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Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873

Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873, p. 1
Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873, p. 2
Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873, p. 3
Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873, p. 4
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Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873, p. 7
Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873, p. 8

Author

Emilie Hassel

Recipient

Friedrich Wilhelm Hess

Date

December 4, 1873

Origin

Hamm, Westfalen

Destination

Cincinnati, Ohio

Description

Letter from Emilie Hassel to her brother, Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873.

Type

letter

Language

German

Tags

1870-1879, transcribed

Source

Friedrich Wilhelm Hess Papers, Rattermann Collection

Collection

Hess/Hassel Family Letters

Repository

Illinois History and Lincoln Collections, University of Illinois Library

Citation

“Emilie Hassel to Friedrich Wilhelm Hess, December 4, 1873.” Friedrich Wilhelm Hess Papers, Rattermann Collection, Illinois History and Lincoln Collections, University of Illinois Library, accessed from German Heritage in Letters, March 11, 2026, https://germanletters.org/items/show/1763

Original text


Hamm den 4ten December 1873

Mein lieber Bruder!

Gewiß hattest Du schon längst auf einen Brief= lein aus der Heimath gehofft, und wohl mit Recht eins erwarten können, was auch sicher sonst schon abgesandt wäre, aber der Mensch nimmt sich viel vor, und doch läßt die Aus= führung manches zu wünschen übrig. Wir haben hier theils eine unruhige, theils aber auch eine recht sorgenvolle Zeit verlebt, doch bevor ich Dir dessen mitheile, möchte ich Dir zunächst doch vor allen Dingen unseren besten Dank ausspre= chen, für Deine theilnehmenden, freundlichen Zeilen, die uns ja über Dein Befinden und Wohlergehn nur Günstiges melden konnten. Alles was Dich betrifft und was Dich berührt ist für uns vom größten Interesse, und es ist uns jedes mal ein wahrer Festtag wenn aus der weiten Ferne von Dir ein Brief eintrifft. Auch für die gleich gütige und nie ermüdende Ueber= sendung der Zeitungen, tausend Dank, wir ver= folgen in denselben Alles mit der gespannte= sten Aufmerksamkeit, Deine Geistes - Produkte sind uns selbstredend die wichtigsten und ver=

[page 2:]

lockendsten, und ist es im ersten Moment stets unser erstes Durchfliegen ob nur nichts unter Deinem Namen erscheihne können, bis nachher mit gehöriger Muße Alles gründlich gelesen und studiert wird. Schon vor einigen Tagen erhielten wir die Zeitung vom 11 ten November mit der Fortsetzung: "Der rothe Magistrals-Rath" - , und noch heute Abend will ich Mutter wieder vorlesen, wozu wir uns recht freuen; wir hätten es sofort gelesen, aber wir hatten ein Buch angefangen, welches wir bald wieder abge= ben mußten, und Alles auf einmal geht ja natürlich nicht. Die langen Abende eignen sich recht zum gemüthlichen arbeiten und lesen, und so hat auch der Winter sein Gutes der uns noch mehr wie wohl sonst eine Zeit an die Stube fesselt. -

In den ersten Tagen des October kam Bertha zu uns zum Besuch, was uns eine rechte Herzens Freude war, sie war liebenswürdig wie immer und in unsrer einfachen kleinen Häus= lichkeit mit uns vergnügt und zufrieden. Leider blieb sie nur 14 Tage, für uns eine leider zu kurze und knapp gemessene Zeit, doch kam Otto sie sich wiederzuholen, und da konnten wir dann nicht länger zureden, da Bertha wirk= lich in demr großen, unruhigen Hauswesen schlecht ent=

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behrt werden kann, und wir mußten schon dank bar sein, daß sie so lange hier bei uns geweilt hatte. Bertha ist leider kränklich, namentlich hat sie fabelhaft van nervösen Kopfschmerzen auszuhalten, sie muß dann fest liegen, und kann es dann noch oft kaum ertragen; in so hohem Grade hat es wohl selten Jemand. Sie ist aber sehr geduldig, und jammert nur bloß, daß sie dann nichts leisten und thun kann. Mutter war in all der Zeit ziemlich wohl und wir benutzten die schönen Herbst= tage noch recht, zu hübschen Promenaden in die Umgebung, da hier wirklich auch selbst in der nächsten Nähe Kaffeehäuser sind, die fleißig besucht werden. Aber bald nachher wurde Mutter recht ernstlich krank, wir ließen den Arzt rufen, und der erklärte M. habe ein gastrisches Fieber, und bedürfe der besten und stärkendsten Pflege und Scho= nung. Dann ging es auch allmälig ganz langsam besser, bis vor ungefähr zehn Tagen ein sehr heftiger Schwindel eintrat, der mehre= re Stunden dauerte, Mutter sich gar nicht be= wegen konnte, und ihr der kalte Angstschweiß

[page 4:]


immer von der Stirn lief. Ach es war ein entsetz= licher Zustand, ich habe mit ganz schrecklich geängstigt und nur die größten Sorgen um das für uns alle so theuere Leben gemacht. Ich schickte natürlich sofort wieder zum Doctor, der verord= nete auch sogleich, kam nach einigen Stunden wieder und da wurde es dann ein kleines wenig besser, wir konnten sie in Kissen etwas aufrichten, und so scheint denn, Gott sei Lob und Dank die augenblickliche Gefahr beseitigt, obgleich die Schwä= che fabelhaft ist, die Kräfte noch gar nicht zu= nehmen wollen, was bei der besten, kräftigsten Pflege kaum zu glauben ist. Fritz sorgt nach Möglichkeit für uns, die Schwestern nicht min= der, von Hildesheim kommt sehr häufig ein Kistchen mit Erfrischungen aller Art, kurz es fehlt in dieser Hinsicht hier an Nichts, wenn nur das vorgerückte Alter und die entsetzliche Hin= fälligkeit nicht wären. Ach es ist ein so tief betrübender Anblick, ein so theures Leben so langsam dahin schwinden zu sehen, ich habe oft meine ganze moralische Kraft nöthig, um es mir nicht merken zu lassen, wie ich darüber leide; ich soll und muß ja stets heiter scheinen,

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was mir auch größtentheils gelingt, Mutter ist ja selbst so muthig und ergeben in Gottes Willen, und mir und uns Allen auch in dieser Hinsicht ein leuchtendes Vorbild! -

Wir wollen den Muth nicht verlieren, und den allgütigen Gott um Kraft bitten, möchte er unser Flehen erhören, und zur vollständigen Genesung seinen Segen geben. Fritz wollte herüber kommen, ich habe es aber vorläufig noch abgelehnt, es würde M. jetzt auch zu viel aufregen, später hat sie hoffent= lich mehr davon. Nach gestern hatten wir von [roman:]Else[/roman] einen Brief, es geht ihnen ziemlich gut, die kleine Magdalena sei Papas Vorzug, sie kennt ihn aber auch schon am Tritt, und jauchzte ihm förmlich entgegen. Fritzchen lernt schon und hat Privatstunden, der Dicke ist noch Spielkind. Die Kaiserin residier= te wieder einige Wochen in Koblenz, da aber unser Hof Trauer hat, wegen des Ablebens des Königs von Sachsen, so fanden keine [roman:]soiréen[/roman] statt, sondern nur Kaffes. Fritz und [roman:]Else[/roman] waren auch befohlen, und zwar um 2 Uhr Nachmittags, eine komische Stunde, Toilette vorgeschrieben,

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hohes Kleid und Hut usw. - Zwei Stunden dauerte der Zauber, dann zog sich Majestät in die Gemächer zurück und dies war auch das Zeichen zum Aufbruch für die Gäste. - Ich bin froh, daß ich solche Feste nicht mitzumachen brauche. - Von Deinen alten Freunden kann ich Dir auch mancherlei mittheilen. [roman:]Wilhelm Lategahn[/roman] ist Kreisgerichtsrath in [roman:]Mühlheim[/roman] a/Rh. eine all= gemein geachtete und beliebte Persönlichkeit, verheirathet ist er nicht, zum großen Leidwesen seiner Mutter, die hier in Hamm noch lebt, und zwar in den allerprächtigsten Verhältnissen. Nach dem Tod des Vaters hat sich das Vermögen viel größer herausgestellt, als es wohl Jemand gedacht hat, sie machen aber einen schönen Gebrauch von ihrem Gelde und thun viel Gutes, auch zum Besten gemeinnütziger An= stalten - Keller war Bürgermeister in Duis= burg, ist aber dort fast einstimmig zum Director der einer Bank-Commandita gewählt, mit einem hohen Gehalt, da er sehr das Vertrauen der dortigen Bewohner sich erworben hatte; er ist verheirathet und hat mehrere Kinder - [?]Renase[/?] ebenfalls

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Beamter, und zwar Bergwerks - Director bis vor kurzem in Dortmund, jetzt aber in Osnabrück, es soll ihm gut gehen, die Frau kenne ich nicht, habe ihn auch über= haupt in langen Jahren nicht gesehen. -

Das schöne Weihnachtsfest naht wieder heran, mein lieber Wilhelm, so gern hätte ich Dir eine kleine Handarbeit gesandt, aber durch Mutters Krankheit bin ich in diesem Jahr zu nichts gekommen. Ich weiß Du bist deshalb nicht böse, sondern es ist Dir sehr recht, wenn ich meine Zeit ausschließlich zu Mutters Pflege und Erheiterung an= wende. Nun wollten wir Dir so gern eine hübsche Photographie "von Hamm" schicken, ich sprach deßhalb mit [roman:]N. Kneer[/roman] dem besten hiesigen Photographen. Er versprach es mir auch ganz fest, mir eine recht gute zu besorgen, hat aber schlecht Wort gehalten, bis jetzt habe ich noch immer vergebens angefragt. So bald wir aber eine erhalten, sende ich sie Dir, vielleicht macht es Dir Freude die

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kleine Unterstadt einmal wieder im Bilde zu erschauen. Möchtest Du ein recht frohes Fest feiern [fefiern], und dabei Deiner fernen Angehörigen in alter Liebe und Treue gedenken. Die alte Mama sendet Dir ihren ganz besonderen Gruß, sie spricht oft und viel von Dir, und gedenkt Deiner bis zum letzten Athemzuge. Und nun Gott mit Dir, mein lieber Wilhelm, laß recht bald von Dir hören, es erhei= tert und erfreut uns ungemein.

Nochmals ein treues Gott befohlen

von Deiner

alten Emmy


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