Hamburg Ohlsdorf d. 4. Dec. 1914.
Meine liebe gute Tante!
Wir sind im Monat December. also wiederum ein Jahr älter und ein Jahr klüger und wie Du weiss. kann man dann etwas übersichtlicher berichten, wie ich dies auch bis. her und ausführlicher zu thun pflegte. Viel neues kann ich über uns nicht schreiben im Anbetracht der ernsten Zeit, worin wir uns in Deutschland jetzt befinden. Und den= noch sollen wir, wenigsten wir im engsten Kreise zufrieden sein. Man ist gesund und wohl. und was das bedeutet und werth ist. wirst Du liebe Tante am besten zu wür. digen verstehen. Durch den Besuch Deiner Tochter Amelia und deren drei erwachsenen Kindern wurde uns diesem Sommer ein grosses Vergnügen zu theil. In Ermanglung Deiner Person waren sie gewissermassen ein Stück Deiner selbst, welche wir deshalb mit besonderer Genugthuung hier begrüssen konnten. Leider kam später der böse Krieg dazwischen. als sie in „Hildesheim“ waren und nachher dort fest sassen. Hätten wir davon eine Ahnung gehabt, so hätten wir sie gar nicht von uns gelassen. Unser schönes Hamburg bietet unendlich viel Interessantes, mit deren Besichtigung ich sie noch für Wochen hätte unterhalten können. Amelia und ihre Töch. ter haben die weite Reise gemacht, um dann nur so wenig davon zu haben. das hat uns sehr Leid gethan. (gethan) Wenn ich mich nun so mit Dir unterhalte, an wie ferne Zeiten wird man da erinnert, es sind jetzt über 40 Jahr her, dass ich Euer Land verliess. und doch denke ich noch recht gern an jene Zeiten zurück, denn die schönen 20 ger Lebensjahren, worin man sich damals befand. solche schöne Jugendjahre verlebt man eben nur ein mal. Die Zeit kehrt nie wieder.