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Gotha, den 13ten Feb. 1860
Meine liebe Maria!
Schon die ganze vorige Woche wollte ich Dir schreiben, aber ich kam nicht dazu, am Tage hatte ich so viele Abhal= tungen u. des Abends komme ich mit dem Schreiben gar nicht mehr fort, der Geist ist müde u. die Augen ange= griffen. Ueber Deinen letzten Brief habe ich mich recht sehr gefreut, er schilderte mir Euer häusliches Glück in so schönen Farben, daß wir uns alle aufs innigste da= ran erfreuen mussten u. der Wunsch, selbst einmal Zeuge desselben sein zu können, recht lebhaft in uns wurde, aber diesen Gedanken dürfen wir ja eigent= lich gar nicht aufkommen lassen, denn er kann ja leider nie erfüllt werden. Es ist mir betrübt, daß Dein lie= ber Mann seine glückliche Häuslichkeit so wenig genie= ßen kann, jedesmal thut es mir leid, wenn ich höre, daß er sie wieder verlassen musste u. ich hoffe wohl sehr daß das in Zukunft doch anders werden wird. Es war mir eine Freude, daß Du den Geburtstag Deines Mannes so schön gefeiert hattest, nach guter deutscher Sitte, der Du auch so viel wie möglich treu bleiben musst. Daß Lilian gar kein deutsch spricht ist uns natürlich gar nicht recht, Ida hat schrecklich darüber auf Dich losgezogen u. ich habe wohl auch mit Wehmuth daran erkannt, daß Du selbst nicht deutsch mit ihr sprichst u. es wohl überhaupt ziemlich verlernen wirst. Ueber Lilian's glückliches u. liebliches Aufblühen freue ich mich gar sehr u. der Wunsch sie einmal sehen zu können ist unendlich lebhaft in mir u. oft muß ich recht gegen diese Sehnsucht ankäm=
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könnte, Breistedt hätte deßhalb oft viel an ihr zu trösten. Die Tante sprach sich nicht weiter darüber aus u. ich schwieg na= türlich dazu. Es ist mir sehr wehe, daß dieser Schmerz über Emmas traurigen Zustand über sie kommen muß, sie hat ohnehin oft genug an Buflebs übler Laune zu tragen. Sie hat mich ge= beten Dich zu fragen ob sie wohl ein Packet mit Hemd= chen für die kleine Annie u. dergleichen hinschicken könnte, ohne daß der Zoll zu große Kosten verursache, u. ich bitte Dich im nächsten Brief darüber Auskunft zu geben. Wir sitzen wieder tief im Winter, seit 3 Tagen schneit es unaufhörlich, auf dem Wald soll ein so hoher Schnee liegen, wie man sich nicht erinnern kann, ich wollte wir hätten diese kalte Zeit hinter uns, wir haben ein einziges Zimmer im Hause, das sich gut heizt u. das ist des Vaters in welchem ich schon seit Weihnachten mit wohne, in diesen [sic] ist statt des schönen weißen Ofens ein recht häßlicher Kachel= ofen gesetzt worden, der aber gut heizt. Ich bin glücklich in dem Ge= danken, daß ich in unsern Zimmern nächsten Winter keine Kohlen mehr brennen werde, der Vater hat endlich eingesehen, daß ich eine schreckliche Plage damit habe u. der Vortheil zu gering dafür ist, wie viel Verdruß u. Quälerei hätte mir in den 3 Wintern erspart werden können, wenn wir gar nicht damit angefangen hätten! Mit meiner Gesundheit geht es nicht viel besser, ich habe oft an heftigen Kopfweh zu leiden u. bin immer sehr an= gegriffen u. dieser Monat nun bringt mir wieder so viel schmerzliche Erinnerungen, daß ich mich oft auch geistig recht matt u. muthlos fühle. Ida hat jetzt manche Zerstreuung durchs Theater u. einige Bälle, sie wird Dir selbst davon erzählen. Ich hoffe mit großer Sehnsucht auf eine Nachricht von der Tante Anna, an die ich täglich mit großer Sorge denke, ich glaube kaum daß noch Hoffnung zu ihrer Genesung ist. So leb denn nun wohl meine liebe Maria, grüße Deinen lieben Mann, der ja wohl nun wieder bei Dir sein wird, recht herzlich, auch Deine lieben Schwiegereltern u. Stoddards u. Lilian gieb einen recht innigen Kuß von mir u. der gute Vater sendet Euch auch seine besten Grüße. Gott behüte Euch! Mit der herzlichsten Liebe Deine Mutter.
[text on top of page 1, written upside down:] Von Mathilden habe ich auch einen Brief erhalten, ich soll Dich von ihr grüßen. Ihre Großmutter ist im November gestorben. Ihren Brüdern geht es sehr gut. Sie wollte wissen, wann Buflebs ihre Reise nach Amerika antreten, um sie auf jeden Fall in Hamburg sehen zu können. Ich habe die Briefe mit der preußischen Post geschickt, weil die Zeitungen mit dieser immer sehr schnell ankommen, es ist wohl immer noch vergessen worden sie abzubestellen? [/text on top of page 1, written upside down]
