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Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895

Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895, p. 1
Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895, p. 2
Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895, p. 3
Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895, p. 4
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Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895, p. 6
Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895, p. 7
Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895, p. 8

Author

Heinrich Haas

Recipient

Eugen Klee

Date

1895-01-00

Origin

Schmittweiler, Pfalz

Description

Letter from Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895. Heinrich Haas was the husband (later widower) of Eugen Klee’s sister Amalia.

Type

letter

Language

German

Tags

1890-1899, transcription under review

Source

Eugen Klee Papers

Collection

Eugen Klee Papers (HSP)

Repository

Historical Society of Pennsylvania

Citation

“Heinrich Haas to Eugen Klee, January, 1895.” Eugen Klee Papers, Historical Society of Pennsylvania, accessed from German Heritage in Letters, March 12, 2026, https://germanletters.org/items/show/1809

Original text


Schmittweiler, den Januar 1895.


Lieber Eugen!


In deinem letzten Briefe hast du mich gebeten, Dir
einiges aus den neusten Errungenschaften unseres moder=
nen Deutschlands mitzuteilen. Ich will mich darum auch beeilen,
Deinen Wunsch zu erfüllen und in konzentrischen Kreisen,
in aufsteigender Ordnung, so gut es meine schwachen Kräfte
gestatten, dir in großen Umrissen ein Bild zu entwerfen,
wie es sich seit der Zeit, da Du den heimatlichen Boden ver=
lassen, sich entrollt hat. Also wollen wir mit einander be=
ginnen. Ich erzähle - Du hörst zu. Am engsten ist der Fa=
milienkreis, mit dem ich auch beginnen will. Doch damit
will ich mich möglichst kurz fassen, denn Du wirst ja über die
Freuden und Leiden unseres Familienlebens so auf dem
Laufenden gehalten, daß es für uns beide Zeitverschwen=
dung wäre, wenn ich Dich damit langweilen wollte. Unser
Leben verfließt seitdem die Wunden der herben Schick=
salsschläge der Jahre 1893 u(nd) 94 einigermaßen vernarbt

[page 2]

sind, und seitdem wir Dich in glücklichen Verhältnissen wissen, ruhig, wie es die Verhältnisse eines entlegenen Dörfleins der Nordpfalz mit sich bringen. Der Sturm, der von einer gewissen Seite gegen uns heraufbeschworen wurde, ging ja machtlos an uns vorüber; Dir war er nur zum Segen. Jetzt ist die See vorläufig geglättet, und ruhig gleitet unser Fahrzeug, „Wieder= sehen“ getauft, gefüllt mit frohen Gefühlen, Wünschen und Hoff= nungen, auf den Fluten des alltäglichen Lebens dahin. Wir le= ben mit einander froh und glücklich, unsere geringen Ansprü= che sind gut zu befriedigen; wenn auch das Gehalt etwas knapp und für die zu leistende Arbeit nur das Trinkgeld ist, so reicht es doch und kann noch etwas für spätere Tage zurück= gelegt werden, denn von einer gewissen Seite wird große Sparsamkeit gepflogen; ich will niemand nennen, denn aus der Schule darf nicht geplaudert werden, und die List der Weiber kennst Du ja noch nicht. Ich habe es, weil wir ja unser Auskommen haben, nicht gern gesehen, daß du an Weihnachten ein solches Opfer für uns gebracht hast. Ich sage Dir dafür meinen herzlichsten Dank, bitte dich aber, dergleichen Sendungen zukünftig unterlassen zu wollen. Das Geld

[page 3]

wird für Eugenchen auf der Sparkasse verzinslich angelegt. So leben wir recht glücklich und zufrieden mit einander, und wenn Du auch nicht in unserem Kreise persönlich weilst, so bist Du doch das A u. O aller Unterhaltung, aller Wünsche, al= ler Hoffnungen. So Gott will, wird es uns auch später ver= gönnt sein, die Schranke des Raumes und der Trennung niederzureißen. Nur mutig weiter, die Hoffnung soll unser Kompaß sein.

Mit dem Familien=l(eben). eng verwachsen ist der Beruf. Ja ersteres ist gewissermaßen durch diesen bedingt, und gerade ganz besonders bei uns, denn manchmal wird von einer gewissen Seite eine schiefe Miene aufgesetzt, wenn die Schul= buben bei einer nicht zu umgehenden „handgreiflichen Hand= lung“ etwas zu laut aufjauchzen; läßt sich aber nicht vermei= den, weil die Werkstätte des Mannes den Herrscherräu= men der Frau gar zu nahe gerückt ist; hingegen weiß man doch zu schützen und zu benützen des Mannes nahe und vielbe= gehrte Hilfe, wenn ein kleiner Näscher, „Mutter Maus“ ge= nannt um die Küchentöpfe schnuppert und eine gewisse Per= son Reißaus nimmt. Doch Spaß bei Seite, heißt es doch:

[page 4]

„„Treibe nicht mit weiblichen Dingen Spott, und ehre fremde Schwächen“!“ Also zur Mausjagd in Begleitung seines viel= verheißenden Sprößlings muß auch der vielgeplagte Schulmei= ster sich bequemen. Er ist eben der Sündenbock, den viele be= laden, er ist der Amboß, auf dem Gemeinde, Lokalschulin= spektor pp, und wie die kleinen und großen Herren alle heißen mögen, herumhämmern. Du hast ja die Genüsse des Lehrerstan= des auch teilweise gekostet und zur Auffrischung der süßen Erinnerungen, diene dir:


Ein Volksschullehrer ist ein

aus dem Volk gekommenes, zu oft noch beklommenes, im Seminar gestandenes, zum Erziehen vorhandenes, unter Vormundschaft stehendes, um Befreiung flehendes, Lieblosigkeit tragendes, im Schulstaub sich plagendes, mit Roheit sich schlagendes, Mißkennung beklagendes, von Humanitätseifer umlohtes, für‘s Strafen bedrohtes, viel Arbeit übernehmendes, den Hunger bezähmendes, viel Stickluft einziehendes, zum Sauerstoff fliehendes, Banknoten entbehrendes,


die Schulden abwehrendes, sein Schicksal beklagendes, nach Besserung fragendes, im Staat hintangesetztes, vom Volk oft verletztes, von Undanklaut zeugendes, zur Freiheit hinneigendes, für Fortschritt begeistertes, durch Pech oft begleistertes, viel Sprößlinge zählendes, mit Sorgen sich quälendes, vom Glück vergessenes, auf Hoffnung versessenes, auf Erd‘ ein gepriesenes, zum Himmel verwiesenes

Menschenkind.

Die Errungenschaften auf schulischem Gebiet sind seit Jahren gleich

[page 5]

Null. Die Landtagsentschließung, daß ein vierter Präparanden=

kurs, aber ohne Einführung einer fremden Sprache - die Herrn sind

eben klug - endlich die gewünschte Lösung der brennenden Tages=

fragen auf päd. Gebiet bringen, scheint mir doch eine gewagte

Spekulation zu sein. Unsere bescheidenen Wünsche und Hoff=

nungen, die wir dem Landtag u. Landrat unterbreiteten, Gehalts=

aufbesserung, Befreiung vom niedern Kirchendienst, Sitz und Stimme

in der Ortsschulkommission betreffend - mußten wir im verflos=

senen Jahr wie Seifenblasen vergehen sehen. Der Kampf

um die Herrschaft über die Schule war im vorigen Jahr im

Landtage sehr heftig entbrannt. Daselbst hat eine gewisse

Sorte von Herrn: Daller, Schädler, Orterer u. Genossen gedrängt

von unseren tapferen Recken: Andrean u. Schubert, uns

die Tendenz dieses Kampfes verraten: Nicht Fort= und Ausbau

des bereits Errungenen und Bewährten, nicht Schaffung

eines Besseren, sondern Rückschritt, Rückkehr zum Veralte=

ten, Auslieferung der Schule an Gewalten, die ihr nie

zum Heile gereichen können. Da der preuß. Professor

Treitschke mit seinem Ideal, den ausrangierten Unter=

offizier als Schulmeister zu verkörpern, bis jetzt noch

[page 6]

nicht durchgedrungen ist, hat unser sich im Landrat Herrn

Dekan Krieger von Kirchheimbolanden erbarmt, denn

als Antwort hat der Herr auf unsere Bitte um eine kleine Auf=

besserung das „Magenpflaster“ uns verschrieben, man möge

um „Schullehrlinge“ zu züchten, die teuere Präparandenvor=

bildung fallen lassen und dieselben uns dem Wissensborn

eines alten erfahrenen Schulmeisters wieder wie Anno

dazumal schöpfen lassen. Dem Herrn scheint die Andreansche

Lehrerbildung schwer im Magen zu liegen. Natürlich für

Lateinschulen, wo der Schüler, wie in Annweiler, das Kreis=

säckel jährlich 536 M kostet, hat man Geld, nur für den Gaul,

der den Hafer verdient, hat man Verweisungen auf einen

ewigen Lohn im Himmel. Kann man es dem Lehrerstande

daher verargen, wenn er nach 5. bis 6 jährigem Besuche

einer stattlichen Bildungsanstalt, etwas besseres verlangt,

als daß ausgediente Gendarmen u. Unteroffiziere, Schul=

pedelle, Hausmeister, Steueraufseher, Weichensteller u dgl.

Kategorien mitleidig u. hohnlächelnd auf ihn herabsehen.

Ich preise dich glücklich, daß das Schicksal dich aus diesem arm=

seligen Stand herausgerissen hat. - Doch aus diesem wilden

[page 7]

Kampfgewühl leuchtet aus vom vorigen Jahr ein leibliches

Bild entgegen, nämlich die im September vorigen Jahres ver=

anstaltete Andrean = Feier (25. jähr. Jubilieum) Würdig wurde

der tapfere Recken von seinen Schülern gefeiert. Rühmlich zeich=

neten sich besonders seine Zöglinge aus Birkenfeld aus, die voll=

zählig erschienen waren und sinnige Geschenke überreichten.

Da wir Lehrer dazu verurteilt sind, die „Klagelieder Jeremi=

as“ zu singen und „Trübsal nach Noten zu blasen“, so können

wir jetzt einmal, da ich durch diese Singerei und Blaserei auch

notgedrungen etwas Musik treiben muß, uns auf dieses Gebiet

wagen. Doch Vorsicht, lieber Schwager, daß wir nicht zu weit

geraten, denn als Stümper vor dem Herrn darf ich die Schwelle

der heiligen Musika nicht überschreiten. Ich will dir daher auch

nur erzählen, was ich aus den Zeitungen darüber gelesen oder

von anderen Menschenkindern gehört habe. Der Marktbe=

richt lautet: „sehr flau mit guter Ware“, überfüllt mit

Abbruch. (schlechte Frucht, die beim Putzen unter die Windmühle

fällt.) Das neuste und auch bei fast allen größeren -(Werke-

Konzerten aufgeführte Werk ist der „-Ge- Sang an Aegir“ von Kaiser

Wilhelm II, bei seiner letzten Nordlandsfahrt gedichtet und auch

[page 8]

komponiert. Dieses Lied erzielte bei seinen Aufführungen

vielfach einen durchschlagenden Erfolg, aber nicht überall.

Das Urteil der Kritik ist auch sehr geteilt. Doch will ich die

von Dr. Siegel, Redakteur das „Bayrischen Vaterlandes“, nicht

als maßgebend bezeichnen, welche folgendermaßen

lautet:


„Wenn dich auf deinen Fahrten

Bedroht ein großer Reck,

Sing ihm den Sang an Aegir —

Gleich reißt er aus — vor Schreck.“


Aegir ist ein Meeresgott des nordischen Heidentums.

Diese Komposition, die auch für Orchester zu haben ist, hat

dem Berliner prot. Kirchenbaufond bis jetzt etwa 50 000 M

eingetragen, denn der Erlös dafür fließt demselben zu.

Du siehst, lieber Schwager, daß unser Kaiser neben seinen

schweren Herrscherpflichten auch seine Liebhabereien hat.

Da wir vom Staatsoberhaupt gesprochen haben, so sind

wir unvermutet auf das politische Gebiet geraten, auf

dem ich etwas mehr bewandert bin, als auf dem musika=

lischen. Wenn ich auch nicht mehr Politik treibe, als gerade

für meinen Kram paßt, so halte ich mich doch stets auf dem

Laufenden durch Lesen von Zeitungen, habe mich diesbe=

züglich sogar zum Lesen des „Bayrischen Vaterlandes“ von


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