13. April 1865
Liebe Schwester
Dem langen Geschwätze meiner Tochter will ich wenigstens einige Zeilen hinzufügen. - Der jetzt zu Ende gehende Winter ist für uns ein recht harter gewesen. Von meinem Gelenk - Rheu= matismus habe ich Dir schon geschrieben. Die russischen Dampfbäder, die ihn beseitigten (obschon mir noch immer die rechte Hand sehr schwach ist) führten leider ein anderes Übel herbei: Entzün= dung der Gehörgänge, Absceß in denselben und in Folge dessen eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit, die volle zwei Monate anhielt. Seitdem höre ich auf dem linken Ohr wieder gut genug, aber das rechte scheint für immer dahin zu sein. Mathilde litt ebenfalls mehrere Monate lang am Gehör, meine Frau an Nervenleiden von der vielen Anstrengung.
Mitten in meinen Trubel herein schneite unser Vetter Karl mit zwei seiner Kinder. Ich hatte ihm im vor. Herbst, als ich krank wurde, geschrieben, daß ich eins derselben nehmen wolle, aber später, daß einstweilen, da nun auch meine Frau krank sei, davon nicht die Rede sein könne. Und nun brachte er, statt all und jeder Antwort uns zwei zu. Das war eine sehr, sehr schwere Last, denn die armen Kleinen waren Waldmenschen im unangenehmsten Sinne des Wortes, sprachen Wochenlang kein Wort, bissen und schlugen um sich und setzten der freund=
lichsten und liebevollsten Behandlung einen an Stumpfsinn grenzenden
Trotz entgegen. Der kleine Junge von drei Jahren bekam nun
noch obenein die Lungenentzündung, lag vierzehn Tage zwischen
Leben und Sterben, so daß von Nachtruhe für uns keine Rede war und
meine arme Frau unter der fortwährenden nervösen Aufregung
und Ermattung völlig zusammenbrach. Fast mehr als Alles peinlich
war die stumpfe Theilnahmslosigkeit und - Undankbarkeit Karls,
der für die überschwere Last, die er uns unter so eigenthümlichen
Umständen aufgebürdet hatte, auch noch nicht einmal ein einzi=
ges freundliches Wort der Anerkennung hatte. - Noch ehe der Kleine
gesund war, wurde sein Vater schwer krank. Er bekam Glud=
schwamm am Zeigefinger der rechten Hand, der zu einer unförm=
lichen Dicke anschwoll und mehrfach operirt werden mußte. So
war er unfähig zu arbeiten, gleichwohl ließ ich ihm während der
acht Wochen, die er hier war, über 100 Doll. "Arbeitslohn" zukommen,
indem ich ihn glauben ließ, daß die Regierung es bezahle. - Vom ersten
Tage seines Hierseins indessen ließ er mich wissen und zeigte es sich
auch sonst sehr deutlich, daß er nicht mehr in die Stadt passe und je
eher, je lieber wieder in seinen Hinterwald wolle. Auch war das
offenbar nach seiner Gemüthsstimmung und seiner, wie seiner Kinder
Lebensgewohnheiten das beste für ihn, um so mehr als sein Gütchen nicht
werthlos genug war, um ohne Weiteres im Stich gelassen zu werden
Da er aber die Bewirthschaftung desselben nicht wieder anfangen konnte, ohne ein oder ein paar hundert Thaler in der Hand zu haben, um die Verluste zu ersetzen, welche er durch seinen unfreiwilligen Kriegsdienst er= litten hatte, so schrieb ich vor zwei Monaten an Louis, stellte ihm die Sach= lage vor und forderte ihn auf, von allen Geschwistern Karls zusammengenommen ungefähr 100 Doll. Gold (140 rt) für ihn zu sammeln. - Ich bedaure, sagen zu müssen, daß Louis selbst gar nicht darauf geantwortet hat, sondern durch seine Schwester Auguste einen Brief hat schreiben lassen, der mich mit tiefem Ekel und Verachtung für die ganze Sippschaft erfüllte. - Nicht ein Wort, nicht eine Silbe ist darin von einer Unterstützung des armen Teufels ge= sagt, dagegen sind ihm sehr reichlich wohlfeile Rathschläge ertheilt, die alle darauf hinauslaufen, daß er sich nur an mich halten, nur auf mich verlassen solle pp.
Das ist die Art wie unsre liebenswürdige Sippe ihre Geschwisterpflichten erfüllt!! - Nun wohl, hier in Amerika hat man für solche lausige Filzigkeit nur den Ausdruck der Verachtung. Ich habe Karl außer Allem, was er hier von mir erhalten, vorläufig hundert Dollars gegeben, weil er für jetzt nicht mehr brauchte und wenn er will, kann er mehr haben. Ich wünsche dafür keinen andern Ersatz, als das Bewußtsein, daß ich ein unbezweifeltes Recht habe, seine nähern Verwandten, die ihn in seiner Noth im Stich lassen, zu verachten. Dein treuer Bruder [roman:] Hermann [/roman]
[text on top of page 1, written upside down:] Freundlichen Gruß von meiner Frau [three lines crossed out, illegible] Was speziell Auguste betrifft, so weiß ich wohl, daß sie nicht in der Lage war, etwas zu thun; aber sie ist auch die einzige, von der das gilt. [/text on top of page 1, written upside down]
[text at margin of page 1:] Ich bin einstweilen doch gegen Erhöhung meines Gehalts auf [crossed out, illegible] Dollars bei der Abendzeitung geblieben und versuche daneben mein Amt [/text at margin of page 1]