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Bamberg. d. 3ten Juni 68.
Lieber Heinrich!
Ich nehme schon die Feder zur Hand um Dir zu schreiben, ohne noch zu wissen ob Du schon gelandet oder nicht, doch da wir Deine große Sehnsucht nach Nachrichten kennen, - u. uns nicht wiederholt den Vorwurf zu großer Schreibfaulheit wollen machen lassen, - so geben wir denn unsren Gedanken die Euch viel begleiten Worte, - u. theilen Euch mit was für uns die Zeit gebracht, seit Ihr uns verlaßen. - Ich sende diesen Brief dann Tante nach Rosenheim, u. die will nach Mittheilung ihrer Erlebnisse die ganze Epistel dann an Euch absenden. -
Aus der Überschrift erseht Ihr, daß ich meinen Plan ausgeführt und zu Marie Esebeck hierher gegangen bin, - u. zwar that ich dies am 23ten; die Zeit nach Eurem Weggehen u. meiner Abreise, - war recht verflogen unter Arbeit u. Besuche machen, - u. nichts Bemerkenswerthes hat sich ereignet; - für Dich, traf die Rechnung von Heß ein, - deren Abschrift ich hier beilege; - dann ist ein Armeebefehl gekommen, - der für unsre Familie nichts brachte, - dafür [?] Fleschurz [/?] den Major, - er bleibt im Generalstabe, - u. uns [illegible] einige [?} Vorlaute [/?], - so daß der Major noch ein bischen länger auf sich warten lassen wird. -
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Robert, hat sehr viel zu thun, - u. hat erst neulich von seinem Chef die wenig tröstliche Nachricht erfahren, - daß er den vielen Geschäften wegen, - den ganzen Sommer an keinen Urlaub denken kann. - Auch Richards Abreise nach München, wurde Geschäfts halber, wieder unmöglich, u. müssen wir uns nun wohl auf den Herbst vertrösten, wo er uns dann hoffentlich Tanten's Umzug machen hilft. - Ich selbst, - fühle mich hier sehr wohl u. vergnügt, - nur dürfte die Hitze weniger gewaltig sein, - wir haben in Wochen keinen Regen gehabt, - u. grenzenlose Dürre herrscht allenthalben, - wäret Ihr jetzt hier, - Ihr würdet gewiß nicht über Mangel an Wärme seufzen. -
Im Hause Schulze, - wo das Ehepaar mit den 3 reizenden Kindern u. Marie, in aller Eintracht zusammen hausen, - herrscht ein äußerst gemüthlicher, an- genehmer Ton, - so daß man sich leicht hineinlebt, - u. nie fremd fühlt; - man begegnet mir mit der alten Freundschaft, - u. je länger ich mit Marie zusammen bin, - desto lieber gewinne ich sie. - Das Haus umgiebt ein reizender Garten, - in dem wir die Morgen u. Abende verbringen, - u. der einen herrlichen Blick auf die schöne Umgebung gewährt, - u. so isolirt liegt, - daß man glaubt ganz außer
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allem Weltverkehr zu sein; doch wiederspricht dem sehr das Leben innerhalb, - denn wir haben fast den ganzen Tag Besuch, - ich habe unter den Offiziren manch' alten Bekannten wieder gefunden, - u. man sucht mich häufig auf; es wird musizirt, u. ist einer der angenehmsten unsrer täglichen Gäste, der kleine Baron Thönitz, den Du ja durch Emil in Paris kennen lerntest; - durch seine famosen Einfälle, - musikalischen Talente, - seine superbe französische Sprache, - macht er uns viel Unterhaltung, - dann besitzt er 3 köstliche Pferde, - die ich nach Verlangen benützen darf, - u. machte ich schon auf zweien davon mit ihm sehr nette Partien, - daran sich meistens auch Schulze u. Marie anschließen. - Schulze haben auch Equipage - kurz Alles was man will, - u. ich bin so vergnügt hier, - daß ich die Stunden die so recht verfliegen, mit Gewalt festhalten mögte. - Du stehst bei allen Bekannten hier in sehr gutem Andenken, - u. lassen so wohl Marie u. Schulzes wie auch Thönitz Euch grüßen. -
Ende dieser Woche, hat mir Emil versprochen, - auf 2 Tage hierher zu kommen, - worauf ich mich sehr freue, - er kann mir dann noch von Eurem Zusammensein in Würzburg erzählen, von dem er auch sehr beklagte, daß es nicht länger währte. - Marie, - wird wohl am 19ten nach Paris gehen, - u. ich am 10ten von hier absegeln, jedoch nicht nach München zurück, - sondern auf das Gut von
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Bauers Tochter, der Baronin Reitzenstein, - die mich so freundlich eingeladen hat, - u. im Sommer ist es in München so wenig schön, daß man gerne so lange wie möglich fern von dort bleibt; Robert gönnt mir von Herzen diese Ausflüge zu guten Freunden, - u. wird während ich fort bin, - durch den Hausherrn wieder meine ganze Wohnung uns in Stand gesetzt. - Gegen den 20ten Juni, denke ich dann wieder in München zurück zu sein, - 14 Tage bis 3 Wochen bei Robert zu bleiben, - u. dann auf ebenso lange zu Tante nach Rosenheim zu wandern. - Ich denke bis dahin hat ihr das Bad schon so genützt, - daß wir uns ein bischen in Rosenheim u. Umgebung umsehen können; u. die arme [illegible] Tante doch noch [insertion:] ein [/insertion] wenig mehr erblickt als bloß den Garten u. das Badhaus. - Mir selbst wird die Ruhe in Rosenheim, - noch nach den hier gehabten lauten Freuden sehr wohl thun, - denn zuweilen greift es doch an, stets von so vielen u. äußerst lebhaften Menschen umgeben zu sein. - Ich muß immer viel von Euch erzählen, - u. was ich [insertion:] durch Euch [/ insertion] von amerikanischen Verhältnißen weiß; Marie u. Schulze interessirt das Alles lebhaft u. amüsiren wird es Euch zu hören, - daß Ihr Graf Tattenback mit Euren anziehenden Schilderungen von Eurer jezigen Heimath so den Kopf verdreht habt, - daß seine Mutter u. Schwestern die hier zum Besuche sind, - mir versicherten sie hegten ernstlich Sorge, daß ihr [2 words, illegible] eines schönen Tages aufpackt um nach Amerika zu segeln; ich selbst glaube aber das schwärmerische Gemüth besser zu kennen, u. prophezeihe baldige Erkaltung des Enthusiasmus. -
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[roman:] My Home! [/roman]
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Hier, Robert's Erwiederung, auf Fanny's Räthsel, - möglichst getreu, - suchte er auf den kleinen Raum Euch Tanten's Daheim wiederzugeben; u. wünschen wir uns, - daß bis es Euch zu Händen kommt, die Zeichnung nicht zu sehr verwischt ist. - Entdeckt Ihr in den Anlagen zwei schwarze Punkte,
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sie sollen Euch, - die beiden Hundchen wiedergeben die den größten Theil des Tages, dank dem milden Winter sich dort herum treiben. - Deßgleichen auf dem Teppich, - (der Büffelhaut) vor dem Divan. - Die Linie, vom Treppenfenster, - zu Frida hinüber, bedeutet, - daß da sehr viel hinüber correspondirt wird. - Nun, - das Andere müßt Ihr Euch ausdenken, - u. mit Ruhe, werdet Ihr schon das Richtige herausfinden.
geschrieben u. gezeichnet bei Tante am 1/1. 69. Abends
Eure Emma.