Zwei Tage seid Ihr nun schon auf dem Was=
ser, meine Lieben, ich begleite Euch jede Stunde
und will nur wünschen, daß Ihr Alle wohl und
munter seid und von der fatalen Seekrankheit
verschont bleibt; hoffentlich braucht Waltherchen
diesmal nicht wieder zu sagen: "Ich bin so schlecht"
er wird so vergnügt auf dem Schiffe sein, wie nur
möglich & keine Mahlzeit versäumen.
Nehmt meinen herzlichsten, innigsten Dank für die unendlich große Freude, die Ihr mir durch Eure Anwesenheit gemacht habt; ich habe nun meine Enkelchen keinen gelernt, so liebe, herrliche Kinder, auf die wir mit Recht
stolz sein können und darüber ist nur
eine Stimme, wer die Kinder kennen
gelernt hat, ist entzückt von ihnen.
Tante und Onkel Fränkel hören gar nicht auf, von der Liebenswürdigkeit, Herzens= güte, Aufmerksamkeit und Zuvorkommen= heit der Kinder zu sprechen und es ist Alles wahr, sie sind zu lieb und prächtig!
Wie schön war doch die Zeit; ich habe jeden Morgen auf das Klingeln gewartet und wenn dann die Hausthür zuschlug und das kleine wilde Heer die Treppe rauf und in meine Stube stürmte, wie glücklich war ich da, wenn ich die frischen, heitren Gesichtchen
gesehen und das fröhliche, muntere Geplauder
gehört habe; nun stelle ich sie mir in Chicago
auf ihrem Schulweg vor, wie sie munter plaudernd
ihren kleinen Freunden, von denen doch auch mehrere
schon die Reise gemacht haben, von Deutschland erzäh=
len; dann bin ich überzeugt, daß diese Reise,
die sie als harmlose Kinder mit ihren Eltern
gemacht haben, bis in das späteste Alter,
eine schöne Erinnerung bleiben wird.
Nun seid Ihr wohlbehalten in Eurer Heimath und sicher werde ich bald die Nachricht erhalten, daß Ihr schon längst wieder behaglich eingerichtet seid. Lebt wohl, meine Lieben, möget Ihr stets gesund sein und nun nehmt herzliche Grüße und Küsse von mir & Adolph Eure treue Mutter Anna
Dessau 18/10. 86.
Vielen Dank für Karte und Brief,
mein geliebtes Annchen, und fahre nur so
fort, mir immer Nachricht von Euch zu geben,
Du weißt ja, welche große Freude Du mir damit
machst. Daß es Euch leid thut, abreisen zu müssen,
freut mich, es ist doch ein Beweis, daß es Euch
hier zu Lande gefallen hat und wie glücklich habt
Ihr mich gemacht, ich habe doch nun mein Annchen
und mein Waltherchen kennen gelernt und was für
liebe, gute Kinder das sind, das glaubst Du gar
nicht und wie lieb habe ich sie!
Tausend Küsse, mein Herzenskind, auch für Eddy und Walther & herzliche Grüße von mir und Onkel Adolph! Deine Dich liebende Großmutter
Dessau 18/10. 86.
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