Callbach, den 27. April 1900
Mein lieber Schwager!
Verzeihe, daß ich Dich so lange auf Antwort warten ließ; mein altes Magenleiden, das seit Wochen mit großer Heftigkeit sich immer wieder einstellt, machte mich zu jeder geistigen Arbeit unfähig; nebenbei ist es auch der furcht= bare Schmerz über den Hingang meines lie= ben u. teuren Malchens, der mich zu allem unfähig macht. Ach, und das schreckliche Heim= weh, das mich so oft überfällt und mir gräß= liche Qualen verursacht! Mein ganzes Leben gäbe ich hin, dürfte ich nur noch einmal in die lieben u. treuen Augen blicken. Ich, der ich so an die Liebe, Glück u. Sonnenschein gewöhnt war, muß nun so einsam u. traurig meine Straße ziehen. Auch Du, lieber Schwager, mußtest zu
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Deinem herben Schmerz durch die Nichtwiederwahl zum Dirig. der „Vereinigten Sänger“ großen Undank und Rachsucht erfahren. Sei zufrieden, dieser Verlust ist nur vorübergehend und Deine Niederlage wird vielleicht im nächsten Jahr glänzend gerächt. Ich fühle so ganz mit Dir und begreife daher so recht Deinen Schmerz. Nur nicht verzagt, diese Wunde heilt wieder aus.
Gestern hat für mein Kind ein neuer Lebens= abschnitt begonnen; gestern hat Eugenchen zum ersten Male die Lateinschule in Meisen= heim besucht. Wie notwendig wäre ihm doch jetzt die treue Sorgfalt seines lieben Müt= terleins. Ach, wie oft wird es ihm auch noch fehlen! Mit unserer Haushälterin kommt Eugenchen ganz gut dahin, sie thut ihm so ganz den Willen und ist auch recht besorgt um ihn; aber es ist doch sein treubesorgtes Mütterlein nicht. An Ostern war Eugenchen auch einige Tage in Otter=
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berg; er hat die Reise ganz allein gemacht; Lenchen hat mich wiederholt gebeten, ihm Eugenchen doch ein paar Tage zu schicken. Paulin hat er nicht besucht, wiewohl ihn dasselbe auf der Straße angehalten hat und mitnehmen wollte. Unsere Verwandten waren zu Eugenchen recht besorgt und liebevoll. Schwerbeladen mit allem, was ein Bubenherz erfreut, kam er zurück.
Was die Angelegenheit mit der Vormundschaft -mit- betrifft, so ist dieselbe bereits geregelt; selbstver= ständlich habe ich das Geld, das ich von Dir in Hän= den habe, nicht hinterlegt für Eugenchen. Es ist in Wertpapieren angelegt und befindet sich in meinem Verwahr; für Deine freundliche Zu= wendung bin ich Dir recht dankbar. Wenn Du eine andere Anlage des Geldes wünschen solltest, so wäre ich gern bereit, Deinen Wunsch zu erfül= len. Wie würde es mich freuen, wenn Du mit Deinem eingereichtem Preischor Erfolg hättest.
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Könntest Du mir denselben nicht zugehen lassen? Gewiß wird Dir aber ein Preis bei dem Sänger= fest nicht fehlen. Ich wünsche bestes Gelingen.
Ach, lieber Schwager, wären die Zeiten doch noch einmal da, wo wir so glücklich beisammen lebten. Wie waren doch in den Ferienzeiten unsre Tage so schön, die wir beisammen in dem lieben Heim in Otterberg verleben durften bei dem guten Elternpaar. Erinnerst Du dich noch? Denkst du noch an unsere Spaziergänge durch die herrlichen Wälder! Weißt Du noch, wie uns unser liebes Malchen immer so freundlich empfing bei der Rückkehr und wie unser treubesorgtes Mütterlein so froh und heiter am Herde stand und für die hungrigen Mehlinger sorgte? Wie rasch ist es doch so anders geworden! Nur eine glückliche und süße Erinnerung ist uns geblieben. Wollen wir sie auch unser ganzes Leben lang festhalten!
Sei herzlich gegrüßt u. geküßt von mir und Deinem lieben Neffen.
Dein ewig treuer Schwager
H.