Duisburg-Ruhrort, 23.1.27
Lieber Bernard!
Deinen Brief vom 23.8.26 habe ich erhalten, worüber wir uns sehr gefreut haben. Deine Briefe habe ich immer sofort bewortet. Mit dem letzten habe ich etwas ge- zögert, weil ich wahrscheinlich bald von Ruhrort weg- ziehe. Ich stehe nämlich mit der Stadt in Unterhandlung. Die Stadt will mir nämlich meinen Garten in Dbg.- Meiderich abkaufen, weil die Stadt dort den Stadtpark vergrößern will. Dieserhalb stehe ich mit der Stadt schon bereits 5/4 Jahr in Unterhandlung. Aber die Stadt hat viel Zeit. Ich warte jeden Tag auf den Ankauf. Wenn die Stadt gekauft hat, dann will ich wieder in die Gegend von Köln ziehen. Dort hat es mir am besten gefallen. Der Kölner ist nämlich sehr humoristisch ver- anlagt. Bei den passen die Schleupe. Dort kommt man aus dem Lachen nicht heraus. Bei Köln ist das reinste Paradies, ein sehr mildes Klima und Obstgärten das ist eine Pracht. Dort herrscht nicht so eine sibirische Kälte wie an der Har.
Das Postwesen scheint in Amerika nicht so zu klappen wie in Deutschland. Deine Briefe habe ich alle sofort be- antwortet. Auch Joseph habe ich damals auf Deine An- regung hin sofort geschrieben. Dieser Brief scheint auch wohl
nicht angekommen zu sein. In diesem Briefe wollte ich Euch um 150 Dollar anpumpen. Damals als unser Geld nichts wert war, konnte man hierfür eine Villa mit großem Garten kaufen, die heute 50000 Mk kostet. Ich hätte Euch das Geld mit gutem Verdienst nach 1 Jahr zurückgegeben. Vor 2 Jahren konnte ich eins von meinen Grundstücken in Sterkrade (2 Morgen) für 50000 M. verkaufen. Es war zwar etwas wenig, aber das hätte ich tun sollen. Die Gutehoffnungshütte in Sterkrade möchte zu gerne die ganzen 8 Morgen von mir in Sterkrade kaufen. Diese 8 Morgen, die heute unter Brüdern einen Wert von 300 000 M. haben, dafür will mir die Gutehoffnungshütte doch wohl 50000 M für geben. Ich kann mich aber beherrschen, die Gute H. H. appeliert so faustendick an meiner Dummheit. Ich hoffe bald mit der Stadt ins reine zu kommen, dann komme ich bald zum Ziel. Als auf meinen letzten Brief keine Antwort kam, dachte ich Du hättest mir meinen Ulk mit der Farm übel genommen. Ja, l. Bernard, als ich diesen Brief schrieb mit der Farm habe ich Tränen gelacht. Meine Frau protestierte noch schlimmer wie der alte Bebel im Reichstag und zwar mit folgenden Worten: " Du olle Ganop, du olle Hanswurst, du bringst den armen Benads ja mit deinen entwerteten Papier- lappen in Verlegenheit, des sind so Schleupsmücke." Ich gab ihr zur Antwort: "Da gibts gar nichts in Verlegenheit. Benads soll mir da eine Farm für kaufen und dann ist
die Sache erledigt. Ja, l. Bernard, Spaß muß sein, das sag ich auch immer, und wenn es bei der Frau im Bett ist. Damals als der Brotkorb so hoch hing, konnte ich mich nicht mehr freuen. Heute kommen die Schleups- mücke allmählich wieder zum Vorschein.
Die Ernte ist hier ganz gut ausgefallen, bloß die Spät- kartoffeln waren schlecht. Sie kosten hier in Ruhrort 7 M. pro Ctr. Deutschland widtmet sich wieder mehr der Landwirtschaft. Das Ödeland, wie die Lüneburger- Heide u. s. w. werden urbar gemacht, um die Arbeits- losen unterzubringen. Auch wird in Deutschland ein riesiges Kanalnetz gebaut. Dann kann man durch ganz Deutschland per Schiff fahren. Ich habe Dir einige Zeitungsaus- schnitte beigefügt wovon Dir manches interessieren wird. Deutschland hat sich wieder ziemlich erholt. Uns kam der englische Bergarbeiterstreik gut dabei zu Hülfe. Wir haben keine Erwerbslose an Bergleuten mehr. Wir haben so ziemlich unsere alten Kunden wieder bekommen, auch in der Industrie. Gott verläßt keinen Deutschen, lautet das bekannte Sprichwort. Und der deutsche Michel ist auch nicht zu faul zum Arbeiten. Durch den Krieg hat man Deutschland großes Unrecht zugefügt. Man hat allen Schmutz auf Deutschland ge- worfen und sie als Hunnen und Barbaren hingestellt, was alles gestunken und gelogen war. Das hat aber alles der Franzose fertig gekriegt. Die deutsche Diplomatie hat vollständig versagt. Ich stand damals vor einem Rätsel, als wir die ganze Welt zu Feinden hatten. Aber heute sieht man wie es gemacht worden ist.
Das deutsche Volk, und selbst Wilhelm wollten keinen Krieg. Wenn Wilhelm auch viel geredet und mit dem Säbel gerasselt hat, so hat er vom Tage von Saragewo bis Kriegsausbruch ununterbrochen für den Frieden gear- beitet. Der Russe hat schon vom Tage von Saragewo immer seine Truppen an unsere Grenzen geworfen, als Wilhelm sich um den Frieden bemühte. Die Folge davon war, daß Wilhelm zu lange mit der Mobilmachung gezögert hat und uns die Russen ganz Ostpreußen in Brand steckte, bis Hindenburg sie wieder hinaus warf und in die Masurischen Seen trieb. Die armen Leute waren zu be- dauern. Die Russen hatten sich beim Einmarsch in Ostpreußen Fähnchen gesteckt an den Straßen, damit sie nicht in die Seen kamen. Als die Russen vorbei waren sind die Förster in Rominten, wo der Kaiser immer zur Jagd ging, hinge- gangen und haben die Fähnchen an die Straßen gesteckt, die in die Seen führten. Als Hindenburg nun die Russen zurückwarf und die ganze Armee in die Seen ge- trieben wurde, ist ein fürchterlich Geschrei entstanden, was auf unsere Truppen nicht ohne Eindruck geblieben ist. Hindenburg hat die Regts-Musik spielen lassen, damit das Geschrei übertönt wurde. So etwas wird dann breit getreten, aber daß die Russen wehrlose Feinde wegschleppten und alles in Brand stekten, davon wird nichts gesagt. Poincarre und der russische Botschafter in Paris Iswolski sind die Urheber des Krieges. Iswolski hat ausgerufen, als er das Feuerchen am Brennen hatte, das ist mein Krieg. Frankreich und Rußland haben den Krieg vor langer Hand vorbereitet. Frankreich hat Rußland 46 Milliarden für
Kriegszwecke gegeben. Hierfür hat Rußland Heeresstraßen bis an die ostpreußische Grenze gebaut. 1916 sollte losgeschlagen werden. Der serbische Köter wurde von dem Russen ermutigt, daß er die große Donau-Monarchie andauernd in die Waden beißen müßte und so den Krieg hervorrief. Die gerechte Strafe folgt immer auf dem Fuße. Der Franzose muß seine 46 Milliarden die er dem Russen für Kriegszwecke gepumpt hat, mit schwarze Kreide in den Schornstein schreiben. Jetzt will sich der Franzose an Amerika schadlos halten. Seht nur zu, daß Ihr Eure Groschen bekommt und schenkt dem Franzosen nichts. Wenn der Franzose Krieg führen will, so muß er das auf seine und nicht auf ander- leuts Kosten machen. Uns hat man in dem Ver- trage von Versailles fürchterlich geknebelt. Das hat Wilson und Clemencean gemacht. Lord George hat man über- stimmt. Das amerikanische Volk hat seine Ehre gewahrt indem "[strikethrough:] de [/strikethrough]" es den Versailler-Vertrag nicht ratifiziert hat. Daß man dem Franzosen einen solchen Vertrag in die Hand drückte, dadurch hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Frankreich hintertreibt nicht bloß die Abrüstung sondern rüstet immer weiter und kommandiert heute die ganze Welt. Die Erkenntnis bricht sich heute schon immer mehr Bahn: "Hätten wir das alte Deutschland noch." Nun, lieber Bernard hiervon genug.
Wie ich aus Deinem Briefe ersehe, macht sich auch bei Dir
das Alter schon bemerkbar. Als ich damals Deine Photogra-
phie bekam, sagte ich zu meiner Frau an Bernard seinen
Fingern kann man sehen, daß er nicht gefaulenzt hat. Ja, mein lieber Bernard, wir haben auch schon die 60 auf dem Buckel und dann kann man nicht mehr vor dem Postwagen laufen. Ich bin körperlich noch ganz gesund, aber meine Nerven sind zerrüttet. Ich puddele jetzt, nachdem ich bereits 3 Jahre pensioniert bin, in meinem Garten herum. Dann kann ich auch des Nachts schlafen. Ich lese gerade die Stelle in Deinem Briefe wo Du und Deine Brüder s. Z. in der Hungerperiode mir helfen wolltet, daß Du meinen Brief bzw. Antwort nicht bekommen hast. Ich schrieb in meinem Brief wörtlich: "Euer hoch- herziges Angebot mir zu helfen muß ich dankend ablehnen, da Ihr selbst Kinder habt, für die Ihr sorgen müßt."
Meiner Schwester geht es soweit gut. Sie ist Witwe, ihr Mann starb 1922. Der einzige Junge ist im Kriege gefallen. Ihre beiden Mädchen sind verheiratet. Eine hat einen Lehrer bekommen. Die andere hat einen geheiratet ohne Existenz. Die beiden haben nun die Bäckerei und halten einen Meistergesellen. Diese beiden machen meiner Schwester viel Kummer. Franz in Körbecke ist seit 1905 Witweer. Seine Frau (Dres Klara) starb 1905. Er hat 5 Kinder 2 Jungens und 3 Mädchen. Anton hat 4 Kinder 2 Jungens und 2 Mädchen. Der älteste Junge Nikolaus bekommt den Hof. Der zweite ist Lehrer. Die beiden Mädchen sind bei Lipp- stadt verheiratet. Die haben beide einen Bauern bekommen
mit 2 Pferden. Der Schimmel hat immer Glück gehabt. Du kennst ja das bekannte Sprichwort von dem dummen Bauern und den dicken Kartoffeln. Mein Bruder, Kaspar verunglückte 1896 bei der Dresch- maschine. Meine Schwiegereltern hatten 4 Kinder. Der älteste Franz ist Lehrer in Warstein, die zweite ist meine Frau. Der dritte Joseph ist Bäcker in Gevelsberg. Die jüngste Elisabeth hat den Lehrer Brüne in Körbecke den Nachfolger vom Schwiegervater be- kommen. Wir haben 4 Kinder, 2 Mädchen und 2 Jungen. Die älteste Mia 23 Jahre, die zweite Thea 20 Jahre, Paul 15 Jahre und Hendrik 12 Jahre. Sonst ist bei uns noch alles wohl. Ich warte nur darauf, daß ich wieder nach Köln komme. Mein Bruder Joseph hat 2 Kinder 1 Jungen und 1 Mädchen. Augenblicklich besteht zwischen uns beiden ein gespanntes Verhältnis. Er feierte diesen Sommer Silberhochzeit zu der wir geladen waren. Als ich der Einladung nicht folgte, fühlte er sich auf den Sterz getreten. Auch hat er sich beleidigt gefühlt, daß ich ihn nur mit einer Postkarte gratulierte und nicht per Telegramm. Ich sagte zu meiner Frau das habe ich gar nicht gewußt, daß von Körbecke so feine Leute kommen. Ja, lieber Bernard, ich bin so ein bischen hülten, sagt
man an der Har. Wie ich höre hat er 43 Gäste gehabt Pastöre, Kapläne, Professoren, Studienräte und so weiter. Von einem solchen Pomp bin ich kein großer Freund. Am 21.8.26. waren wir auch 25 Jahre verheiratet. Wir haben nicht gefeiert. Er schrieb mir nachher wo kein Wille da kein Weg. Zu Thea hat er geschrieben: "Der alte Tarrekopf soll lange warten bis ich wieder nach Ruhrort komme. Seit der Zeit hat er von mir keine Antwort bekommen. Seine Briefe beantwortet meine Frau. Nun möchte er zu gern kommen, wenn er nur eingeladen würde. Ja, l. B., so geht das, wenn man den driben Wilhelm markirt. Schiller sagt edel sei der Mensch hilfreich und gut.
Nun lieber Bernard will ich für heute mein Schreiben schließen. Allerseits unsere herzl. Grüße und Wünsche von uns allen, be sonders aber sei Du gegrüßt von Deinem alten Kameraden.
Immer den Kopf hoch! Heinrich Alteköster