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München d. 30ten August 69.
Mein lieber Bruder!
Außergewöhnlich lange, hast du wohl dieses Mal nichts von uns gehört, - das kam aber daher, - daß ich immer auf Deinen, die Photographie betreffenden Brief wartete, den Du uns längst angekündigt, u. der uns erst gestern erreichte trotzdem er vom 1ten Aug. datirt ist; über das lange Ausbleiben deßelben, - klärte uns, eine auf der Rückseite angeklebte gedruckte Notiz auf, - lautend "aus dem untergegangenen Postdampfer Germania geborgen", u. allerdings zeigt auch das sehr verwischte Aussehen Deiner Zeilen, - daß sie Wasser geschluckt. -
Robert ist zur Zeit nicht hier, - u. wird daher erst mit Albert über Eure Entdeckungen des Fehlerhaften nach seiner Rückkehr, - die Ende der Woche erfolgt sprechen. - R. ist seit dem 20ten mit seinem Generale v. d. Tann auf einer Inspektions Reise begriffen, bleibt nach seiner Rückkehr um Manöver mitzumachen 5 Tage hier, - u. geht dann mit eben demselben in das
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bei Schweinfurt von einem großen Theile unsrer Truppen bezogne Lager, - von wo er erst am 18ten zurückkehrt. - Ich bin froh, daß er ein bischen hinaus kommt, - denn wenn er auch immer dienstlich beschäftigt ist, - so kommt er doch ein bischen aus dem hiesigen Schlendrian hinaus, - sieht andre Menschen u. Gegenden, was doch immer etwas erfrischt, - u. das braucht mein Gemahl der gerne allzu sehr Philister wird. -
Was nun Tante anbelangt, so ist dieselbe vor 3 Wochen von Rosenheim hierher zurückgekehrt, u. ist in ihrer Umständlichkeit nun die ganze Zeit mit Zurüstungen zu der Reise in die Pfalz beschäftigt, - wohin sie in Gesellschaft von Frau Hagemann, - die bei Frau Orth sich auf längere Zeit einlogiren will nächsten Donnerstag am 2ten reisen wird; Tante geht nur bis Heidelberg wo sie bei Faller einige Wochen bleiben will, - von da will sie dann Speier u. Lautern heimsuchen, u. kaum vor 6 Wochen hierher rückkehren. - Du wirst staunen, daß ich Tante nicht begleite lieber Heinrich, - was mich dazu veranlaßt, ist lediglich der Geldpunkt. - Du warst zwar so gütig mich schon wissen zu lassen, - daß ich Anfang September für die [crossed out] September [/crossed out] Miethe
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von Dir wieder 175 fl zugeschickt bekomme, - eine Groß - muth, die ich Dir nicht genug danken kann, - aber trotzdem erlaubt es unser Finanzminister nicht, daß ich die alte Heimath wiedersehe. - Ich sollte nämlich die Reise in die Pfalz, - als meine Sommerfrische betrachten, - u. außerdem ganz sparsam den Sommer über hier zu bleiben. - Nun hatte mich aber wohl Robert's Krankheit, - wie auch die große Hitze sehr angegriffen, - dazu bekam meine Köchin den Typhus mußte 5 Wochen in's Krankenhaus, - und um alle diesen Dingen zu steuern, wollten Robert u. Tante, daß ich zu Letzterer nach Rosenheim gehe. -
Das that ich, - da ich fühlte, daß mir Ruhe u. Luftveränderung Noth that, denn auch, - u. blieb dort bis Ende Juli, volle 4 Wochen. - dieser unvorhergesehene Land- aufenthalt nun, da ich dort zu meiner Stärkung Soolebäder nahm, - hat das für die Pfalz bestimmte Geld, - vollständig verschlungen, - u. ohne uns in Schulden zu stecken, - kann ich mir dieses Vergnügen nun nicht gewähren; darf es auch nicht, - denn Robert hatte nach Lotzbeck's Ausspruch eine Erholung nach seiner Krankheit so nöthig u. konnte sie sich aus obigen Gründen nicht gewähren, - wie wäre es
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sündhaft, wenn ich so viel für mich verbrauchte, wo der arme Robert seit 2 Jahren, - nie in Urlaub gehen konnte, - sich nie ein Vergnügen erlaubte. - Das Leben wird eben immer theurer, - u. diese Generalstabsuniform, - kostet fabelhaft, - trotz Deiner großen Freigebigkeit müssen wir sehr sparen um durch zu kommen, - u. hätten wir nicht die Aussicht von Dir wieder im September so unterstützt zu werden, ich wüßte nicht wie die Miethe zahlen. -
Darum, lasse ich Tante allein reisen, - pflege einst- weilen die hier zurück bleibenden Hundchen, - u. weiß in Frau H's Gesellschaft zu meiner Beruhigung Tante auf der Reise gut versorgt. -
Von Richard bekam ich heute Briefe, er ist zwar böse daß ich nicht komme, - sieht aber ein daß es vernünftig ist, - u. will er nun so es sich irgend machen läßt, im September, während Tante in Heidelberg, Robert im Lager ist, - auf 10 Tage hierher kommen. -
München bietet eben so viel Schönes, - u. wimmelt von Fremden aller Nationen; - wir haben seit Ende Juli hier eine superbe Kunst - u. Industrieaus- stellung [insertion] im Glaspalaste [/insertion], - u. sind bei ersterer wirklich mitunter
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superbe Sachen, - Letztere sah ich noch nicht, doch soll sich da ein Besuch sehr lohnen. Noch eine Ausstellung von Gemälden älterer Meister, - ist in dem Gebäude gegenüber der Glyptothek, u. wird auch vielfach besucht. - Außerdem ist nun hier ein sehr guter Circus, u. ein neues café, "café national" entstanden, - Letzteres in der Ottostraße gelegen, - bietet durch seinen herrlichen Garten, - wo Musikmeister Gangl am Abend seine Weisen ertönen läßt, viel Annehm- lichkeiten, - ist zu allen Tageszeiten von Fremden überfüllt, u. soll ganz an die Pariser café chantantis erinnern, - es ist das jedenfalls für München ein großer Fortschritt, - überhaupt nähern wir uns glaube ich doch allmählig einer Großen Stadt, - haben wir doch jetzt auch ständige Omnibus die nach allen Richtungen in großer Zahl die Stadt durchkreuzen, u. durch ihre Überfüllung zeigen wie nöthig sie bei der immer größern Ausdehnung u. Bevölker- ung München's sind. -
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Unser Theater hatte Behufs vollständiger Umgestaltung, - Umbau der Bühne, größerer Beleuchtung etc, - eine Pause von 2 Monaten, - wurde erst am 25ten dhs wieder dem Besuche geöffnet, - u. sollen die Neuerungen sehr zu loben sein. - [crossed out] Heute [/crossed out] gestern sollte eine neue Oper Wagners "das Rheingold" vom Stapel laufen, u. waren, - trotzdem der billigste Platz [underlined] 5 fl [/underlined] kostete seit Wochen alle Plätze genommen, - u. alles schwärmte von "Rheingold" nur weil es eben von Wagner war. - Vorgestern nun war die Hauptprobe, - u. soll leider alle Gemüther [crossed out] schm [/crossed out] denen es vergönnt war ihr beizuwohnen, schmerzlich enttäuscht haben; - selbst der eifrigste Verehrer Wagner's unser König, - soll ob dieses unklaren, unbefriedigten Machwerks sehr unzufrieden gewesen sein, - u. Thatsache ist, daß die gestrige Aufführung dieser Oper abgesagt wurde, [crossed out] u. er [/crossed out] man hofft nur vertagt, - Viele fürchten für immer, - was um deßwillen unerhört wäre,
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da seit Monaten tausend von Händen, mit den Vorarbeiten dazu beschäftigt sind, u. diese Oper unsere Majestät, dies aus ihrer Kabinetskasse zahlt, fast eine halbe Million Kosten soll! Was hätte man für dieses Geld, Gutes stiften können. - Fanny sage, daß die Mallinger nun wohlbestellte Ehefrau ist, - sie hat einen Hr. v. Schimmelpfennig v. d. Oye geheirathet, - einen durchgefallenen Comödianten, - dessen blühendes Äußere seine einzige gute Eigenschaften ist; die gute Sängerin verläßt uns leider im Oktober um ein engagement in Berlin anzutreten, - u. wir werden schwer einen Ersatz für sie finden. -
Sonst, gibt es hier gar nichts Neues, - der Sommer naht sich dem Ende zu, - u. die Bekannten die nach allen Richtungen zerstreut sind, kommen allmählig wieder in ihr Daheim zurück. -
Frida mit Gemahl, der gottlob wieder sehr auf der Besserung ist, kamen nach mehrmonatlicher Abwesenheit gestern wieder hierher zurück. - u. senden Euch durch mich die besten Grüße. - von unsern Pfälzer Verwandten u. Bekannten, weiß ich Dir gar nichts
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zu vermelden; Emil war neulich auf 8 Tage hier, er frug um Deine Adresse, wollte Dir schreiben; wann er heirathet wissen die Götter, daß leidige Geld, ist da auch zu schwach vertreten; recht freundlich ist es von Dir, daß Du ihn mit einem amerik- anischen Hochzeitsgeschenk bedenken willst, was verstehst Du wohl darunter? - Marie Esebeck u. Schulze's sind den ganzen Sommer in Starnberg, - sie waren schon öfter u. plagten mich sie draußen zu besuchen, - aus obigen Gründen unterließ ich auch das. - Sie fragen stets viel nach Euch, u. fanden Helenchen's Photographie sehr nett, u. an Fanny erinnernd. - Ich hoffe zuversichtlich, - daß letztere Beide fortwährend wohlauf sind, wie auch die sonstige Familie. - daß Du lieber Heinrich so mit diesem Ohrensausen geplagt bist, - beunruhigt uns recht; - arbeite nur nicht zu viel, u. tröste Dich, daß es sich mit der Zeit wieder verliert, unser armer Vater litt ja auch so daran, - u. war es mit einem Male los. - Am 4ten September sind es schon 2 Jahre, daß wir den Theuren verloren haben, - ach das sind immer schmerzliche Tage! Und nun mein Bruder genug für heute, für langes Warten habe ich Dich nun durch ausführlichen Bericht entschädigt. - Grüße von der Tante, - u. Gruß u. Kuß Euch Allen, Groß u. Klein von Eurer treuen Emma.