Callbach, den 11. Februar 1900.
Mein lieber Eugen!
Heute Morgen habe ich Deinen lieben Brief erhalten; er ist für mich ein Balsam auf die furchtbar brennende Wunde. Herzlichen Dank für die tröstenden und goldenen Worte. Habe ich doch die Überzeugung, daß ich nicht verlassen bin und daß Du fest und treu zu mir halten willst. Dieser treuen u. brüderlichen Stütze bedarf ich, denn ich bin ge= troffen bis ins innerste Mark. Mein Alles, mein Glück, mein Stern ist fort und ich soll u. muß weiterleben. Ach, wie hart, wie schwer. Ich kanns nicht fassen, nicht ertragen. Mein lieb treu Kind ist fort und fort für ewig. Warum muß ich so furchtbar heim gesucht werden? Was haben wir verschuldet? Wo ist da Gerechtigkeit, wo Vergeltung? Warum ist dieses schöne Band, geknüpft von einer reinen u. edlen Liebe, so gewaltsam zerschnitten worden? Soll denn die Erde für alle ein Jammerthal sein? Darf's keine glücklichen Menschen mehr geben? Ja, lieber Schwager, mein Glück war kurz, aber groß. Mein Malchen habe ich geliebt mit jeder Faser meines Herzens, deshalb der furchtbar selische Kampf, den ich jetzt kämpfen muß. Ich, nur ich allein weiß es, was ich ver=
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loren habe. Wie himmlisch war mein Heim, wie glück= lich war ich, wenn ich bei meinem Lieb' sein durfte und wie gern hab ich meinem Kinde Handreichung in allen Stücken gethan. Und nun? Wie kalt, wie öde, wie traurig ist mein Haus! Wenn mein Eugenchen nicht wäre, so wäre mir schon längst ein Grab neben meinem Lieb' geschaufelt; aber mei= nem Malchen bin ich schuldig, daß ich für sein liebes Kind weiterleben und sorgen muß. Sein Eben= bild ist mir doch in unserem Kinde geblieben, auf das ich alle Liebe, die mein krankes Herz noch empfindet, vereinen will.
Für Dein freundliches Anerbieten mir eine neue Existenz in Amerika gründen zu wollen herzlichen Dank. Wie glücklich wäre ich, könnt ich in Deiner Nähe sein, gewiß würde ich Ruhe und Glück bei Dir wiederfinden. Könnte ich nur den Grabeshügel, den meine Thränen täglich netzen, mitnehmen. Aber, lieber Eugen, ich würde es nicht lange drüben aushalten, wenn ich mich trennen müßte von allem, was mir durch mein Malchen geweiht und seelig geworden ist. Ich will lieber bei meinem Malchen
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bleiben und mich schinden und plagen. Vielleicht könntest Du diesen Sommer eine kleine Erholungs= reise herüber zu uns machen?
Besten Dank für Dein Geschenk von Weihnachten; ich habe noch 17 M zugelegt und für Eugenchen 100 M wieder= um auf die Sparkasse eingelegt. Für Dein freundliches Anerbieten, mich in pekuniärer Hinsicht unterstützen zu wollen, recht herzlichen Dank. Vorläufig brauche ich von Deinem hochherzigen Anerbieten noch keinen Gebrauch zu machen. Ich bin zwar jetzt nackt u. bloß, weil bei unserer Verheiratung kein Ehvertrag geschlossen worden ist, so erbt Eugen= chen das ganze von Malchen eingebrachte Vermögen so weit es noch vorhanden ist, denn wir haben nichts gut gemacht, es ist vielmehr rückwärts gegangen. Da Malchen schon jahrelang leidend ist und immer gut leben mußte, so reichte der magere Schulgehalt nicht zur Deckung der Unkosten aus. Die Ausstände muß ich bis 1. April eintreiben, die Gelder in Wertpapieren umsetzen und bei dem Vormundschaftsgericht Obermoschel oder auf der Bezirksverzinsungs= kasse Kirchheimbolanden hinterlegen.
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Vor zwei Jahren habe ich mich in eine Lebensversicherung um 8000 M eingekauft, um, weil ich immer magenleidend war, Malchen im Fall meines Ablebens ganz sicher zustellen. Jährlich habe ich 295 M Prämie zu zahlen; meine Haushälterin kostet mich pro Woche 3 M; hoffentlich gelingt es mir bei großer Sparsamkeit diese Summe pro Jahr zu erübrigen. Von zu hause habe ich noch nichts, dort mag ich auch nicht ansprechen. Du weißt, daß ich mit meinen Eltern nicht so gut stehe; der Grund war ja meine Verheiratung mit Malchen, diesen Schritt konnten sie mir nie ver= zeihen und jetzt, da ich so unglücklich war, erst recht nicht. Wenn ich aber trotzdem wieder vor die Wahl gestellt wäre und würde vorauswissen, was eingetreten ist, so würde ich wiederum nach meinen Eltern nichts fragen und doch mein liebes Malchen wiederwählen, denn die 12 glücklichen Jahre unseres Bei= sammenseins wiegen ein Meer von Seligkeiten auf.
Die selige Erinnerung ist mir geblieben, die kann mir niemand rauben und davon will ich zehren.- Das Anerbieten von Mina Heck (Ries) ist ja gut gemeint, aber ich meinem Malchen sein Kind hergeben, nicht für ganz Amerika und selbst wenn ich ein Dutzend hätte und betteln gehen müßte, auch dann noch nicht eins. Eugenchen ist recht brav u. folgsam, er lernt fleißig Latein, erhält jede Woche 4 Stunden von Vikar Becker, steht jetzt an der 4. Deklination. Ich helfe u. lerne selbst fleißig mit, das ist mein einziges Vergnügen, mein Kind zu unterrichten. Meine Haushälterin ist ein altes Mütterlein von 62 Jahren, das alles schön in Ordnung hält u. recht brav ist; soweit bin ich gut versorgt und habe nur den
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einen Wunsch, wenn ich nur einmal noch mein müdes Haupt, das schon ganz ergraut ist, an das treue Herz, meines lieben Malchens lehnen dürfte. Aber ach! die rauhe Wirklichkeit. Leb wohl, lieber Eugen u. sei herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem Heinrich und Eugenchen
Schreibe bald wieder! Gelt Lieber!
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