[image of lower Manhattan]
[preprinted:] BIRDS EYE VIEW OF THE CITY AND COUNTY OF NEW-YORK WITH ENVIRONS. SOLD BY CHARLES MAGNUS, 22 NORTH WILLIAM STREET, NEW-YORK. [/preprinted]
Im November 1854.
Liebe Schwester
Etwas weit auseinander liegen die Briefe wohl, die wir miteinander wechseln, doch noch nicht so weit als
die zwischen unserem Vater und seinem Bruder in Philadelphia, von denen jeder durchschnittlich in fünf
Jahren einen schrieb. Allein Du darfst Dich darüber nicht wundern. Wenn man so in einem fremden Weltthei=
le sich eine eigene neue Heimath gründet, verliert von Jahr zu Jahr die Erinnerung an die Dinge in der alten
Welt an Farbenbestimmtheit und Interesse und so fehlt es dann an Anknüpfungspunkten zur gemüthlichen Un=
terhaltung mit seinen Lieben daheim. Daß ich, so wie mein liebes Weib, oft mit herzlicher Freundlichkeit an Dich
[Luisen?] u. Askan denken und von Euch sprechen, davon kannst Du überzeugt sein, aber mit dem Schreiben, siehst Du,
geht es etwas langsamer, denn dazu fehlt es einmal an Stoff und sodann an Zeit; namentlich an dem letzteren.
Ich habe vor mehreren Monaten ein halbes Dutzend Nummern der "New Yorker Abendzeitung" an den Schwager
geschickt u. hoffentlich werden wenigstens einige davon an ihre Adresse gelangt sein. Daraus könnt Ihr nun am besten
[absehen?], daß meine Redactionsarbeit keine geringe ist. Denn mit Ausnahme der wenigen aus deutschen
Zeitungen abgedruckten Artikel ist die ganze Zeitung von mir und einem Unterredacteur geschrieben. In Erman=
gelung von etwas Besserem will ich Dir meine ganze Lebensweise hier ganz umständlich u. ausführlich beschreiben,
denn ich kann mir schon denken, daß Euch Frauenzimmer eine solche Beschreibung der Häuslichkeit mehr interessirt, als
wenn ich Euch lange Berichte von unseremn politischen und gesellschaftlichen Zuständen in Amerika gäbe. Ohnehin habe
ich dergleichen Briefe monatlich zweimal nach Dessau zu schreiben, wo sie in der bei [roman:] Katz [/roman] erscheinenden Zeit=
schrift "Atlantis" abgedruckt werden. Wenn Ihr also regelmäßig Briefe von mir lesen über solche Gegenstände
lesen wollt, so brauche ich euch nur au dieses Blatt zu verweisen, das wohl Nachbar [roman:] Behm [/roman] dem Schwager
gern einmal "auf Ansicht" giebt. Freilich sind diese Correspondenzen sehr gelehrt gehalten und möchten für
Dich und Luisen kaum genießbar sein. So will ich Euch denn hier mit leichterer Kost aufwarten.
Über meine Wohnung und häusliche Einrichtung habe ich Euch schon vor einem Jahre geschrieben. Auf dem obigen Bild von New York
habe ich die ungefähre Lage meiner Wohnung, so wie die meines Zeitungsbüreaus durch Nadelstiche angezeigt, die Du finden wirst, wenn
Du das Papier gegen das Licht hältst. Der zur Rechten bezeichnet die Wohnung, der zur Linken das Büreau. Die Entfernung zwischen beiden
beträgt zwischen etwas über ein Viertel deutsche Meile, die ich in 20 - 25 Minuten zurücklege. Ist das Wetter schlecht, so kann ich wohl=
feil genug fahren. Es durchkreuzen nämlich Omnibusse nach allen Richtungen die Stadt, auf welchen man jede beliebige Entfernung
für 6 Cents zurücklegen kann. Das sind nach Eurem Geld allerdings 2 1/2 [?], indessen da die niedrigste Münze hier gleich 5 so haben diese kleinen Summen bei weitem nicht den Werth, wie bei Euch und 6 Cents verausgaben sich etwa so leicht, wie ein Groschen. In manchen Fällen sind sie freilich mehr werth, wie denn z. B. ein Seidel bairisches Bier nur 4 Cents kostet
Meine Wohnung besteht, wie ich Dir schon geschrieben, aus drei Zimmern, kostet freilich dabei eine Miethe, wofür man [anderswo?]
eine ganze Straße haben kann, nämlich 102 Dollars oder fast 140 Thaler jährlich. - Meine Lebensweise ist einfach. Des Morgens
um halb 7 Uhr weckt mich meine Schwiegermutter, die eine halbe Stunde vorher aufgestanden ist, Feuer angemacht, Kaffee [gekocht hat?].
Ich kleide mich an, frühstücke Etwas und gehe nach meinem Bureau, wo ich 1/4 oder 1/2 nach 7 Uhr eintreffe. Hier bleibe ich nun bis [?]
Uhr Nachmittags u. nehme auch dort ein zweites kaltes Frühstück ein, das ich mir von Hause mitgebracht. Unsere Zeitung wird [?] [paper damaged] Uhr ausgegeben und kommt um halb 2 Uhr auf die (Dampf =) Presse. Von früh 7 - 12 Uhr habe ich mit meinem Mitarbeiter damit zu thun
die den Abend zuvor eingelaufenen Nachrichten (die alle in englischer Sprache eintreffen) deutsch zu bearbeiten. Während der übrigen [?]
schreibe ich die leitenden Artikel für, die auch die erste Seite der Nummer vom folgenden Tage kommen. Zu thun giebt es da Viel [?]
mir nicht das Schreiben sehr rasch abginge, so würde ich vielleicht manchmal in Verlegenheit ko gerathen. Fünf Setzer setzen [?]
Wenn ich endlich zu Ende bin, so gehe ich nach Hause, wo ich um 4 Uhr eintreffe, zu Mittag esse, Kaffee trinke und dann [meine?]
Häuslichkeit lebe. Ist das Wetter gut, mache ich mit meiner Frau einen Spazirgang durch die Straßen der Stadt an den reich ausgenutzten
Schaufenstern der Verkaufsläden vorbei, oder setze in einer der vielen Dampffboote über das Wasser nach Brooklyn (auf dem Bild [?]
im Vordergrund) oder nach dem reizend gelegenen Hoboken (links im Hintergrund) von wo man eine prachtvolle Aussicht nach der Stadt herüber
hat. Die Fahrpreise sind sehr gering. Nach Brooklyn zahlt man nur 1 Cent (die kleinste Münze) Fährgeld, nach Hoboken, das eine [?]
liche Stunde über Wasser liegt, 3 Cents. Im vorigen Herbste gingen wir öfters, oder fuhren vielmehr nach dem Glaspalast
hinaus (der gleichfalls auf dem Bild, rechts im Hintergrund sichtbar ist). Du wirst wohl selbst in der Extrapoost Einiges von der [?]
New Yorker Gewerbeausstellung gelesen haben. Bakogan u. Vollschwitz haben ja sogar für Seide, die sie hier ausgestellt haben eine
Medaille erhalten. - Als Zeitungsredakteur hatte ich für mich und Frau ein beständiges Freibillet; sonst möchten die [?]
etwas kostspielig geworden sein, denn der Eintrittspreis betrug 1/2 Dollar für die Person. Hin und zurück nach dem Glaspalast [?]
von meiner Wohnung eine tüchtige deutsche Meile, allein in im Omnibus fährt man jeden Weg wie bereits erwähnt für 6 Cents [?]
daß uns der Besuch sehr wohlfeil war. - [?] Im Winter besuchen wir gelegentlich Abends unter gleich günstigen Bedingungen [?]
umsonst - das deutsche Theater, welches hier seit vorigem Jahre unter der Direktion des auch in Zerbst wohlbekannten Wilhelm Botha besteht,
ebenso Conzerte, wie die der Madame Sonntag u. dergl. - Bleiben wir zu Hause, so fehlt es nicht an Lektüre zur Unterhaltung; die hiesigen [?]
[?]mäßigen Zeitungen liefern deren genug, - für mich in englischer, für meine Frau in deutscher Sprache. Zwar hat [?] Bertha schon [?]liche
Fortschritte im Englischen gemacht, doch mehr im Sprechen, als im Lesen. - Kleine Familie haben wir nicht, also auch keine Störung. Ich [?]
Augenblick wirklich nicht genau, ob ich Dich schon (vielleicht durch Askan?) benachrichtigt habe, daß meine Frau am 13. September [insertion:] 1853 [/insertion] eine Fehlgeburt [?]
[?]. Es war ein liebes kleines Mädchen, [?] Kind, - aber todt bei der Geburt. Bis jetzt hat der Storch noch nicht wieder geklappert
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zurück 5 Dollars zu zahlen hatte und das war das ganze Fahrgeld. In Buffalo kostet uns die Zehrung Nichts, weil wir bei [roman:] Haas [/roman] wohnten und in [roman:] Niagara [/roman] verlangte der Hotelbesitzer gleichfalls Nichts, in= dem er darauf rechnete, daß man ihm gelegentlich eine lobende Erwähnung in der Zeitung zukommen lassen würde. Die 7 Dollars, die ich verausgabte, waren also nur für Zehrung auf der Fahrt selbst, für Kutschen, die ich in [roman:] Niagara [/roman] miethen mußte, um in der uns zu Gebote stehenden Zeit alles Sehenswürdige sehen zu können und für einige zum Andenken gekauften von Indianern gearbeiteten Perlenstickereien, die an den Niagarafällen auf eben solche Weise feil geboten werden, wie etwa in Karlsbad oder Teplitz die geschliffenen Gläser.
Von den Niagarafällen selbst wirst Du, wie ich denke wohl schon gehört oder gelesen haben. Sie sind
das erhabenste Naturwunder auf der Welt. Wenn Du eine Karte von America zur Hand nimmst, wirst
Du finden, daß im Norden der Ver. Staaten, zwischen diesen und den englischen Besitzungen sich eine
Reihe von 5 großen Seeen [sic] erstreckt, der Obere oder [roman:] Superior [/roman], der [roman:] Michigan, Huron, Erie u. Onta= [/roman]
riosee, die sämmtlich mit einander in Verbindung stehen. Die vier erstgenannten liegen sämmtlich einige
hundert Fuß über der Oberfläche des atlantischen Meeres. Der Eriesee fließt durch eine Verringerung,
welche den Namen [roman:] Niagara [/roman] hat, nach dem Ontariosee ab und hier ist es nun, wo die Wassermasse
sich um fast 200 Fuß über eine ungeheure Felsenwand herunterstürzt, um späterhin durch den
Ontariosee und den Lorenzstrom dem atlantischen Meere zuzufließen. In der Mitte des Stromes erhebt
sich eine schön bewaldete Insel, die durch eine Brücke vom amerikanischen Ufer aus zugänglich ist; die
Insel theilt den Strom, so daß dieser nicht in einem sondern in zwei ungeheuren Fällen die schwindelnde
Höhe hinunterstürzt. Die Breite des Stromes am Falle beträgt, einschließlich der Insel mindestens 3000
Fuß. - Eine Schilderung des erhabensten aller Schauspiele zu geben ist nicht möglich; es will gesehen und
empfunden sein. Nirgends k wird dem Menschen die Größe und Allgewalt der Natur näher zur Anschau=
ung gebracht, als hier....... Noch vor 50 Jahren hausten an den Ufern des damals einsamen
[roman:] Niagara [/roman] die wilden Indianer; jetzt erheben sich dort blühende Städte und Dörfer. Buffalo zählt jetzt
eine Bevölkerung von e 70,000 Einwohnern und das Städtchen, welches unmittelbar an den Fällen
erbaut ist, 5000. Man findet dort ein Dutzend der großartigsten Hotels, da der Ort im Sommer von der
vornehmen Welt als Badeplatz benutzt wird; Hotels von der Größe des Zerbster Schlosses; einen Eisenbahn=
hof, zahllose Wirthkutschen; Lohnbediente und Führer wie nur in den bedeutendsten europäischen
Residenzstädten, kurz die Civilisation in ihrer höchsten Verfeinerung...... Eine Stunde unterhalb der
Fälle führt eine Kettenbrücke über den Fluß, dessen Ufer, steile Felsenwände so schroff wie Festungs=
mauern [crease in paper] Wasserspiegel erheben und in dieser schwindelnden Höhe saust die
Lokomotive mit langen Passagierzügen über die schwankende, von keinem Bogen u. Pfeiler getra=
gene Brücke.
New York, 22. May 1855.
Den obigen Brief habe ich vor mehreren Monaten angefangen und bin vor anderweitigen Geschäften immer nicht dazu gekommen,
ihn zu schließen u. abzuschicken. Das ist mir nun sehr lieb, da ich jetzt Gelegenheit erhalte, Dir zugleich mit dem Briefe
ein kleines Erinnerungszeichen zukommen zu lassen. Ein Landsmann, Hr. Kaufmann [roman:] Meyerheim [/roman] aus Dessau reist übermorgen
von hier ab und ist so gefällig, mir ein kleines Paketchen mitzunehmen, welches Du hiermit erhältst. - Es ist mein und meiner
Frau Porträt u. außerdem ein kleines Täschchen, das Dir meine Bertha schickt. Sie hat es an am Niagarafall
von selbst von einer Oneida = Indianerin gekauft. Es hat weiter keinen Werth als den der Erinnerung. Hineingesteckt
hat Bertha eine Blume, die sie selbst am Rande des [roman:] Niagarafalles [/roman] auf der Ziegen = Insel gepflückt hat. Ich vermuthe, daß
die Blume zu Staub zerbröckelt sein wird, ehe Du sie erhältst.
Der Winter, der jetzt so ziemlich vorüber ist, war hier eine schwere Zeit. In Folge einer Mißerndte im vori=
gen Jahre war die Noth unter den Armen sehr groß. Aber auch alle Geschäfte litten sehr schwer und die Zeitungen, deren
Haupteinnahme die Geschäftsanzeigen sind, litten darunter sehr, da nur blutwenig Annoncen kamen. Indessen habe ich selbst
eigentlich nicht zu klagen. Neben meiner Einnahme von der Abendzeitung verdiente ich mir noch Manches durch Arbeiten
für englische Zeitungen, die sehr gut bezahlen. So z. B. erhielt ich für einen Artikel in englischer Sprache, an dem ich
vier Abende nach Beendigung meiner andern Geschäfte gearbeitet hatte, 30 Dollars, für einen andern kleineren 15.
Bei Die Wahlen im vorigen November brachten mir 100 Dollars ein; von [roman:] Katz [/roman] in Dessau habe ich 55 zu fordern;
so die ich in diesen Tagen erwarte, so daß ich in dem Jahre vom 1. Mai 1854 - 1. Mai 55 (so werden nämlich hier die
Contrakte gewöhnlich gerechnet) über 850 Dollars eingenommen habe. - Vom nächsten 1. Mai an ist mein Gehalt bei der Abend=
zeitung auf 780 Doll. erhöht und ich hoffe meine Jahreseinnahme mit Nebenverdiensten auf 900 zu bringen. Allerdings darf ich
mich jetzt nicht mehr zu sehr anstrengen, da durch vieles Arbeiten im Winter meine Gesundheit Etwas gelitten hatte. Jetzt geht
es wieder leidlich gut u. auf dem Bild wirst Du mir wohl kein Unwohlsein ansehen. Dagegen leidet meine [roman:] Bertha [/roman]
seit einigen Wochen. Doch hat dies Nichts zu bedeuten, oder wenigstens nichts weiter als dies: daß ich Dir übers Jahr
wahrscheinlich ein Bild werde schicken können, auf welchem außer mir u. meiner Frau noch eine dritte kleine Person ist
Nun lebe wohl, mein liebes Schwesterchen u. behalte mich u. Die Meinigen in gutem Andenken. In Meine Bertha läßt
Dich aufs herzlichste grüßen. Grüße in unserem Namen Luisen, den Schwager, Askan und die alte Mutter Halbrode. Und vor
allen Dingen laß bald einmal von Dir hören und schreibe mir recht viele Neuigkeiten. Ich küsse Dich in Gedanken u. unterzeichne als
[roman:] Hermann [/roman]
Folge der zu frühen Entbindung war meine Frau lange Zeit, wenn auch nicht gerade krank, doch sehr geschwächt.
Seitdem hat sich das nun allerdings Etwas gebessert, indessen war doch jener erste mißglückte Versuch so
bedenklich, daß ich in der That nicht weiß, ob ich eine Vermehrung der Familie wünschen soll. In Ermangelung
von Kindern leben wir aber selbst wie die Kinder miteinander: lachen, scherzen, schmollen, herzen u.
küssen uns und bleiben dabei jung an Seele und Leib. Was mein Äußeres betrifft, so finden einige
Dessauer Bekannte, die in diesem Winter herüberkamen, daß ich bei jetzt bei weitem munterer und
sogar wohlgemuther aussehe, als früher in Dessau. Das letztere ist nun freilich merkwürdig genug, denn
im Allgemeinen dörrt die amerikanische Luft, die ungemein trocken ist (weil die meisten Winde von
Westen, also über den ganzen breiten Erdtheil kommen, wo sie unterwegs alle alle Feuchtigkeit absetzen) die Menschen
aus wie die Häringe. Daher kommt es, daß man [insertion:] es [/insertion] unter einer Million Leute hier vielleicht keine hundert
eigentlichen Dickbäuche giebt; der Amerikaner ist schlank, dürr, mehr sehnig u. knochig als muskulös. Die
frischen rothen Pausbacken, welche die deutschen Auswanderer mit herüberbringen und die oft etwas bäurisch
aussehen, verlieren sich deshalb gewöhnlich schon nach Jahreszeit und weichen einem eleganten blassen Teint,
wie umgekehrt nicht selten Amerikaner, wenn sie nach Europa hinüber kommen, dort dick u. fett werden.
Meine Frau hat diese klimatischen Einwirkungen mehr empfunden als ich, denn sie ist hat ihr
Dessauisches volles Fleisch ziemlich verloren und ist in dieser Beziehung vollständige Amerikanerin
geworden. In keinem Lande der Welt sind die Frauenzimmer im Allgemeinen so mager als hier.
Allein ich gerathe da in eine physikalische Abhandlung hinein, die doch wohl im Grun= de genommen, nur wenig Interesse für Euch haben kann. Aber mein Leben fließt auch hier so ruhig und gleichförmig dahin, daß ich in der That darin nur wenig Stoff zum Schreiben finde. Meine äu= ßerliche Stellung hat sich in diesem Jahre Etwas gebessert und befestigt, seitdem der Verlag der Abendzeitung den früher eine Gesellschaft von Buchdruckern hatte in die Hände von [Kauchfuß?] allein übergegangen ist. Ich stehe mich jetzt [insertion:] bei der Abendzeitung [/insertion] auf etwas über 700 Doll. oder ungefähr 1050 preuß. Thaler jährlich. Daß diese Summe unter hiesigen Verhältnissen nicht so bedeutend ist, als sie bei Euch sein würde, das habe ich schon früher ge= sagt und Du kannst es auch nach verschiedenen Preisen, die ich Dir angegeben habe, selbst beurteilen. In Zerbst [crease in paper] mit 500 in Dessau wenigstens mit 650 Thaler jährlich ebenso weit ka= men, als ich mit meiner hiesigen Einnahme. Allein, daß ich als Redacteur zu allerlei [crease in paper] stellungen pp keinen Zutritt habe, ist freilich in manchen Fällen auch noch so gut als baares Geld. We= nigstens würde ich wahrscheinlich, wenn ich diese Begünstigungen nicht hätte, oft mein baares Geld da= für ausgeben. - Außerdem verdiene ich mir noch Manches durch schriftstellerische Arbeiten für englische Blätter.
Ich will Dir nur Ein recht auffälliges Beispiel von den Annehmlichkeiten meiner Stellung mitthei= len. - Zum letzten 4. Juli (der hier als Festtag gefeiert wird, weil an diesem Tage im Jahre 1776 die Ver. Staaten sich unabhängig von England erklärten) hatte ich mir vorgenommen, mit meiner Frau eine recht ordentliche Vergnügungsreise zu machen. Da der 4. Juli auf einen Dienstag fiel und Sonntags kei= ne Zeitung erscheint, so konnte ich mir leicht den einen dazwischen liegenden Tag frei machen und hatte somit volle 3 1/3 Tag zu meiner Verfügung. Was meinst Du wohl, daß ich mit diesen 80 Stunden anfing? In Deutschland würde man vielleicht eine Partie nach Görlitz, oder allenfalls nach Leipzig oder Berlin gemacht haben. Allein mit so kleinen Entfernungen giebt man sich hier bei außerordentlichen Gelegenheiten nicht ab. Ich machte mit meiner Frau eine Spritzfahrt nach den Niagarafällen, die von New York nicht weniger als 96 bis 100 deutsche Meilen entfernt sind, doch so weit als Venedig von Zerbst in gerader Linie oder so weit als Preßburg von Zerbst über Dresden, Prag, Olmütz, Linz und Wien. Mit den Eilzügen legt man diese Fahrt in 18 Stunden zurück. So setzten wir uns also am Sonnabend Nachmittag 4 Uhr auf die Eisenban, fuhren die Nacht durch und waren am Sonntag früh nach 9 Uhr in Buffalo. Hier blieben wir den Tag und die Nacht bei meinem Freunde [roman:] de Haas [/roman], wo ich vor [?]halb Jahren den "Demokrat" redigirte. Am Montag früh fuhren wir nach den von dort nur 4 deutsche Meilen entfernten Niagarafällen (per Eisenbahn in einer Stunde), blieben da von 10 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends, fuhren nach Buffalo zurück, wo wir übernachteten, und bestiegen am Dienstag früh halb 6 Uhr den Frühzug, der uns um halb 10 Uhr Abends wie= der nach New York zurück brachte, so daß ich am folgenden Morgen wieder wie gewöhnlich meine Zeitung schrieb.
Nun und was meinst Du wohl, daß diese Reise gekostet hat? Sie würde uns 60 Dollars gekostet haben, kostete uns aber wirklich nicht mehr als 12. Das bloße Fahrgeld für 2 Personen hin und zurück ist 36 Dollars oder 46 Thaler. Aber als Redacteur bekam ich nicht nur die Fahrt für mich selbst ganz frei, sondern auch für meine Frau für zwei Drittel des Weges, so daß ich für diese [paper damaged] bis Albany, wo wir etwas ungefälligen Ei= [?] für hin und
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