Dessau, 24/8. 83.
Bei Empfang dieser Zeilen ist Raster wol [sic]
schön über acht Tage bei Euch, mein Gretchen,
denn nach meiner Berechnung muß er heute
oder spätestens morgen in New - York landen.
Das war doch einmal eine freudige Über=
raschung, nicht wahr, mein Herz? Wir hätten
uns unendlich gefreut, wenn Raster noch ei=
nige Zeit hiergeblieben wäre, er hat uns aber
schon von Marienbad geschrieben, daß für ihn
zum 12ten August ein Platz auf dem "Salier"
belegt sei, daran war nun Nichts mehr zu ändern,
ich hoffe aber, Ihr kommt recht bald einmal
Alle zusammen und dann auf längere
Zeit her, so große Pausen von acht und höher
zehn Jahren, so lange können wir hier gar
nicht mehr denken und ich möchte doch Annchen
und Walter auch gern noch ein mal sehen.
Für die übersandten Bilder kann ich Dir gar nicht so recht danken, mein Gretchen, denn ich finde sie gräßlich und nur um Raster, der so sehr entzückt von Deinem Bilde ist, nicht aus allen Himmeln zu stürzen, habe ich beigestimmt, sofort aber, als Raster aus der Stube gegangen war, zu Onkel Adolph gesagt, daß ich die Bilder gräßlich finde; die Frau mit dem gedunsenen Gesicht und den zusammengepressten Lippen ist meine Grete nicht und auch Raster, obgleich das Bild besser, als Deins ist, sieht wie geschwollen aus. Das lange, schmale Bild, das Raster mitge= bracht hat, ist ausgezeichnet, das beste, das von ihm existiert. Über Eddys letzten Brief habe
ich mich sehr gefreut, der Brief ist sehr gut
geschrieben und die Handschrift hat sich außer=
ordentlich gebessert; es war wol [sic] doch gut, daß
ers ein mal wo anders versucht hat, es ist mir
aber eine große Beruhigung, daß ich ihn jetzt
wieder bei Euch weiß und Dich, mein Herz,
nicht fortwährend auf der Landstraße. Bei
uns hier ists noch so, wie bei Rasters Abreise,
(nur Horwitz ist zum Glück den Tag darauf abgereist)
die Kinder sind noch hier, Gertrud noch in Elster
und wird auch noch 8 - 10 Tage bleiben, dann holt
sie die Kinder, bleibt aber erst noch acht Tage hier.
Wir wollten erst zur Enthüllung des National=
Denkmals nach dem Niederwald, ich denke
aber, das es erst den 28ten September stattfindet,
ists zu spät für uns, es kann aber doch sein,
daß wir uns noch dazu entschließen.
Von Fränkelgrete hatte ich gestern einen langen
Brief aus Paris, sie schreibt, daß sie längere
Zeit recht krank war, jetzt geht es ihr aber besser,
nach Deutschland kommt sie jedoch nicht, es gefällt
ihr außerordentlich in Paris, sie schreibt auch sehr
heiter und vergnügt und es geht daraus hervor,
daß die Verhältnisse sich doch jetzt recht gebessert
haben müssen, das freute mich wirklich, denn
sie hat sehr schwere und unangenehme Zeiten durchzu=
machen gehabt. - Gerade an Eurem Hochzeitstage
hat hat [sic] sich auch Herr Wilhelm von Öchelhäuser
verheirathet, die Trauung war in Gröna und
von da ist das junge Paar auf drei Monate
nach dem Süden gegangen. - Vielleicht bringt
heute schon unsere Zeitung eine Depesche von Rasters
Schiff, er muß ja spätestens heute ankommen,
wie werde ich mich freuen, wenn ich die Nachricht lese!
Deine Briefe, lieber Raster, sind Dir sofort immer
wieder nachgeschickt und erhälst Du sie uneröffnet zu [?],
die Post besorgt das gleich Alles.
Nehmt nun die herzlichsten Grüße für Alle von Eurer treuen Mutter
[text on top of page 4, written upside down:] Dir, mein lieber Eddy, werde ich nächstens schreiben, heute kann ich nicht mehr, denn die Cousinchen machen schrecklichen Lärm & Anna soll noch fleißig arbeiten. [/text on top of page 4, written upside down]