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New-York, 142. East 18th St.
April 26. 1876
Meine liebste Mutter!
Den Brief der guten Tante, die an Deiner statt schrieb, erhielt ich vor 8 Tagen, u. war recht froh wenigstens auf diese Weise von Dir Nachricht zu erhalten. Sie schrieb mir leider, daß sie in einigen Tagen wieder wegreisen würde, u. Du hast nun ihre Gesellschaft wieder entbehren müssen. Ob Du Dich nun wohl zu einem Besuch in Gotha entschlossen hast? Ich hoffe aber, Du wirst dann lange genug bleiben, um Dich ordentlich von der Reise zu erholen, u. die Luft gehörig zur Stärkung zu genießen. Ich bin übrigens recht froh, daß Du die Reise nach Rußland für dieses Jahr aufgegeben hast. Sie ist vorläufig noch zu anstrengend für Dich u. hätte Dir gewiß geschadet. Da würde Dir weit weniger eine Reise übers Meer die Kräfte anstrengen, denn Du brauchst nur in Hamburg den Fuß aufs Schiff zu setzen, um ihn erst bei uns hier wieder aufs Land zu setzen. Aber fern sei es von mir, Dich selbst zu [underline:] dieser [/underline] Reise zu überreden, so gern ich es thäte u. so schmerzlich es mir ist, daß Du nie meine Heimath mit Augen sehen solltest. Dein eigner Entschluß u. Deine eigne Überzeugung, wie viel Du Dir zumuthen kannst u. wie viel nicht zumuthen darfst, muß Dich ganz dabei leiten. Eine große Freude würde es mir sein, wenn Wilhelm oder August diesen Sommer herüber käme, sich die Ausstellung anzusehen. Auch würde uns Hans sehr willkommen sein. Es wäre doch recht betrübt für mich, wenn dieses Jahr, wo die Ausstellung doppeltes u. dreifaches Interesse bietet, niemand von meiner Familie, oder selbst meinen weitern Freunden, von drüben herüber
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käme. Für die Maschinenbauer wird die Ausstellung ganz besonders wichtig sein. Die eine englische Meile lange Maschinen=halle bietet des Neuen u. Interessanten in Hülle u. Fülle - ist die großartigste Ausstellung von Maschinerie, die bis jetzt dagewesen. Ein Gegenstand größten Interesses an u. für sich ist schon die im Mittelpunkte aufgerichtete Triebmaschine welche sämmtliche Maschinen des ganzen Gebäudes in Bewegung setzen soll. Wir waren vor 14 Tagen in Phil.a u. u. haben uns das Ganze angesehen. B., der sämmtliche bisherigen Weltausstellun=gen gesehen hat, ist sehr befriedigt von dem was in Aussicht steht. Sämtliche Ausstellungsgebäude, große u. kleine, bil=den zusammen eine kleine Stadt u. liegen auf einem überaus schönen Terrain. Am 10. Mai findet die fest=liche Eröffnung statt, zu der wir bereits eine Einladungskarte erhalten haben. Ich werde sie aber wohl unbenutzt lassen u. mich mit der Feier des 4ten Juli be=gnügen, an der ich B.'s Gedicht wegen Theil zu nehmen hoffe. Die Ode ist geschrie=ben u. befriedigt mich sehr. Sie ist der Form nach besser noch als die Göthe-Ode. B. hat sie zumeist in [roman:] Cedarcroft [/roman] geschrieben. Wir waren vom 14. bis 18. dort u. kamen einen Tag früher weg, als wir beabsichtigt, weil Lilian wünschte an einem [roman:] Thee dansant [/roman] Theil zu nehmen, der von der kleinen Kirchengemeinde ausging, der sie ange=hört u. welcher der letzte von 4 diesen Winter stattgehabten war. Ich war auch recht froh, daß wir dazu zurückgenommen waren, denn die gesellige Vereinigung
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war eine sehr animirte u. angenehme, nicht nur für die jungen Leute, die feierten, sondern auch für uns ältere, die sich mit=einander unterhielten u. deren Mittelpunkt der geistreiche Pastor der Gemeinde ist. Lilian ist eine so treue Anhängerin desselben, daß sie nie einen Sonntag vorbei lässt ohne in die Kirche zu gehen, die in einem großen dazu gemietheten Saal gehalten wird, denn bis zum Bau einer Kirche hat es die Gemein=de, die aus gemittelten, aber nur aus=nahmsweise reichen Mitgliedern, besteht, noch nicht gebracht. Der Pastor, den sie sich erwählt, könnte bei seinem [underline:] äußerst [/underline] kleinen Gehalt überhaupt nicht bestehen, wenn er, oder vielmehr seine Frau, nicht ein unabhängi=ges Vermögen besäße. Seine Predigten sind geistvoll; man hört sie nie, ohne lebhaft angeregt zu werden, nur sind sie oft zu lang u. deshalb anstrengend für mich. Er spricht stets eine Stunde u. öfters noch länger. - Um nun aber nach [roman:] Cedarcroft [/roman] zurückzukehren, so verlebten wir dort einige sehr angenehme Tage, das Wetter ließ zwar zu wünschen übrig - die Luft war kalt u. der Himmel meist bedeckt - so war es doch eine Wohlthat ins Freie blicken u. ohne besondere Toilette aus dem Hause gehen u. die reine Luft einathmen zu können. Während B. sein Gedicht schrieb, machte ich allerlei Anordnungen, die nöthig waren für unseren Sommer=aufenthalt. Ich wäre recht gern gleich dort geblieben. Ich habe das Bedürfniß recht viel in frischer Luft zu sein, was ich in der Stadt nicht befriedigen kann, u. habe immer große Freude daran, das Leben der Natur wieder erwachen zu sehen. Alles das entgeht mir hier. So
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lange L. aber der Schule wegen hier bleiben muß, so lange ist natürlich auch mein Platz hier. Außerdem würde ja auch B. jetzt nicht mit uns auf d. Lande blei=bleiben können, da seine Stelle an der Zeitung ihn an die Stadt bannt. Es wird mir schwer genug werden, im Juni ohne ihn aufs Land zu gehen. Gestern habe ich angefangen die Pelze u. Wintersachen weg zu packen. Es war sehr Zeit dazu, denn schon haben mich entschieden gierige Motten in Schrecken gesetzt. Mit diesem Monat hört nun auch das ganze Triebwerk des Gesell=schaftswesens auf u. was sich bisher Visiten machte, einlud, mit einander dinirte, conversirte, tanzte etc., zerstreut sich allmälich nach allen Seiten hin, u. die sommerliche Ruhe tritt an Stelle der win=terlichen Hast. Bei uns aber ist der Unter=schied nicht so groß, da wir uns nicht sehr lebhaft an der Gesellschaft im Großen be=theilgen; er macht sich nur dadurch bemerk=bar, daß wir von jetzt an nicht so häufig von Besuchen unterbrochen werden. Lilian ist gesund u. munter. Sie hat ihren Besuch bei [roman:] Vaux's [/roman] abgestattet, nachdem wir von [roman:] Cedarcroft [/roman] zurückgekehrt waren, u. geht nun wieder in die Schule. B. geht es auch gut, nur hat er der Arbeit recht viel. Es wunderte mich nicht, daß die liebe Tante entrüstet war über Ida's Heirath. Davon abgesehen aber, bin ich froh, daß ich sie los werde. Nach dem was ich, in der letzten Zeit besonders, ausfindig gemacht, hege ich keinen Zweifel mehr, daß sie die Tante, die so gutmüthig u. so arglos ist, viel=fältig hintergangen hat. Mein Ver=trauen zu ihr ist zerrüttet. Solche Täuschungen aber sind immer betrü=bend. - B. u. L. senden herzlichste Grüße. Auch viele Grüße von mir an Hans u. die
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Kinderchen. Gott gebe, daß es Dir gut gehe! Deine Dich innig liebende T. Marie.
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Carey 's geht es ganz gut. Fred sieht wieder ganz gesund aus
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Meiner Schwiegermutter geht es besser, doch ist sie immer noch recht steif u. hilflos Der Schwiegervater aber sah nicht gut aus u. klagte sich auch. Er fürchtet sich sehr vor einem Schlaganfall
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