Otterberg 29. Febr. 04.
Liebenswerter Vetter Eugen!
Lieb' Mütterchens Brief erlaube ich mir einige Zeilen beizufügen. Durch Sie von Deinem Kommen benachrichtigt, freuen wir uns sehr auf Dein Wiedersehen und heiße ich Dich mit meinem lieben Mann herzlichst willkommen in unserem jungen Heim. Trotzdem unsere l. Mutter vor einem Jahr die Nachricht brachte, Du würdest Deine alte Heimat nicht besuchen, wartete ich Dich mit Sehn= sucht in dem Glauben, Du würdest
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uns überraschen, aber leider schiedest Du wieder ohne eine gegenseitige Begrüßung. Wie sehr gerne wäre ich mit Mutter damals zu Dir geeilt, doch mein kleiner Liebling war an Masern erkrankt und ließ seine Mama nicht vom Bettchen. Um so mehr freue ich mich auf Dein jetziges Kommen; Du mußt mir jetzt schon versprechen, unser lieber Gast zu sein und ich werde alles aufbieten, Dir frohe und glückliche Stunden zu bereiten, daß Du scheiden kannst in dem Bewußtsein, treue Menschen zu besitzen, die in jeder Zeit und jeder Lage zu Dir gestanden und Dich hochgehalten haben.
Nur das einzig schmerzliche ist, daß Du gar niemand mehr von Deinen
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Eltern oder Malchen findest. O würde Malchen noch leben, wäre das Glück und die Freude vollständig. Wie sie sich gesehnt nach Dir, kann ich Dir gar nicht sagen, jedes Bildchen und Deckchen, jede Kleinig= keit wollte sie aufheben, die gute treue Seele zu Deiner Überraschung & Freude. Aber in Gottes Ratschluß war es anders bestimmt, sie mußte scheiden, ohne ihren höchsten Wunsch erfüllt zu haben, mußte den kleinen Eugen, ihren Augapfel zurück= lassen in ungewisser Zukunft. Und was einem Kinde durch [insertion:] d. Tod [/insertion] der Mutter genommen wird, ist niemals zu ersetzen, denn es gibt genug zweite Mütter, die nur Liebe heucheln, sie aber niemals geben, und ersteres thun sie nur, um einen gewissen Vorteil daraus zu ziehen.
Aber so ist eben die Welt mit seinen Menschen.
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Vor Allem freut es mich zu hören, daß es Dir gut geht in Deiner zweiten Heimat; Fleiß und Redlichkeit bringt in jedem Lande Wohlergehen! Von uns kann ich Dir gottlob auch Gutes berichten; wir sind gesund mit unsern beiden lieben Kleinen, Papa ist viel auf Geschäftstour, ich besorge das Geschäft, das den hiesigen Verhältnissen entsprechend, gut geht. Wir sind glücklich und zufrieden zusammen und das macht ja das Leben aus, zumal ich noch all meine Lieben hier bei mir habe. Mit Gottes Hilfe bleiben unsere lieben guten Eltern noch lange bei uns zu unserer Rat und Glück.
Ich wünsche Dir fernerhin alles Glück und Wohlergehen, vor allem glückliche Reise in Deine alte Heimat, die Du hoffentlich nicht mehr so lange hinaus schiebst. Auf frohes Wiedersehen begrüße ich Dich mit m. l. Mann in alter Liebe Deine Lenchen [roman:] Berdel. [/roman]