Brooklyn (N.Y.) 7. Juli 1864
Liebe Schwester
Aus dem Empfang meiner Sendung vom 12. Juni wirst Du gesehen haben, daß Deine Vermuthung, ich hätte Deinen Brief vom 10. April nicht erhalten, unbegründet war. Ebenso wird Dir die Verzögerung meiner Antwort dadurch erklärt worden sein. - Auf Dein Letztes würde ich Dir früher geantwortet haben, wenn ich nicht den "Honigmonat" zu häufigen Vergnügungen mit Frau und Kind benutzt hätte, so daß die nicht allzu reichliche Zeit, welche meine Berufs= thätigkeit mir übrig läßt, ausgefüllt wurde.
Was ich zu dem sagen soll, was Du über E. N. schreibst, weiß ich selbst kaum. Die Eindrücke, welche ich aus Deinen frühern Briefen von ihr habe, sind keine günstigen. Von
den Umständen, durch welche Dein Urtheil
modifizirt worden ist, weiß ich Nichts, kann
also auch keine Meinung darüber haben. Ich
muß gestehen, daß Das, was ich vor fünf Jahren
erfuhr, nicht den Eindruck auf mich macht, als
ob sich E. N. zu einer Mutter für Marie eig=
ne. Es mag sein, daß ich ihr damit Unrecht
thue, aber dann nur aus Unkenntniß. - Wissen
möchte ich wohl, wie sich bei Dir die M Über=
zeugung gebildet hat, daß ihr von unserer Seite
Unrecht (bei der Erbschaftsangelegenheit) geschehen sei.
Hat sie Ansprüche auf Askan gehabt, und
welcher Art? Ich meine nicht streng juristische -
nach denen würde ich nicht fragen. Wenn nur
für uns eine moralische Verpflichtung bestanden
hat, sie an Askans Hinterlassenschaft participiren
zu lassen, (mehr, als einen Geschwister = Antheil hat
sie, meines Erinnerns, nie beansprucht), so bin
ich gern bereit, sie gelten zu lassen und meinen
Theil von dem auf sie entfallenden Antheil
herauszuzahlen. Aber jedenfalls müsste ich doch erst
klar in der Sache sehen und wissen, ob es nicht viel=
leicht nur Güte und Milde des Urtheils auf Deiner
Seite ist, was Deine Meinungsveränderung bewirkt hat.
2)
In meiner Lage hat sich N durch meine
Verheirathung kaum eine wesentliche Veränderung
stattgefunden. Ich glaube Dir schon geschrieben
zu haben, daß meine neue Frau überaus häus=
lich, ordentlich, wirthschaftlich ist und mich schon
seit langem liebt. Sie ist gebildet genug, um
an Allem, was mich interessirt, Antheil zu
nehmen, aber nicht etwa verbildet, so daß
sie die wahren häuslichen Pflichten der Frau
gering schätzte, oder gar nach lärmenden Ver=
gnügungen strebte. Ihre Genügsamkeit in dieser
Beziehung geht bis zum Exceß. Einfache Spazir=
gänge in Feld u. Wald und Wetteifer mit mir
in der Pflege unsres kleinen Blumengartens
befriedigen sie aufs vollständigste. Statt des
hier üblichen Sommeraufenthalts auf dem Lande, der
in der Regel weit mehr Unbequemlichkeiten als
Annehmlichkeiten bringt, habe ich ihr für Monat
Juli eine Reise nach den Niagarafällen (bei
Buffalo, 100 deutsche Meilen von hier) versprochen, wo ich
vor gerade zehn Jahren auch mit Bertha war.
In dem Wunsche, Dich hier zu sehen, stimmt
meine Frau vollständig mit mir überein. Es ist uns
beiden, als ob unsre Häuslichkeit erst dadurch ver=
vollständigt werden könnte, - denn auf Geschwister
für Mathilde rechnen wir bei unserm beiderseitigen
Alter nicht. Am Schluß meines letzten Briefes machte ich
eine Bemerkung, daß die Zustände, zu denen der
Krieg sich entwickelt habe, mir kaum gestatteten, Dich
gerade jetzt besonders dringend zum Kommen aufzu=
fordern. Du magst diese Bemerkung falsch ver=
standen, vielleicht gar auf unmittelbare Kriegsnoth
bezogen haben. Mit der hat es hier gute Wege.
Was ich im Sinne hatte, war die Schwierigkeit,
mich gegen persönlichen Militärdienst sicher zu
stellen, falls bei einer demnächst erwarteten
neuen Conscription das Loos mich träfe, - denn
das conscriptionspflichtige Alter geht hier bis zum
45. Jahre. - Bis vor kurzem bestand die Be=
stimmung, daß Jemand, den das Loos traf,
gegen Zahlung einer Abstandssumme von
300 Dollars (wofür die Regierung einen Stell=
vertreter beschaffte) frei kam. Diese Bestimmung
3)
ist jetzt abgeschafft worden; doch wird die Stellung von Einstehern gestattet, vorausgesetzt, daß diese nicht selbst conscriptionspflichtig, also entweder nicht= naturalisirte Einwanderer, oder gediente Soldaten sind. Auch kann Jemand vor der Conscription einen Einsteher stellen, wodurch er auf drei Jahre von der Ziehung frei wird. Das letztere ist es nun, was ich thun will. Zum Glück ist durch ein weiteres Gesetz bestimmt worden, daß eine Ziehung erst 50 Tage nach dem Aufgebote erfolgen darf, während welcher Frist die einzelnen Bezirke ihre Contingente ganz oder zum Theil durch Frei= willige denken können. Dies beseitigt so ziemlich alle Besorgnisse. Denn da noch kein Aufgebot er= folgt ist, so habe ich mindestens 2 Monate Zeit, einen Einsteher zu finden und selbst angenommen, daß ich bis dahin keinen fände, wird von dem Con= tingente meines Bezirks höchstens noch eine so kleine Zahl zu decken bleiben, daß sich die Chancen auf ein Minimum reduziren werden.
Jedenfalls sehe ich in dieser Sache nun so weit klar, daß ich, bei reiflicher Erwägung
aller Rücksichten, die ich Dir schulde, kein Bedenken
mehr trage, Dich zum Hierherkommen einzuladen. - Daß
es Dir, wenn Du einmal hier wärst, bei uns
gefallen würde, glaube ich aufs bestimmteste. Ein
Klavier, ein großer Haufen Noten, auch eine Näh=
maschine (die jetzt vorkommendenfalls von mir
selbst benutzt wird; ich nähe ganz perfect darauf)
und ein hübsch eingerichtetes Zimmer warten schon
längst auf Dich.
Mathildes Gesundheit ist völlig wiederher= gestellt. Deine Befürchtung, daß die verschiedenen Kinderkrankheiten, die sie gehabt hat (und die auch zuweilen die Angst um das einzige Kind für gefährlicher ansehen ließ, als sie waren) ihrer Constitution dauernd geschadet und sie geschwächt hätten, ist zum Glück nicht begründet. Sie ist munter u. kräftig genug, wenn sie auch bei raschem Wachsthum etwas mager und blaß wird. Leider ist sie seit dem Frühjahr, d. h. seitdem sie mit ihren Gespielinnen im Freien umhertollen kann, in der Schule nicht so fleißig, wie im Winter und ihre Fortschritte seitdem sind gering, außer im Englischen. Seit dem 4. Juli ist sie mit meiner Frau 2 deutsche Meilen von hier auf Besuch bei Musikus Allner (aus Dessau), der dort eine reizend gelegene kleine Farm hat. Freundliche Grüße von Allen an Alle. Dein [roman:] Hermann. [/roman]