Dessau 9/7. 83.
Schon Freitag, gleich nach Rasters Abreise, wollte ich Dir einige Zeilen schreiben, mein Gretchen, es war aber eine so entsetzliche Hitze und erst heute kommen Abkühlungsgewitter. Über Raster habe ich mich unendlich gefreut, sein Äußeres hat sich in den zehn Jahren gar nicht verändert, er ist weder älter, noch här= ter geworden, sein Wesen finde ich aber sehr verändert, er hat durch seine Artig= keit und Zuvorkommenheit Alle hier
überrascht. Es hat uns zu leid gethan,
daß er nur so kurze Zeit hiergeblieben
ist, ich hoffe, er wird uns nach seiner
Cur noch ein mal besuchen. Aus Marien=
bad hatten wir vorhin Brief von ihm
und wie ichs ihm vorhergesagt hatte, gefällt
es ihm dort durchaus nicht, kranke, lang=
weilige Leute, die nur von ihrem Lei=
den sprechen, das ist für Raster Nichts, dazu
muß man selbst leidend sein und
das ist er keineswegs. Brückner & Fränkel
halten jedes Bad für ihn für überflüssig,
er wollte doch aber, da er nun einmal
in Deutschland, seine Schuldigkeit mit
einer Cur thun. Vorigen Mittwoch
waren Onkel Fränkel & Tante Lena
hier, wir waren sehr vergnügt zusammen.
Grete wird wahrscheinlich in dieser Woche
mit Fritz (wie Tante Lena sagt: "statt in
ein Seebad zu gehen") den Sommer über
herkommen; mir gefällt das nicht, ich
fürchte, sie bleibt dann wieder hier.
Man erfährt ja über die Verhältnisse
nichts Näheres, es geht, nach den Briefen,
immer glänzend und das dicke Ende
kommt dann noch. Die Hälfte Zeit von
Rasters Abwesesch Abwesenheit ist
nun vorüber, denn er will den 2ten Septem=
ber schon wieder zurück sein; darüber bist
Du gewiß sehr froh, mein Gretchen, und
während der Zeit hast du ja nun die
Kinder bei Dir und so viele Bekannte,
die Dich sicher auf jede Weise zu zerstreuen
suchen, wenn Raster zurück ist, wirst Du
gar nicht wissen, wo die Zeit geblieben ist.
Nächste Woche kommt Gertrud und bleibt
wol [sic] acht Tage hier und dann behalte
ich die Kinder während ihrer Badereise;
ich wollte, die Zeit wäre erst vorüber, denn
ich ängstige mich sehr, da in der Zeit immer so
viel Kinderkrankheiten hier sind.
Lebe nun wohl, mein geliebtes Kind, tausend Grüße & Küsse für Euch Alle! Deine treue Mutter
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[stamp:] DESSAU 9 7 83 7 - 8N [/stamp]
[stamp:] DESSAU 9 7 83 7- 8N [/stamp]
[roman:] Mrs. HermannRaster 391. West = Jackson = Street Chicago Ill. America [/roman]
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[stamp:] NEW YORK [?] 83 [/stamp]
[stamp:] J 23 9AM [/stamp]