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München d. 20ten Juni 69.
Lieber Heinrich!
Du beklagtest Dich wieder in Deinem letzten Briefe an Richard, daß wir zu selten schreiben, - aber ganz mit Unrecht, ich schrieb regelmäßig alle 4 Wochen, Tante ebenso, - daß Du gewiß längstens alle 3 Wochen, hättest Nachrichten von uns haben müssen; Du hast nun wohl auch längst meinen Brief erhalten der Dich von Robert 's rascher, gänzlicher Gesundung benachrichtigte; derselbe wird diesem Briefe auch einige Zeilen beifügen, wegen der von Dir ihm gewordenen Auftrages den er sich bestrebte bestens zu erledigen. Ich denke die beifolgenden Photographien sollen Euch gefallen, - namentlich die von den Schlingpflanzen aller Art [umgeben?] Treppe, - die einen Theil der Rosen[?] am Starnberger - See wiedergiebt ist doch wundervoll! - Das Mädchen am Spinnrocken ist auch reizend, - es ist eine Scene aus Wagner's "fliegendem Holländer." Unsre hiesige protestantische Kirche u. Umgebung wirst Du auch erkennen; die etwas entblößte Figur ist eine hier mal als "Orpheus" aufgetretenen Sängerin in eben dieser Rolle. - die beiden andern Bilder sind mir fremd. - Wir hätten gewünscht um Porto zu ersparen nur Visitenkartenformat zu erhalten, - doch Albert bat uns sehr
[margin, page 1] Heute kam Dein Brief von New - York an Tante an, u. habe ich ihn gleich nach Rosenheim gesandt. [/margin, page 1]
[top of page 1, written upside down] mit Photographien d. 21ten Juni: Als das Packet schönstens verpackt zur Post kam, wurde es mir wieder rückgeschickt, - es darf kein Brief darin sein, u. ich mußte es anders verpacken; nun kommt also der Brief extra u. wohl früher als die Photographien. [/top of page 1, written upside down]
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doch ja die größeren Bilder zu schicken. -
Tante hat Dir wohl schon vor einiger Zeit von Rosenheim aus geschrieben, - u. Ich weiß nichts weiter von ihr zu sagen als daß sie von dort ganz vergnügte Briefe schreibt u. mit dem Erfolg der Cur ganz zufrieden zu sein scheint, - auch wohl noch den ganzen Juli draußen bleiben wird. - Sie hat dann Pläne in die Pfalz zu gehen, - mögte mal wieder nach Richard's Häuslichkeit sehen, - was vielleicht auch nöthig sein mag, - denn seit 2 Monaten ist der Ärmste in Folge einer Unterleibsentzündung sehr leidend, - u. schreibt ganz niedergedrückte Briefe; wird wohl in ein Bad müssen, - u. ich fürchte unsre Hoffnung ihn im August zur Kunstausstellung hier zu sehen, wird zu nichte werden. - Was so plötzlich doch an den sonst so gesunden Mann kam, daß er sich so gar nicht erholen kann?
Auch ich war die letzte Zeit wieder öfter unwohl; die Hitze hat scheint's auf meine viele Galle, einen nachteiligen Einfluß, - da ich mich so oft erbrechen muß u. gar zu oft von Kopfweh heimgesucht werde, - was ich nur durch wenigst mögliches Ausgehen am Tage, mir etwas erleichtern kann. - Ich gehe nicht nur von 7 - 8 eine Stunde spazieren, u. sind die Abende warm u. schön, hören wir manches Mal [?] eine Musik im Freien. -
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Unsre Bekannten sind fast alle fort von hier, theils in Bädern theils auf dem Lande, - Schulze u. Esebeck haben sich für den ganzen Sommer in Starnberg eingemietet, wo ich sie nächstens ein Mal für einen Tag besuchen will. -
Hier ist es nun ziemlich still u. hölzern u. nur die massenhaften Fremden bringen etwas Leben mit; Ende Juni wird das Theater auf 2 Monate geschloßen, - da großartige Neuerungen namentlich was die Beleuchtung betrifft in demselben vorgenommen werden sollen. - Frl. Mallinger ist leider in Berlin engagirt u. trat dieselbe [?] zum letzten Male in Lohengrin auf, wo sie die Elsa wirklich zauberhaft schön wiedergab. - Das ist für uns ein uner- setzlicher Verlust. - Frida mit Gemahl ist nun schon 3 Monate von hier fort u. glaubten wir sie in Saus u. Braus in Paris lebend, - da sie an keine ihrer Bekannten schrieb; gestern nun hörte ich zufällig aus 3ter Hand, sie seien nach 14 Tagen bereits wieder von Paris abgereist, - da ihr Mann dort plötzlich erkrankt u. auf der Rückreise in Speier liegen geblieben sei, - wo er nun im Spital in Separat- zimmern untergebracht an der schrecklichen Breith'schen Krankheit an der unser armer Vater so litt, - darniederliege Bestätigt sich das, - wäre Heintz rettungslos, - denn für diese Krankheit ist ja noch kein Mittel bis jetzt erfunden. -
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Ich bin zu neugierig zu hören ob, u. was mehr an der Sache, u. habe an Tante geschrieben sich doch deßhalb an Kissel's zu wenden, die arme Frida würde mich schrecklich jammern, wenn sie ein solches Schicksal hätte. -
Meine Schwiegermutter ist nun schon 10 Wochen immer zu Bette, u. war vor 14 Tagen so krank, daß man stündlich ihr Ende erwartete, - in den letzten Tagen hat sie sich aber so erholt, daß wir wieder neue Hoffnung schöpfen, freilich, was läßt sich mit 67 Jahren noch erwarten? Emil der erst kürzlich wieder von Augsburg hier war fragt stets nach Euch u. sendet Grüße, ebenso Graf Tattenback der gestern Abend den Thee mit uns trank, - u. der sich am 10ten August verheirathen wird, was er kaum erwarten zu können scheint. -
Neues gibt es hier gar nichts, - u. auch von der Pfalz weiß ich Dir nichts zu melden, - auch wird Dich Richard wohl von den dortigen Bekannten benachrichtigen, - ich stehe mit Niemand in Correspondenz u. werde immer fremder in der alten Heimath. -
Doch nun zu Euch; Ihr habt also so viele Freude an Eurer kleinen Tochter, die nun bald ein Jahr alt ist, - u. sich von Tag zu Tag mehr entwickeln wird u. für Euch namentlich für Fanny weniger Mühe verursachend sein wird. -
Der Kleinen hat die vorgehabte Reise nach Neu - York u. die Ruhe von häuslichen Mühen u. Sorgen gewiß recht
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gut gethan; ich sehe an meiner Schwägerin Anna, daß Kinder Sorgen machen u. den Müttern zusetzen, - denn dieselbe sah so elend aus, daß sie nun auf Anraten des Arztes ohne Kind zur Erholung auf 4 Wochen in ein stilles Gebirgs- bad mußte, - während ihr Kind welches ein ganz reizendes gescheidtes kleines Mädchen ist, an dem selbst ich, die die Kinder sonst nicht liebt meine Freude habe, - hier bei seinem Papa u. mir ordentlich zu Magd zurück blieb. - Da Du lieber Bruder in Deinem Briefe an Richard nichts von Deinem Ergehen sagst, so hoffe ich, daß Dein vieles Kopfweh sich gebessert hat, - u. Du darin nicht zu sehr mit mir sympathisirst. - Arbeite nicht zu viel, - bei dieser Hitze muß Dich das ja anstrengen. -
Wie geht es denn mit den Füßchen der kleinen Nichte, fängt sie denn schon an diese selbständig zu bewegen? Und wann wird uns eine neue Photographie einen bessren, klarern Begriff von ihr geben?
Von Mr. Frank schreibt ihr eigentlich selten, - derselbe ist gewiß wieder verliebt, - ist es noch die alte Flamme, oder hat sie einem andern Stern weichen müssen?
Auf Eurem Landsitze muß es eigentlich jetzt recht hübsch sein, - so ganz umgeben von Grün, immer in frischer freier Luft wie beneidenswerth; wir hier in der Stadt entbehren doch gar viel u. gar so unschön, leer, staubig, u.
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brennend heiß, liegt die sonst so schöne Maximilianstraße da. - Der englische Garten ist dafür [?], u. habe ich nun 4 wochenlang jeden Morgen von 8 - 9 Uhr meine Schritte hinuntergelenkt um mein Hamburger Wasser, was ich gegen die Galle trank zu verlaufen. - Ohne Nutzen [insertion] zu haben [/insertion], habe ich diese Cur jetzt aufgegeben u. freue mich eines langen Morgenschlafes. - Im Sommer sind ohnehin die Tage so lange, - ich vertrieb mein vieles Alleinsein bestens durch Lesen, Briefe schreiben hie u. da Clavirspielen u. so rasch vergehen die Tage, u. wie bald wird der Winter wieder da sein, ich freue mich darauf, es ist so viel behaglicher man weiß doch seine Bekannten zu finden, während jetzt alles so zersplittert ist. -
Was macht denn Fanny's Lust u. Eifer zur Musik oder gestatten ihr die häuslichen Geschäfte nicht, diesem Vergnügen viel Zeit zu widmen? Unsre Gedanken sind viel bei Euch, u. oft beklagen wir, daß die Entfernung die uns trennt eine gar so gewaltige ist. -
Doch nun lebt wohl Ihr Lieben Alle, - laßt bald wieder von Euch hören u. hoffentlich nur Gutes, - u. Seid gegrüßt u. geküßt von Eurer Emma. Mr. Frank u. dessen Eltern bitte ich mich zu empfehlen; verlobt sich Ersterer soll er mir ein Bild seiner Braut senden! -
Neulich war mal der amerikanische Vize - Consul da, u. frug nach Deiner Adresse die ich ihm aufschreiben mußte, - er hatte Dir glaube ich was mitzutheilen, direktes sagte er nicht. -