Otterberg den 12-ten März 1899
Mein Lieber Cousin Eugen!
Wie freute mich Dein lieber Brief, & wie danke ich Dir dafür, brachte er mir doch den Beweis, deiner alten treuen Freudschaft. Wie danke ich dem lieben Gott, der dich so weit geführt, wie sind doch seine Wege so unerforschlich. Deine Feinde gedachten Dich zu stürzen, und ist Dir zum Heile Geworden, zum Heil durch Deine Ausdauer & unermüdlichen Fleiß. Deinen Sieges lauf habe ich wohl verfolgt, theils durch Zeitungen, sowie durch Bekannte habe ich Deinen Ruhm er fahren, und mich nicht minder darüber gefreut, als wenn er mir selbst zu theil geworden, hast Du ihn Dir doch durch Ehren errungen, und kannst Stolz auf Deine Erfolge sein. Denn Du als Deutscher liebst die Musik ihrer selbst willen, nicht als Mittel zu entzücken, Geld und Ansehen zu erlangen, sondern weil sie eine göttliche
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Mit Deiner lieben Schwester & [und] l. [lieben] Schwager stehen wir im freundschaftlichen Verkehr, ach ist das Ein lieber herrlicher Mensch & Malchen eine glückliche Frau wie waren wir in den zwei Tagen wo sie mit klein Eugenchen zu Besuch bei uns war so froh & glücklich
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schöne Kunst ist, die man anbetet, und die, wo man sich ihr ergibt, unser Ein und Alles ist. Wie freue ich mich auch Deines körperlichen Wohl- befindens, war doch Deine Constitution hier eine recht zarte, & wärest Du beim Lehrerstand geblieben, Du hättest, fürchte, ich den vielen Ärgernissen & Nadelstichen die so tief ver= letzen, in einer abhängigen Stellung nicht Stand gehalten, und ein großes Genie wäre jämmerlich zu Grunde gegangen. So aber nimmst Du eine, Deinen Kenntnisse ent= sprechende, würdige Stellung im Leben ein. Beinahe sechs Jahre Deines Scheidens von hier als Ewigkeit dingt [ dünkt] es uns, wenn man vor sich, ein Traum erscheint es uns wenn man zurück blickt.---
Du möchtetst über die hiesigen Verhältnisse Manches erfahren? Also höre:
Als erster Geistlicher fungiert noch immer Herr Knecht. (Herr Stark ist in Sembach, was er schon oft soll bedauert haben) Der zweite Geistliche ist Herr Eugen Meyer, (Sohn eines Lehrers Meÿer aus Kaiserslautern) hat sich in Herbste mit Frl. Lenchen
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Hach, Tochter v. Georg Hach verheirathet Herr Meÿer ist hier sehr beliebt, & ein aus= gezeichneter Redner, eine ideale Statur. Als erster Lehrer oder Professor ist Herr Graf, dann Blauth. Herr Ludwig, & ein Herr [?] Alois [/?], als Lehrer der Kleinen angestellt.
Soeben erfuhr ich, daß Heinrich Menz am [?] Weiher [/?] gestorben sei, habe nur einen Tag krank gelegen. Verlobt sind eben hier: Eugen Heußer mit Anna Rettig, Adrian Heußer mit Edwine Gneider Geisenmühle. Hochzeit hatten am letzten Donnerstag Emil Gerdner (vom Neuthor mit einem Frl. Meier aus Güllheim-Draisen. Emil hat die Wirtschaft gemiethet, welche Jakob Becker, und Käth. Krausman die Arbeit ist letztern zu viel, daß Becker vor einigen Jahren schon gestorben ist, wird Dir bekannt sein. Jakob Kraus hat seine Wirtschaft an seinen Bruder Fritz vermiethet, er selbst hat die Wohnung in dem neuen Haus bezogen, wo Oberamtsrichters & Berndaus wohnten. Anna Dametz, Deine alte Liebe ist seit einem Jahr verheirathet an einen Bahnbeamten bei Köln.
Dein Busenfreund Herzog hat keine Kinder,
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das Einzige welches sie hatten, starb, nur einige Wochen alt. Mit allen, welche Dir einst wehe gethan, verkehre ich nicht. Mein Mann der seit einiger Zeit Vorstand des Gewerbevereins ist & Herzog daselbst Schriftführer, kommt hie & da mit Ihm zusam[m]en. Otto Gerdner hat sein Examen Technikum Mittweida sowie Karlsruh [underline:] gut [/underline] bestanden, & hat jetzt eine schöne Stellung in der Frankenthaler Maschinenfabrik. Philipp ist seit drei Jahren in der Dreherei, wie auch im Laden thätig, Vater ist schon einige Jahre nicht gesund, hat sehr unter Astmah zu leiden, so daß er oft zu Bett liegen muß. Lenchen hilft fleißig wo es fehlt, wir würden gerne im Geschäft noch mehr leisten, doch die Fabrik hier steht schon wieder zwei Jahre, & da gehen die Geschäfte sehr langsam. Doch jetzt hat man wieder etwas Hoffnung, da ein Herr Immer aus Elsaß das Geschäft gekauft, & eine Buntweberei einrichten will. Mathildchen befindet sich z. Zeit in Bensheim an der Berg Straße in einem Haushaltungspensionat