sey viel habe im Bette ligen müssen Die Mutter unsere Schwägerin leide schon ein ganzes Jahr an einem bösen Fuß in folge des übertrettens haben sich die Sehnen verzogen alle ärtztlichen Mittel waren bis jetzt vergebens so lange hatten Sie nicht geschriben weil Sie den Zins an Pfar. Finckh nicht bezahlen konnten [?]auch[/?] an Lichtmeß 82 waren zwei Zinsen zu bezahlen, da habe
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ich einen bezahlt mit 11 Mark 58₰
und Ihnen geschriben den anderen möchten
Sie bezahlen habe Ihnen dann wider durch Gelegen
heit ein freundliches Brifchen geschriben das
war im letzten Frühjahr aber nicht keine Antwort
erhalten die Babette könne auch nicht viel ver=
dinen weil Sie die Haushaltung zu besorgen habe
denn Sie haben 3 Gimnaßten in Kost & Logie
den die Schwägerin kann blos unter großen
Schmerzen auf den Fuß tretten sei immer
recht traurig & betrükt es sey eben arg
wenn man gar nichts zum zusetzen habe den
der Vater habe von unsrer Mutter nichts be=
kommen die Schwägerin hatt auch nicht viel
gehabt & zu hoffen hätten Sie auch von keiner
seite nichts das hatt die Schwägerin zu mir
gesagt als ich dort war ich sagte Ihr daß
unser Bruder eben die Leichtsinnswege
gegangen sei & Sie sehr dadurch beileidiget[parts of the word overwritten]
habe wo Sie hätte ein gutes Alter bei Ihm im
Friden hätte verleben können wenn Er brav
gebliben wäre! auch die Schwägerin hatt
schweres mit Ihm durchzumachen gehabt
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weil er im Wirtshaus gespilt & in
die Lotterie gesetzt hatt, ich glaube daß
er in der bezihung hätte keine bessere Freuden
können die in so in ein geordnete Lage
hätte bringen können & das mit lauter
liebe & S [?]heimig[/?] der Schwägerin einzige
Freude sei noch das l. Enkelkind auch daß das
Kathchen einen so braven Mann bekomen hatt,
ich habe Ihnen geschriben daß ich einen
von den zwei Zinßen wider bezahlen wolle
& dich bitten ob du nicht den andern entrich
ten möchtest dann wären Sie doch diese Sorge
los den so viel auf einmal könte ich
unmöglich entrichten das ist die reine
Wahrheit die Christkindchen kosten mich
jährlich viel Geld im Hause alleine fünf
dan habe ich Enkelkinder von meinem
Manne hier & in Eßlingen die Eßlinger
sind besonders liebe & recht anständige
Mädchen eine ist zu hause die andre in einem
Pfarrhaus zur unterstützung der Hausfrau
der älteste Sohn ist als Pfarrer bei einer
Seckte in Straßburg angestellt man
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heißt sie die Irrwegianer da ist Er eigentlich Reiseprediger mit einem schönen Gehalt der zweite Sohn ist gegen wärtig Soldat in Schlettstadt noch weiter als Straßburg seinem Beruf nach ist Er Kunstgartner, von den zwei Söhnen welche die Sophie hinterlassen hatt ist der älteste auch Soltat den loben die Eltern nicht sehr der zweite ist als Contittor in Zweibrüken dieser ist ein recht braver & sparsamer Mensch hatt recht viel ahnlichkeit mit meinem Mann heißt auch Fritz, weil du Mine & Sophie gut gekant hast denke ich es wird dir nicht uninteresant sein etwas von ihren Kindern zu wissen ich empfele diese Enkel meines Mannes täglich dem Schutze Gottes Er möchte Sie doch behüthen vor dem Argen & seiner schrecklichen Macht den die Gottlosigkeit ist wirklich sehr groß auf der Welt aber die Gerichte Gottes welche Er über die abgefallene Menschheit schütet haben schon in erschreckender weiße ihren Anfang genommen.
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Die ungeheuren Überschwemmungen besonders an den
Rhein & Donaugegenden zeugen davon ich sandte dir
damit du es [?] bälter [/?] lesen kannst blos noch 4 Sontags=
blätter nun hast du alle bis auf zwei [strikethrough:] da [/strikethrough] will dir nun
immer 4 schiken damit solche nicht so altgebacken werden
du bezahlst ja das Porto so reichlich, das Lesungs=
büchle wirst du erhalten haben habe alle Jahr
eines von der l. Nane erhalten nun habe ich es mir
für dieses Jahr selbst angeschafft & und dir auch eines
deines lies ich blos Broschiren wegen des Portos
in [?]Pregendekor[/?] schwarz eingebunden haben die Büchlein
ein ganz anderes aussehen mache es deswegen immer so
Denke nur die l. N. Kreusser hatt auch mich
in Ihrem Testament bedacht ich bekam 100 Mark
dieses wäre mir nicht im schlaf eingefallen hatt
mich natürlich sehr gefreut habe mir davon einen
neuen [strikethrough:] kleinen [/strikethrough] Kohlenofen setzen lassen welchen
ich nothwendig brauchen konnte das ganze übrige
Geld fand seine Verwendung für verschidene noth=
wendige Sachen die ich immer aufgeschobent z.b. auch einen
Muff. Die Mark sind auch begriflich viel bälder
ausgegeben als früher die Gulden; der Herr sorgt
immer [strikethrough:] das [/strikethrough] wenn man (man) Ihn sorgen läßt, den mit
unsren Sorgen ist doch nichts gethan.
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Bei der theilung des Vermögens der l. Nane sind auch
Unannehmlichkeiten vorgekommen: nach dem Tode der
alten Frau hatt die l. Hanne ihr ganzes Vermögen bekomm=
en das hatt Sie mir selbst einmal gesagt daß Sie an
Ihrer Schwester nicht mehr Erbin sei die zwei Brüder
glaubten gar nicht anders als daß Sie untereinander
theilen dürfen, dem Finckh ist das Testament auch mitge
theilt worden der hatt einen Advokaten genommen
& das Testament angefochten es war hauptsächlich
in dem früheren Testament etwas enthalten nachdem
Er auch miterbe gewesen wäre ehe es die zwei Brüder
zu einem Proceß haben kommen lassen haben Sie
lieber mit Finckh ac[o]rdirt somit hatt er noch [?] 560 [/?] M
5600 Mark bekommen das hatt mir der Pfarrer Alles
mitgetheilt der hatte eine große Arbeit mit der Nane
schriftlichen Hinterlassenschaft war sehr anstrengend
für Ihn den Er wird im Merz 80 Jahre alt ist [strikethrough, 1 word, illegible]
noch ganz aufrecht aber mager & runzlich sein
Bruder Karl hingegen ist sehr stark aber auch
schon grau der Fritz könnte den Nürnbergern das
kleine Capithal wohl schenken da Er jetzt ein so unver
hofftes Erbe hatt anthun können Er wird auch sein
wie die meisten Pfarrer welche [insertion:] mehr [/insertion] trachten nach dem
das auf Erden ist als nach dem was droben ist
und die Lebenszeit fließt so schnell dahin
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als flögen wir davon das Ende kommt es kommt
daher wer will uns Zuflucht geben wir bitten dich
O ewiger gib uns das ewige Leben. aber vielen
Mensch zerrint Ihr Glück mit dem jrdischen Leben das
ist sehr traurig der Herr möchte uns daher aus Gnaden
seelig machen ich hoffe zu Gott daß wir uns drüben
wider sehen dürfen auf dieser Welt wird es nicht mehr
geschehen aber darauf freue ich mich.
In vielen Orten in Amerika soll es so entsetzlich kalt gewesen sein bei uns ist der Winter sehr gelinde wie voriges Jahr es ist nie anhaltend kalt auch wechselt das Wetter beständig & kriegt mancherlei Krankheiten
Ich wünsche von Herzen l. Schwester daß der l. Gott dich & deine l. Familie gesund erhalten moge & daß die lange Krankenpflege deiner zarten Gesundheit nicht noch nachträglich Schaden bringen möge, der l. Julie & Johanna viele freundliche & herzliche Grüße wie an die l. deinigen wunsche daß dein l. Enkelkind so fort gedeihen möge besonders grüßt & küßt dich deine treue Schwester Babette Tritschler
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N.S.
l. Schwester verzeihe mein schlechtes schreiben es geschiht mir gar sauer das geschribene nocheinmal zu lesen ich denke mir daß manches fehlerhaft ist mit dem denken geht es mir eben so Die Schwachheiten des alters stellen sich nach & nach ein nach Tisch bin ich schon müde daß ich ein halbstündchen hinliegen muß auch schwäche in den Füßen doch dieses ½ stündchen Ruhe macht alles wider gut, ich danke dem l. Gott daß es noch so ist gegen andere in meinem Alter welche nicht mehr fort können oder gar den Tag über im bette ligen müssen das ärgste wäre mir wenn wol Mühe mit mir hätte mich zu bedinen aber es ist mir vor daß ich nicht lange krank sein darf der l. Gott wird wie ich hoffe mein Gebet erhoren.
Du wirst bald ein schwarzwollenes gehakeltes Halstüchle bekommen wir hatten schon das Garn zu einem weißen gekauft als der trauerbrif ankam, nun wird es ein schwarzes Lebe recht wohl deine mit dir trauernde Schwester Ba[ink spot]
Mrs.
Charlotte v. Hoeflin
Washington
Illinis
[postmarks]