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New - York, 142. E. 18th St.
Mai 30. 1876
Meine liebste Mutter!
Es war wie ich vermuthet hatte: ich erhielt Deinen mit dem [roman:] "Göthe" [/roman] abgegange=nen, lieben Brief vom 10. April zu gleicher Zeit mit dem nachfolgenden, der das Datum vom 1. Mai führt. Seitdem habe ich auch den dritten vom 11. Mai empfangen, den Du für meinen Geburtstag bestimmt hattest. Für alle drei lieben Briefe, herz=lichen Dank, liebe Mutter, besonders auch für Deine Geburtstagswünsche u. das Geldge=schenk, das Du mir in Aussicht stellst. Es ist mir sehr willkommen u. werde ich es vorläufig wieder aufsparen, bis ich es für einen Gegenstand verwenden kann, der mir wohl thut u. zugleich ein bleiben=des Andenken representirt. Hätte mir nur der Geburtstagsbrief weniger trau=rige Nachrichten über Dich selbst gebracht! Das wäre mir das liebste Geschenk ge=wesen. Dein oft wiederholtes Kranksein ängstigt mich überaus u. kann ich mich nicht des Gedankens entschlagen, daß Deine Gesundheit besser wäre u. Du Dich eher erholt u. gekräftigt haben würdest wenn Du in der angestammten Heimath u. den alten Verhältnissen fortgelebt hättest. Und das ist ein gar zu trauriger u. trost=loser Gedanke. Ist es wirklich Heimweh, woran Du krankst, wohin soll es dann führen? Wenn es Deine Kräfte vollends aufzehrt, so bleibt der Zweck, der Dich aus der Heimath fortführte, unerreicht u. uns wird die Mutter geraubt, die wir [underline:] noch recht lange [/underline] uns erhalten sehen möchten! Denn wenn auch ein weiter Raum uns trennt, so wissen u. hören
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wir doch von einander u. leben geistig ver=bunden fort - u. haben die Hoffnung uns wieder u. wieder zu begegnen u. zeit=weise mit einander vereint zu sein. Dich aber dem Heimweh preis gegeben zu sehen u. nichts für Dich thun zu können, das ist gar zu trostlos für uns! Ich setze meine Hoffnung auf das bessere Wetter, die wärmere Luft, die Dir erlaubt Dich in den Garten zu setzen u. der Dich dann gewiß so weit stärken wird, daß Du die Tante in Gotha besuchen kannst. Die Luftver=änderung allein muß ja schon wohlthätig auf Dich einwirken. Und dann, hoffe ich, liebe Mutter, wirst Du Dir vornehmen recht stark im Gemüth zu sein u. dem aus dem Wege zu gehen, was Dich zu schwermüthig aufregt. Erhole Dich erst recht, ehe Du z. B. an der Sternwarte vorbei gehst - oder gehe lieber gar nicht vorbei (ich möchte sie lieber nie wiedersehen!), das wäre das Beste, denn so wie diese Stätte in un=serm Innern fort existirt, kann sie uns ja fortan nie wieder erscheinen. Hast Du denn von [roman:] Emma [/roman] gehört, ob sie Dich diesen Sommer besuchen wird? Wenn ihr doch in Gotha zusammentreffen könntet! Aus der Zeitung sehe ich, daß am Anfang Mai die Newa wieder zugefroren war - das ist ja schrecklich! - Nun muß ich Dir aber erst sagen wie unglücklich es mir in Bezug auf eine kleine Freude, die ich mir zu machen vorhatte. Ich wollte Dir u. den beiden Kindern, Tante Bufleb u. Ida einige Kleinig=keiten durch Frl. Sterkloff schicken, die aber über Hamburg abgereist ist u. hatte mir auch schon ausgedacht was. Nun hatte ich sie verstanden, dass sie am 1. Juni abführe (ich glaube auch sicher dass sie es gesagt hat),
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anstatt dessen aber ging sie schon 8 Tage früher, u. da ich ganz plötzlich am 16. nach [roman:] Cedarcroft [/roman] aufbrach u. bis zum 23. blieb, so hatte ich leider nichts bereit als sie am 24. kam u. mir sagte sie reise am folgenden Tage ab. Es that mir gar zu leid, diese Gelegenheit unbenutzt vorüber gehen zu sehen, u. ich kann mich noch nicht zufrieden geben. Ob sie Dich wohl aufsuchen wird? Sie beabsichtigt glaube ich im Sept. zurückzukommen - Ich hätte Dir eigentlich schon vorige Woche schreiben sollen, es traf sich aber so, daß ich gleich nach meiner Rück=kehr von [roman:] Kennett [/roman] mich legen musste u. ich so den Rest der Woche nicht im Stande war etwas vorzunehmen. Nach [roman:] Cedarcroft [/roman] ging ich allein. Der Arzt hatte Lilian's Erkältung mit Quinin beseitigt u. sie war wieder ganz munter u. wohl. Ich aber schmachtete so sehr nach frischer Luft u. überdies gab es verschiedenes nachzusehen u. auszubes=sern im Haus zu [roman:] Cedarcroft [/roman], daß ich mich schnell entschloß und auf 8 Tage die Haus=haltung [?] Lebron [/?] übergab. Sie führte die Kasse u. Buch u. gab ihre Befehl für die Mahl=zeiten u. alles ging trefflich von Statten. Ich hatte zuerst Regen u. kaltes Wasser in [roman:] Cedarcroft [/roman], dann Julihitze. Im Ganzen aber war es herrlich, das Grün so üppig, die Blüthenpracht um das Haus entzückend, die Luft wonnig. Die Obstblüthe war bereits vorbei u. die Silberblüthen blüthen ab wäh=rend ich da war. Ich ließ die [illegible] zurecht machen u. streute Samen aller Art pflegte die Schlinggewächse etc. etc. Im Hause ließ ich Dielen anstreichen u. Wände u. Dielen ausbessern, kurz, ich war nicht müßig. Unterdessen haben wir dann auch erlangt, dass Lilian u. die beiden andern Mädchen, die sich für die [roman:] Sophomore [/roman] Klasse im [roman:] Vassar College [/roman]
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vorbereiten, schon jetzt, am 8ten Juni, das Hauptexamen das für die [roman:] Freshman [/roman] Klasse (die vorhergehende, die sie übersprungen) machen können, was eigentlich gegen die Regel ist, da die Einführungs-Examina erst im Sept. stattfinden. Sie werden diese Last demnach für den Sommer los sein u. können sich besser erholen von den Lernstrapazen dieses Winters. Wenn ich erst auf dem Lande bin u. mehr Muße habe, werde ich Dir Auszüge aus einem Artikel übersetzen, den [roman:] Miss Brackett [/roman], zu der Lilian hier in die Schule geht, über [roman:] Vassar College [/roman] kürzlich in einer Monatsschrift publicirt hat. Du wirst darin all die Aufschlüsse finden die Du wünschest. Einstweilen erwähne ich hier daß 7 Lehrer, unter ihnen der Präsident u. 26 Lehrerinnen am [roman:] College [/roman] angestellt sind. An der Spitze steht neben dem Präsidenten die [roman:] "Lady Principale" [/roman], welche nicht unterrichtet, sondern lediglich über die Mädchenschar wacht u. für ihre Bedürfnisse sorgt. Übri=gens musst Du Dir keine Universität im deutschen Sinne unter dem [roman:] College [/roman] vorstellen, obgleich ein Theil des Unterrichts in Vorlesun=gen besteht, so ähnelt die Anstalt doch weit mehr einem höheren Gymnasium. [roman:] Poughkeepsie [/roman], wo die Anstalt ist, kann in 2 Stunden von hier per Bahn erreicht werden u. werde ich wohl nächsten Winter öfters dort Besuch machen. Einstweilen mag ich noch gar nicht an die Trennung denken u. er=laube ich dem Gedanken keinen Raum bei mir. Wenn die Zeit kommt, wird er schon schwer genug auf mir lasten. - es war gestern Feiertag - der Tag an dem die Gräber der im Krieg Gefallenen mit Blumen geschmückt werden, u. die Schulen hatten frei. L. benutzte den Tag u. nahm Theil an einem Pick=nick auf [roman:] Staten Island [/roman], jenseits der Bay. Es war ein herrlicher Tag dazu. Bayard u. Lilian senden Dir die herzlichsten Grüße u. wünschen von Herzen, daß es Dir besser gehen möge. Wie sehr ich das vom Himmel erflehe, kann ich nicht
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mit Worten sagen. Mit innigsten Liebe Deine T. Marie
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[underline:] Viele [/underline] Grüße an Hans u. die Kinder. Den Tod von Ida's Bruder bedaure ich sehr, zumal so schwere Leiden vorher=gingen. Doris geht es nun hoffentlich wieder besser. Sonst soll sie sich ja un=tersuchen lassen. Ich kann es nicht überwinden daß niemand von meiner Familie zur Ausstellung kommt.
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Ida ist wieder etwas zur Besinnung gekommen u. hat mir eingestanden, daß sie
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Unrecht thäte, mich so bald wieder zu verlassen, aber schließlich müsse doch
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Jeder für sich selbst sorgen etc. etc. Sie bemüht sich seitdem wieder mir alles
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recht u. angenehm zu machen. Was ich Dir über sie schrieb
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ist aber leider alles wahr.
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