Hamm den 23 ten April 1874.
Mein lieber Wilhelm!
Dein so herzlicher, liebevoller Brief, hätte wahr=lich wohl eher eine Antwort verdient, die Dir unsere große Freude über denselben und unsern innigen Dank ausgesprochen hätte. Aber wir haben im Ganzen keine gute Zeit durch=zumachen gehabt, da Mutters Befinden leider fortwährend unendlich viel zu wünschen übrig ließ, und uns mit steter Sorge erfüllte. Ihre Pflege und Wartung hat mich oft der Art in Anspruch genommen, daß ich Abends dann selbst todt müde war und nicht mehr zum Schrei=ben kommen konnte; auch wollte ich gern erst abwarten, ob es sich nicht wieder zum Bessern neigte, und da scheint es dann doch, daß seit einigen Tagen die Kräfte wieder im Zunehmen begriffen sind, und die herrliche Frühlingsluft auch zur Hebung und Förderung der gesunkenen Lebensgeister beitragen wird. Die Füße waren auch geschwollen und da mußte Mutter viel liegen, gehen durfte sie noch, aber hängen lassen, gar nicht. Kurz wir haben keine
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leichte, sondern eine recht sorgenvolle Zeit durchlebt, da sich auch noch verschiedene Mängel des Alters recht fühlbar machten. In der Art bin ich ganz mit Deinem wohlgemeinten Rath einverstanden, daß Luftveränderung gewiß wohl=thuend sein und wirken würde, aber in anderer Art ist es auch eine Gewissenssache, mit einer so alten Frau noch reisen zu wollen, Pläne machen wir deßhalb noch nicht, ist es gut für uns, dann wird es schon dazu kommen. Fritz bittet in jedem Briefe darum, und wir haben es gut bei ihm, aber die Unruhe, die selbstredend drei lebhafte Kinder veranlassen, ist auch oft et=was viel, namentlich für den, der an ein so gleichbleibendes Stillleben gewöhnt ist. Doch kommt Zeit, kommt Rath, zunächst will ich Dir aber, mein guter Bruder, recht herzlich Dank sagen, für die Uebersendung der Zeitungen, und das Kladderadatsch. Du machst uns jedes mal aufs Neue eine recht große Freude dadurch, und kann ich Dich versichern, daß unsere Lach=muskeln nicht wenig in Bewegung gesetzt werden. Gewiß wird das Blatt immer größere Verbreitung finden, und sollte es mich ganz
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ungemein für Dich freuen, wenn Du dadurch eine unabhängigere Stellung von der täglichen Presse erzielen würdest, um Dich mehr auf die [roman:] Belletristik [/roman] werfen zu können. Dann brauchtest auch Du Dich nicht mehr so anhaltend zu plagen, hättest mehr Muße für Dich, o wie gerne gönnte ich Dir dies, denn es ist wahrlich keine Kleinigkeit, so Tag für Tag an den Schreib=tisch gefesselt zu sein, um mit scharfem Geist und gewandter Feder allen Ansprüchen und An=forderungen zu genügen. Heute enthielt das Wochenblatt von hier, einen Artikel von Cin=cinnati über die lächerliche Betseuche fana=tischer Weiber, die mit brünstigen Gebeten und ohrenzerreißenden Gesängen die Wirths=häuser belagern um die Männer zu vertrei=ben und die Wirthe zu zwingen die Schenklokale zu schließen u. s. w. -
Doch da theile ich Dir nur etwas Altes, nichts Neues mit, sende Dir lieber des Spaßes we=gen einliegendes Zettelchen, was uns amüsierte und Du vielleicht mal gebrauchen kannst, wenn Du es zufällig noch nicht kennen solltest. Gerne würde ich Deinem Wunsch nach=kommen,
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und einen oder den andern Deiner alten Schul=kameraden veranlassen Dir mal ein Brieflein zu senden, vielleicht kann ich einmal [roman:] W. Late=gahn[/roman] sprechen, dessen Mutter hier noch wohnt, er soll Ostern hier gewesen sein, ich erfuhr es aber nachher; ich behalte es aber im Gedächtniß, es macht sich gewiß noch so. - In Hildesheim bei [roman:] Westarps [/roman] war in der letzten Zeit viel Krankheit, Otto der 4 te Sohn, hatte sehr heftig das Scharlachfieber und war recht gefährlich krank, er wurde von den andern Kindern abgesperrt, ist aber noch nicht seiner Haft ent=lassen, sehnt sich sehr wieder heraus zu dürfen. Bertha, seine treue Mama und Pflegerin, hatte sich sehr überanstrengt, bekam auch eine arge Hals-Entzündung und mußte auch liegen, sie ist auch noch recht angegriffen und hatten ih wir von ihr selbst, erst einmal per Karte einige Zeilen. Victor und [roman:] Rudolf [/roman] sind auch jetzt Beide zu Haus, erwarten ihre Bestimmung um in die betreffenden Regimenter einzutreten. [roman:] Victor [/roman] hat das Examen als [?] ifas. [/?] Portepee-Fähnrich bestanden, und das 7 te Regiment, welches in
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Liegnitz Garnison hat, gewählt, ob er aber dort hin geschickt wird ist noch fraglich, sie dür=fen wohl im Kadetten Korps vorschlagen, werden aber sehr häufig doch in andere Regimenter, wo es vielleicht fehlt, eingestellt. Rudolf ist Degen=Fähnrich und möchte gern in das 31 te Reg. [roman:] Altona [/roman] bei [roman:] Hamburg [/roman] eintreten, ob es ihm glückt, steht ebenfalls dahin. Die Ausrüstung von 2 Söhnen macht Westarps viele Kosten und Bertha manche Mühe. Wir haben auch Socken gestrickt und geholfen, gestern schickte ich die letzte Arbeit fort. [roman:] Louis [/roman] ist nach [roman:] Quarta [/roman] versetzt, ihm wird das Lernen leicht. Soldat aber kann er nicht werden, da sein rechter Ober=arm steif ist, und es noch ein besonderes Glück ist, daß er mit der rechten Hand überhaupt schrei=ben kann. Es ist heut zu Tage keine Kleinigkeit fünf Söhne zu erziehen, wo kein Vermögen ist, und Alles auf zwei Augen beruht, Ansprüche nach allen Richtungen gemacht werden und den Verhältnissen Rechnung [strikethrough:] -en [/strikethrough] zu tragen. Bertha hat keine leichte Aufgabe zu leisten, so treu ihr auch Otto zur Seite steht, es ist aber oft zuviel für ihren schwachen Körper, sie
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denkt nie an sich, stets an andere, Egoismus kennt sie entfernt nicht, ich sage es ihr immer, schone Dich mehr, aber ihre große Herzens Güte läßt es nicht dazu kommen. - Klein Fritzchen lernt auch schon fleißig, kann schon Sätze lesen, hat bis jetzt noch Privat-Unterricht, soll den Sommer über sich noch tüchtig im Freien tummeln, um noch kräftiger zu werden. Theodor ist noch Spielkind, und die kleine Magdalena würde jeden Tag rosiger. Paula und Gretha befinden sich wohl, werden wohl Beide wieder Brunnen trinken. Sonst führen sie ein gemüthlich behagliches Leben, haben keine Sorgen, sind entschieden am Be=sten von uns allen gestellt. - Doch nun, mein alter, treuer Bruder, bitte ich Dich nochmals, trage mir mein langes Schweigen nicht nach, und vergilt nicht Gleiches mit Gleichem, ich will mich bessern, und das Versäumte nach zu holen suchen. Es ver=geht kein Tag, an dem wir nicht Deiner in Liebe gedenken, das ist aufrichtig war, sonst schriebe ich es nicht. Die alte Mama sendet Dir tausend, tausend Grüße, selbst schreiben ist kaum noch möglich. Gott mit Dir und uns Allen! -
Heute wie immer Deine
treue Schwester [roman:]Emilie[/roman]