[roman:] Brooklyn, New York [/roman]
Dec. 7. 1858.
Meine liebste Mutter!
Vorgestern endlich erhielten wir die Ant= wort auf unsere ersten Briefe aus der neuen Heimath u. empfanden Eure Freude über die letzteren noch einmal durch, gleich wie wir sie schon damals fühlten als wir uns sagen konnten: Jetzt haben sie unsere Briefe u. wissen daß wir glücklich angekommen sind. Was für eine Freude es doch ist Nachrichten aus der lieben alten Heimath zu bekommen, wenn man so weit von ihr getrennt ist! Anni schickte uns die Briefe sogleich von [roman:] Kennet [/roman] hierher. Wir waren am 2. Dec. von dort weggegangen u. kamen am 3. Mittags in [roman:] New York [/roman] an. Bayard erwartete uns auf der Station u. brachte uns hierher. Ich fand Alles bereits so weit eingerichtet daß wir des Abends unsern eignen Thee haben konnten u. des Nachts in einem ordentlichen Bette schlafen. Bayard hatte mit [roman:] Mrs. Stoddards [/roman] Hülfe mehr geschafft als ich erwarten konnte - die Teppiche lagen, die Möbel standen an ihrem Platz, die Bilder hingen zum Theil, die Büchergestelle standen bereit für die Unmasse von Büchern die jetzt auf ihnen ihre goldgepresste Rückseite zeigen, die Betten warteten nur auf die neuen weißleinenen Überzüge, die Waschtische waren mit allem versorgt was zu ihnen gehört, das Feuer brannte im Küchenofen u. selbst Butter, Schmalz u. Eier u. eine unzählige Menge anderer Lebensmittel war im Küchen= schranke aufgehäuft. Drei schöne Blumen=
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stöcke fand ich im Wohnzimmer auf einem
Arbeitstischchen von Rosenholz stehen u.
[roman:] Mrs. Stoddard [/roman] hatte ein großes Roggenbrod
vom deutschen Bäcker, welches sie mir über=
reichte. Unsere Wohnungist klein, aber nied=
lich u. für diesen Winter hinreichend genügend.
Wir haben eine Treppe zu steigen, ein Wohn=
u. Speisezimmer (beides zu gleicher Zeit) vornheraus,
nebst einem kleinen Gastzimmerchen, welches
Mutter [roman:] Taylor [/roman] bewohnt. An das Wohnzimmer
stößt, nach hinten gehend unser Schlafzimmer,
welches so schön u. elegant eingerichtet ist, daß
ich mich auch am Tage darinnen aufhalten
kann, wenn ich es vorziehe; u. hieran wieder=
um stößt die Küche, die zugleich ein warmer
u. sehr anständiger Aufenthaltsort für
Lisbeth ist. Emma's u. John's Zimmer u. Lisbeths
Kammer ist eine Treppe höher. Die Tischdecke
die Du mir gabst paradirt jetzt auf unserm
Nussbaum Ausziehtisch u. passt prächtig zum
grünen Teppich u. dem grünen Überzug der
[roman:] Chaise longue [/roman] u. der Lehnsessel. Im Schafzim=
mer haben wir Ahorn u. Lili hat eine wun=
derschöne Hängewiege von Mahagoni. Eine
kleine Garderobe u. sehr viele Wandschränke
tragen sehr zur Bequemlichkeit bei. Bayard
freut sich an der neuen Einrichtung u. der
eignen Heimath wahrhaft kindlich u. ich
glaube es hat ihm in seinem Leben so gut
geschmeckt als an seinem eignen Tisch. Es
war ein herrliches Gefühl als der gemüthliche
Theetisch zum ersten Male gedeckt war. Wir
hatten Thee, gekochte Austern, Butter u. Brod
u. deutsches Bier, u. unser erstes Mittagsessen
bestand aus Rindsbraten, geschmorten Kar=
toffeln, weiß süßen Kartoffeln, Pikels, Kompott,
Selerie (der so zart ist, daß man ihn roh ist) u.
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zum Desert Äpfel. Und überdies hatte Bayard zur
Feier des Tages uns eine Flasche Rheinwein
spendirt. Lisbeth besorgt das Essen ganz allein
u. macht bis jetzt Alles sehr gut u. schmackhaft.
Freilich [?] es alle ihre Zeit u. Emma B.
besorgt außer unserer Schlafzimmerstube, alle Zimmer.
Morgen haben wir kleine Wäsche - wir wer=
den sehen wie es dann geht. Alle großen
Stücken werde ich außer dem Hause waschen
lassen. Bayard kann leider seine neu ein=
gerichtete Wohnung nicht lange genießen.
Er ist gestern schon wieder weg gegangen,
kommt heute zu Mittag wieder u. ließt
des Abends hier in [roman:] Brooklyn [/roman], geht dann
Morgen früh wieder weg u. kommt erst
den Tag vor Weihnacht wieder.
Ich weiß kaum wie der Brief sein muß, den Du heute bekommst, ich schreibe in großer Flucht u. werde von meinen Wirthschaftspflichten jeden Augenblick unterbrochen. Soeben kam der [roman:] Grocer [/roman], der zweimal in der Woche nachfragt was ich an Provisionen brauche u. mir Alles in's Haus bringt ausgenommen Fleisch, Milch u. Brod. Es wird noch lange dauern ehe Alles glatt u. regel= mäßig in meinem Hause zugeht, aber ich bin doch schon ganz zufrieden daß ich so weit bin. Ich verwende so lange bis Alles, bis in's kleinste, in Ordnung ist alle meine Zeit darauf u. denke an nichts anderes. Meine Schwiegermutter ist mir eine große Hülfe; hätte ich sie nicht, ich wüsste nicht wie ich durch käme, denn klein Lilian verlangt eine Wärterin ganz für sich allein. Sie schläft sehr wenig am Tage u. will immer unterhalten sein. Das ist Alles was ich in Bezug auf sie auszusetzen habe. Sonst ist sie ein liebes süßes Kind; so freundlich u. so lebhaft. Ihre Nahrung habe ich in Folge un= serer Übersiedlung verändern müssen. Ich bin zu besorgt ihr von der Milch zu geben,
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die wir hier bekommen u. habe mir deswegen etwas feines englisches Griesmehl, was sehr empfohlen wird, angeschafft u. gebe ihr davon drei Mal täglich. Ich wollte es zuerst nicht machen u. hat uns am letzten Sonntag sehr mit Schreien u. Unruhe geplagt; jetzt aber trinkt sie es ebenso wie Milch u. befindet sich ganz wohl. Ihre Zähnchen sind noch nicht durch, aber das Zahn= fleisch ist sehr geschwollen. Du hättest Lili sehen sollen als sie vorige Woche ihre erste Reise mit keimenden Bewußtsein machte, wie sie ihre Augen aufriss, als sie aus dem Eisenbahnwagen hinausschaute u. Bäume u. Häuser so schnell vorüber fliegen sah. Sie war stundenlang in einem Erstaunen u. hat die ganze Reise zu= rückgelegt ohne einen Muks zu thun. Das Wetter war den ersten Tag der Reise sehr unfreundlich, aber nicht kalt u. den zweiten Tag hatten wir den schönsten Sonnenschein. Auch jetzt ist es mild u. warm, wenn auch trübe. - Über Emma W. freue ich mich sehr. Der Himmel hat es doch auch recht gut mit ihr gemacht. Gottlob daß Deine Ge= sundheit wieder so viel besser geht; ich hoffe daß [roman:] Wislicenus [/roman] Dir auch noch Dein Zahnweh wegschaffen wird. Ich möchte daß Vater einen Augenarzt um Rath frage; es ängstigt mich wahrhaft daß seine Augen so abnehmen. Ihr müsst nun schon viele Briefe von mir erhalten haben. Morgen ist des Vaters Geburtstag, da werde ich recht nach Hause denken. Grüße den guten Vater recht herzlich, ebenso Ida, Tante Auguste etc. etc. etc. etc. Ida darf mir nicht böse sein, daß ich ihr noch nicht schreibe; ich habe diesen Brief nur in der größten Eile geschrieben u. muss nun schnell wieder nach tausenderlei sehen. Meine Kommoden sind noch in der schrecklichsten Unordnung. Die Küche ist am besten bestellt. Das Geld fliegt nur so fort. Wenn ich denke ich habe Alles was ich brauche so findet sich bald darauf immer ein ganzes Regiment an Dingen die noch nothwendig
[margin:] angeschafft werden müssen. Viele Grüße von hier. Gott behüte Euch! Deine Tochter Marie. [/margin]