New York, 4. März 1864
Liebe Sophie
dein Brief an Mathilde ist am 4. Februar eingetroffen. Sie hat sich sehr darüber gefreut, doch auch gewundert, daß nicht ihre Cousine einige Zeilen beigelegt hat. Sie selbst spricht fortwährend von Deutschland und es mag wohl sein, daß sie mehr an ihre Cousine denkt, als diese an sie. Gelten schon in der Regel Ausgewanderte für ihre im Vaterland zurückgebliebenen Verwandten für so gut, wie todt, - um wie viel mehr ihre im fremde Leute geboren Kinder. Ich weiß ja noch recht wohl, wie uns Kindern die Existenz eines Bruders unsres Vaters in Amerika nur wie ein fernes unbekanntes Nebelbild erschien. Die von Dir in einem früheren Briefe ausgesprochene Hoffnung, daß ich durch Ein- gehung neuer Verbindungen dem Leben wieder eine heitere Seite abgewinnen würde, er-
füllt sich nicht. Vielmehr wird es in meinem
Innern von Tage zu Tage düsterer und trüber;
dazu gesellt sich eine immer stärker werdende
nervöse Reizbarkeit, die mit der Zeit auch
auf die Erziehung meiner Tochter einen be=
trübenden Einfluß haben dürfte. - Ich schrieb Dir
früher von einer Erzieherin meiner Tochter,
die mir nach dem Ableben meiner Schwieger=
mutter die Führung meines Haushalts übernommen
habe. Es hat sich da, wie es bei meinen
streng häuslichen Gewohnheiten begreiflich ist,
ein Verhältniß eigentghümlicher Art herausgebildet,
das mich aufs tiefste drückt und an dem
ich manchmal unterzugehen fürchte. Das Mädchen
(36 Jahre alt) liebt mich mit jener Intensität, die
immer einer erst spät im Leben eintretenden
ersten Liebe eigenthümlich ist. Theils aus Rücksicht auf
ihre in der That sehr schätzbaren Eigenschaften,
namentlich ihre Wirthschaftlichkeit und ihren auf=
opfernden Fleiß, theils aus dem Bedürfnisse eine
Art von Ersatz für mein zerstörtes Familienleben
zu haben, habe ich ihr allmählich in meinem
Hause eine Stellung gegeben, welche fast der einer
Frau entsprichte, aber eben deswegen und vielleicht
in Verbindung mit dem innigen Glauben, daß ich
ihre Liebe erwidere, bei ihr Erwartungen
und Wünsche erweckt haben mag, die ich nicht
erfüllen kann, ohne mich entsetzlich unglücklich
zu machen. Denn abgesehen davon, daß ihr
Alter dem meinigen zu gleich ist, ist sie auch
fortwährend kränklich, oft wochenlang ernstlich
krank und von sehr düsteren, trüben
Gemüte: - das letztere in so hohen Grade, daß
ich oft darüber in förmliche Verzweiflung gerathe
und stetig mehr und mehr in eine ebenso
düstere, tristere Stimmung versinke. Vergebens
zermartere ich mir seit Monaten den Kopf,
um eine befriedigende Lösung des peinlichen
Konfliktes zu finden; - ich kann es nicht. In schroffer
Weise eine Lösung zu versuchen fühle ich mich
außer Stande und auch kaum berechtigt, da ich,
wenn auch unabsichtlich, zu dem Entstehen jener
Erwartungen Anlass gegeben habe. Außerdem ist Sie
eine so intensiv empfindende Natur, daß ich ent-
schieden einen tragischen Ausgang für sie fürchten
müßte, wenn ich rücksichtslos nach dem verfahren
wollte, was meine Stimmung erheischt [von "erheischen" gemeint ist: "nötig haben"]. Endlich aber,
selbst angenommen, daß ich alle Rücksichten bei Seite setzen
wollte, würden sich äußere Hindernisse, als die Unmöglich-
keit, Knall u. Fall [Redensart: der Knall des Schusses folgt schnell dem Fall des Tieres; gemeint ist also sehr schnell] mein Haus zu veräußern, den
Haushalt aufzubrechen, für Mathildes Unterbringung
zu sorgen, abgesehen von dem Qualvollen einer Trennung
von meinem Kinde in den Weg stellen.
Was aus dem Allen werden soll und kann.-
ich habe keine Idee davon. Oft schon habe ich mich
über den entsetzlichen Gedanken ertappt, daß es für
meine Tochter besser gewesen wäre, wenn sie ihrer
Mutter gefolgt wäre. Ich wäre dann leider nachge-
gangen und wäre Alles los. Selbst in diesen Augen-
blicken drängen sich mir die Thränen in die Augen,
indem ich mir vergegenwärtige wie tief elend
der Mensch sein kann, auch wenn es ihm äußerlich
noch so gut geht. Vor fünfzehn Jahren, wenn mir
jemand gesagt hätte, daß ich mit 36 Jahren eine
Jahreseinnahme von viertehalbtausend [3.500: 1. Tausend, 2. T., 3. T. voll also 3.000 + 4. nur halb also 500 = 3.500] Thalern haben
würde, ich hätte geglaubt, daß ich der glücklichste
Mensch von der Welt sein müßte. Und heute!
Wie gern wäre ich noch der Landtagsstenograph
mit einem Zehntel jener Einnahmen! Wie lange
muß man leben und wie bittere Erfahrungen
muß man durchmachen, ehe man die tiefe
Wahrheit der hausbackenen Sprüche erkennt,
die man in seiner Jugend als altfränkische
Großvater Weisheit verspottet hat.. "Zufrieden-
heit ist mehr werth als Geld", - ach, für
wie viel zertrümmertes Lebensglück diente
dieser Spruch als Grabschrift!
Unter manchen anderen Plänen, die ich
mir gemacht hatte, war auch das, eine
Lösung jenes peinlichen Verhältnisses dadurch
zu versuchen, daß ich in diesem Jahre nach
Deutschland übersiedelte, wo mir schon
seit zwei Jahren an einer der Zeitungen,
für welche ich korrespondiere , eine Redakteur-
stelle mit 3000 Tl. Gehalt offen gehalten
wird. Aber abgesehen davon, daß das nur
aus dem Regen unter die Traufe gehen
hiesse - denn ich glaube, daß mir das
Leben in Deutschland, nachdem ich in all mei-
nen Denken, Anschauen, Wünschen, Hoffen
und Gewißen Amerikaner geworden bin,
auf die Dauer eine Höllenqual sein würde -
hängen auch gar zu viele "Wenn" daran.
Hauptsächlich die Unmöglichkeit, durch dieses
Mittel die gewünschte sanfte Lösung zu bewirken;
daneben die schon vorher angedeuteten äußeren
Verhältnisse: Land, Möbel, Wirthschaft. Wenn
man so alt geworden ist, wie ich, ist man
in diese äußeren Verhältnisse mit allen seinen
Lebensgewohnheiten zu fest eingewachsen, als
daß man sich so ohne Weiteres losreißen könnte.
Dann kommt in diesem Jahre, wo hier wie-
der eine Präsidentenwahl stattfindet, auch der
enge Antheil an den politischen Verhältnissen mei-
nes Adoptivvaterlandes und die dadurch bedingten
persönlichen Beziehungen dazu, um mich hier zu fesseln.
- Ich habe Dir im Vorstehenden einmal ganz mein
Herz ausgeschüttet, weil es mir Bedürfnis ist, mich endlich
einmal Jemanden mitzutheilen. Ich erwarte aber von
Dir, daß Du gegen Jedermann die strengste Ver-
schwiegenheit darüber bewahrst. Wenn Du mir
einen Rath ertheilen könntest, würde ich ihn mit Dank
annehmen, obschon ich sehr wohl weiß, daß in solchen
Fällen sehr wenig zu rathen und gar nicht zu helfen
ist.
Mathilde ist gesund und läßt bestens grüßen. Sie hat jetzt
für ihre Schule so viel zu arbeiten, daß sie nicht mehr so leicht, wie
sonst Briefe schreiben kann. Meine körperliche Gesundheit ist befriedigend. Dein
treuer Bruder Herrmann