wiederzukriegen, sondern um ihr so viel Verdruß und Angst zu bereiten, wie sie uns bereitet hat. - Der Kleine befindet sich übrigens bei der ihm gereichten Interims-Nahrung nicht schlecht. Die Wärterin, die wir haben (Gott sei Dank nicht Mary, sondern eine höchst verständige, erfahrene und arbeitsame Frau) besorgt Mutter und Kind ganz ausgezeichnet und Gertrud thut ihr Möglichstes, um Deine Fürsorge zu ersetzen. Sie ist oft Abends recht abgearbeitet, da sie trotz ihres blühenden Aussehens keineswegs stark ist.
Es wundert mich, daß wir seit Deinem ersten lagen Briefe aus Zerbst noch keinen weiter erhalten haben. Ich dachte, Du würdest gerade recht viel Zeit zum Schreiben haben. Von Mathilde bekommen wir regelmäßig wöchentlich Brief. In einem
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schrieb sie mir, daß ihr eine Fahrt nach Leipzig beabsichtigt hättet; daraus scheint aber Nichts geworden zu sein, oder viel mehr Ihr seid nur bis Dochheim gelangt.1 Eine Zeitlang muß hat Mathilde an Heimweh gelitten, - oder leidet sie noch daran und verschweigt es mir nur, um mich nicht zu betrüben? Daß sie nicht zu Köppes Hochzeit geladen worden ist, wirst Du erfahren haben. Diese Pöbelhaftigkeit, - denn eine mildere Bezeichnung dafür kenne ich nicht - hat mich empört und ich werde allen brieflichen Verkehr mit Köppes abbrechen.
In meinen Geschäften habe ich in der letzten Zeit vielerlei Ärgernisse und Unannehmlichkeiten gehabt, doch halte ich mich tapfer oben. - Im Steueramte bin ich jetzt 6 Monate und habe in dieser Zeit (welche freilich die fette Zeit, die im Jahre nur einmal fälligen Steuern einschließt) über 4 Millionen Dollars eingenommen. Wenn dazu in den nächsten 6 Monaten nur noch 3
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kommen, so wird mein Netto - Einkommen (nach Abzug der Tantiemen an Irwin) immerhin auf 11,000 Doll. steigen. Die häuslichen Ausgaben steigen freilich auch etwas. In dem Jahre 1871 werde ich immerhin zu allen meinen Einnahmen von Zeitung und Zinsen noch 600 bis 800 Doll. vom Amte zubrocken müssen, um die Ausgaben zu decken.
Von Neuigkeiten habe ich nur eine, aber eine große: Vier Tage vor Gretchen hat Frau Schläger einen Jungen gekriegte. Er spricht sehr scheu und fast er- röthend davon und kein Mensch in der Stadt glaubt anders, als daß Reissig der Vater ist.
Unser Haus wird in wenigen Tagen fertig angestrichen sein, - sehr schön grau - rosa mit dunklerer Garnierung. Es wird ungefähr 140 Doll. kosten, da wir die besten Materialien selbst gekauft haben und die Arbeit in Tagelohn machen lassen.
Inliegend die halbjährlichen Zinsen für den Schwager. Da Gold 114 3/8 steht, so machen 100 Dollars 4 Thaler weniger, als bei der letzten Zahlung, doch immerhin weit mehr, als für den Wechsel in Zerbst gezahlt worden wäre.
Und nun, mit den herzlichsten Grüßen von Gretchen u. Gertrud u. dem Wünsche, daß Du bald von Dir hören lassen wirst Dein tr. Bruder Hermann