• Contributor Login
  • Transcriber Login
  • Register as a Contributor
Menu
  • german heritage in letters logo
  • News
  • Share Your Letters
  • Help Transcribe
  • Explore Collections
  • Browse Letters
  • Search

Hermann Raster to Sophie Raster, May 22, 1855

Hermann Raster to Sophie Raster, May 22, 1855, p. 1
Hermann Raster to Sophie Raster, May 22, 1855, p. 2
Hermann Raster to Sophie Raster, May 22, 1855, p. 3
Hermann Raster to Sophie Raster, May 22, 1855, p. 4

Author

Hermann Raster

Recipient

Sophie Raster

Date

November 1854

Origin

New York, N.Y.

Destination

Zerbst, Anhalt

Description

Letter from Hermann Raster to his sister, Sophie Raster, begun in November, 1854, completed May 22, 1855.

Type

letter

Language

German

Tags

1850-1859, English available, transcription under review

Source

Hermann Raster Papers

Collection

Raster Family Letters

Repository

Newberry Library

Citation

“Hermann Raster to Sophie Raster, May 22, 1855.” Hermann Raster Papers, Newberry Library, accessed from German Heritage in Letters, March 12, 2026, https://germanletters.org/items/show/1708

Original text


[image of lower Manhattan]

[preprinted:] BIRDS EYE VIEW OF THE CITY AND COUNTY OF NEW-YORK WITH ENVIRONS. SOLD BY CHARLES MAGNUS, 22 NORTH WILLIAM STREET, NEW-YORK. [/preprinted]

Im November 1854.

Liebe Schwester

Etwas weit auseinander liegen die Briefe wohl, die wir miteinander wechseln, doch noch nicht so weit als die zwischen unserem Vater und seinem Bruder in Philadelphia, von denen jeder durchschnittlich in fünf Jahren einen schrieb. Allein Du darfst Dich darüber nicht wundern. Wenn man so in einem fremden Weltthei= le sich eine eigene neue Heimath gründet, verliert von Jahr zu Jahr die Erinnerung an die Dinge in der alten Welt an Farbenbestimmtheit und Interesse und so fehlt es dann an Anknüpfungspunkten zur gemüthlichen Un= terhaltung mit seinen Lieben daheim. Daß ich, so wie mein liebes Weib, oft mit herzlicher Freundlichkeit an Dich [Luisen?] u. Askan denken und von Euch sprechen, davon kannst Du überzeugt sein, aber mit dem Schreiben, siehst Du, geht es etwas langsamer, denn dazu fehlt es einmal an Stoff und sodann an Zeit; namentlich an dem letzteren. Ich habe vor mehreren Monaten ein halbes Dutzend Nummern der "New Yorker Abendzeitung" an den Schwager geschickt u. hoffentlich werden wenigstens einige davon an ihre Adresse gelangt sein. Daraus könnt Ihr nun am besten [absehen?], daß meine Redactionsarbeit keine geringe ist. Denn mit Ausnahme der wenigen aus deutschen Zeitungen abgedruckten Artikel ist die ganze Zeitung von mir und einem Unterredacteur geschrieben. In Erman= gelung von etwas Besserem will ich Dir meine ganze Lebensweise hier ganz umständlich u. ausführlich beschreiben, denn ich kann mir schon denken, daß Euch Frauenzimmer eine solche Beschreibung der Häuslichkeit mehr interessirt, als wenn ich Euch lange Berichte von unseremn politischen und gesellschaftlichen Zuständen in Amerika gäbe. Ohnehin habe ich dergleichen Briefe monatlich zweimal nach Dessau zu schreiben, wo sie in der bei [roman:] Katz [/roman] erscheinenden Zeit= schrift "Atlantis" abgedruckt werden. Wenn Ihr also regelmäßig Briefe von mir lesen über solche Gegenstände lesen wollt, so brauche ich euch nur au dieses Blatt zu verweisen, das wohl Nachbar [roman:] Behm [/roman] dem Schwager gern einmal "auf Ansicht" giebt. Freilich sind diese Correspondenzen sehr gelehrt gehalten und möchten für Dich und Luisen kaum genießbar sein. So will ich Euch denn hier mit leichterer Kost aufwarten.

Über meine Wohnung und häusliche Einrichtung habe ich Euch schon vor einem Jahre geschrieben. Auf dem obigen Bild von New York habe ich die ungefähre Lage meiner Wohnung, so wie die meines Zeitungsbüreaus durch Nadelstiche angezeigt, die Du finden wirst, wenn Du das Papier gegen das Licht hältst. Der zur Rechten bezeichnet die Wohnung, der zur Linken das Büreau. Die Entfernung zwischen beiden beträgt zwischen etwas über ein Viertel deutsche Meile, die ich in 20 - 25 Minuten zurücklege. Ist das Wetter schlecht, so kann ich wohl= feil genug fahren. Es durchkreuzen nämlich Omnibusse nach allen Richtungen die Stadt, auf welchen man jede beliebige Entfernung

Page_2

für 6 Cents zurücklegen kann. Das sind nach Eurem Geld allerdings 2 1/2 [?], indessen da die niedrigste Münze hier gleich 5 so haben diese kleinen Summen bei weitem nicht den Werth, wie bei Euch und 6 Cents verausgaben sich etwa so leicht, wie ein Groschen. In manchen Fällen sind sie freilich mehr werth, wie denn z. B. ein Seidel bairisches Bier nur 4 Cents kostet

Meine Wohnung besteht, wie ich Dir schon geschrieben, aus drei Zimmern, kostet freilich dabei eine Miethe, wofür man [anderswo?] eine ganze Straße haben kann, nämlich 102 Dollars oder fast 140 Thaler jährlich. - Meine Lebensweise ist einfach. Des Morgens um halb 7 Uhr weckt mich meine Schwiegermutter, die eine halbe Stunde vorher aufgestanden ist, Feuer angemacht, Kaffee [gekocht hat?]. Ich kleide mich an, frühstücke Etwas und gehe nach meinem Bureau, wo ich 1/4 oder 1/2 nach 7 Uhr eintreffe. Hier bleibe ich nun bis [?] Uhr Nachmittags u. nehme auch dort ein zweites kaltes Frühstück ein, das ich mir von Hause mitgebracht. Unsere Zeitung wird [?] [paper damaged] Uhr ausgegeben und kommt um halb 2 Uhr auf die (Dampf =) Presse. Von früh 7 - 12 Uhr habe ich mit meinem Mitarbeiter damit zu thun die den Abend zuvor eingelaufenen Nachrichten (die alle in englischer Sprache eintreffen) deutsch zu bearbeiten. Während der übrigen [?] schreibe ich die leitenden Artikel für, die auch die erste Seite der Nummer vom folgenden Tage kommen. Zu thun giebt es da Viel [?] mir nicht das Schreiben sehr rasch abginge, so würde ich vielleicht manchmal in Verlegenheit ko gerathen. Fünf Setzer setzen [?]

Wenn ich endlich zu Ende bin, so gehe ich nach Hause, wo ich um 4 Uhr eintreffe, zu Mittag esse, Kaffee trinke und dann [meine?] Häuslichkeit lebe. Ist das Wetter gut, mache ich mit meiner Frau einen Spazirgang durch die Straßen der Stadt an den reich ausgenutzten Schaufenstern der Verkaufsläden vorbei, oder setze in einer der vielen Dampffboote über das Wasser nach Brooklyn (auf dem Bild [?] im Vordergrund) oder nach dem reizend gelegenen Hoboken (links im Hintergrund) von wo man eine prachtvolle Aussicht nach der Stadt herüber hat. Die Fahrpreise sind sehr gering. Nach Brooklyn zahlt man nur 1 Cent (die kleinste Münze) Fährgeld, nach Hoboken, das eine [?] liche Stunde über Wasser liegt, 3 Cents. Im vorigen Herbste gingen wir öfters, oder fuhren vielmehr nach dem Glaspalast hinaus (der gleichfalls auf dem Bild, rechts im Hintergrund sichtbar ist). Du wirst wohl selbst in der Extrapoost Einiges von der [?] New Yorker Gewerbeausstellung gelesen haben. Bakogan u. Vollschwitz haben ja sogar für Seide, die sie hier ausgestellt haben eine Medaille erhalten. - Als Zeitungsredakteur hatte ich für mich und Frau ein beständiges Freibillet; sonst möchten die [?] etwas kostspielig geworden sein, denn der Eintrittspreis betrug 1/2 Dollar für die Person. Hin und zurück nach dem Glaspalast [?] von meiner Wohnung eine tüchtige deutsche Meile, allein in im Omnibus fährt man jeden Weg wie bereits erwähnt für 6 Cents [?] daß uns der Besuch sehr wohlfeil war. - [?] Im Winter besuchen wir gelegentlich Abends unter gleich günstigen Bedingungen [?] umsonst - das deutsche Theater, welches hier seit vorigem Jahre unter der Direktion des auch in Zerbst wohlbekannten Wilhelm Botha besteht, ebenso Conzerte, wie die der Madame Sonntag u. dergl. - Bleiben wir zu Hause, so fehlt es nicht an Lektüre zur Unterhaltung; die hiesigen [?] [?]mäßigen Zeitungen liefern deren genug, - für mich in englischer, für meine Frau in deutscher Sprache. Zwar hat [?] Bertha schon [?]liche Fortschritte im Englischen gemacht, doch mehr im Sprechen, als im Lesen. - Kleine Familie haben wir nicht, also auch keine Störung. Ich [?] Augenblick wirklich nicht genau, ob ich Dich schon (vielleicht durch Askan?) benachrichtigt habe, daß meine Frau am 13. September [insertion:] 1853 [/insertion] eine Fehlgeburt [?] [?]. Es war ein liebes kleines Mädchen, [?] Kind, - aber todt bei der Geburt. Bis jetzt hat der Storch noch nicht wieder geklappert

[text continued on page 4]

Page_3

zurück 5 Dollars zu zahlen hatte und das war das ganze Fahrgeld. In Buffalo kostet uns die Zehrung Nichts, weil wir bei [roman:] Haas [/roman] wohnten und in [roman:] Niagara [/roman] verlangte der Hotelbesitzer gleichfalls Nichts, in= dem er darauf rechnete, daß man ihm gelegentlich eine lobende Erwähnung in der Zeitung zukommen lassen würde. Die 7 Dollars, die ich verausgabte, waren also nur für Zehrung auf der Fahrt selbst, für Kutschen, die ich in [roman:] Niagara [/roman] miethen mußte, um in der uns zu Gebote stehenden Zeit alles Sehenswürdige sehen zu können und für einige zum Andenken gekauften von Indianern gearbeiteten Perlenstickereien, die an den Niagarafällen auf eben solche Weise feil geboten werden, wie etwa in Karlsbad oder Teplitz die geschliffenen Gläser.

Von den Niagarafällen selbst wirst Du, wie ich denke wohl schon gehört oder gelesen haben. Sie sind das erhabenste Naturwunder auf der Welt. Wenn Du eine Karte von America zur Hand nimmst, wirst Du finden, daß im Norden der Ver. Staaten, zwischen diesen und den englischen Besitzungen sich eine Reihe von 5 großen Seeen [sic] erstreckt, der Obere oder [roman:] Superior [/roman], der [roman:] Michigan, Huron, Erie u. Onta= [/roman] riosee, die sämmtlich mit einander in Verbindung stehen. Die vier erstgenannten liegen sämmtlich einige hundert Fuß über der Oberfläche des atlantischen Meeres. Der Eriesee fließt durch eine Verringerung, welche den Namen [roman:] Niagara [/roman] hat, nach dem Ontariosee ab und hier ist es nun, wo die Wassermasse sich um fast 200 Fuß über eine ungeheure Felsenwand herunterstürzt, um späterhin durch den Ontariosee und den Lorenzstrom dem atlantischen Meere zuzufließen. In der Mitte des Stromes erhebt sich eine schön bewaldete Insel, die durch eine Brücke vom amerikanischen Ufer aus zugänglich ist; die Insel theilt den Strom, so daß dieser nicht in einem sondern in zwei ungeheuren Fällen die schwindelnde Höhe hinunterstürzt. Die Breite des Stromes am Falle beträgt, einschließlich der Insel mindestens 3000 Fuß. - Eine Schilderung des erhabensten aller Schauspiele zu geben ist nicht möglich; es will gesehen und empfunden sein. Nirgends k wird dem Menschen die Größe und Allgewalt der Natur näher zur Anschau= ung gebracht, als hier....... Noch vor 50 Jahren hausten an den Ufern des damals einsamen [roman:] Niagara [/roman] die wilden Indianer; jetzt erheben sich dort blühende Städte und Dörfer. Buffalo zählt jetzt eine Bevölkerung von e 70,000 Einwohnern und das Städtchen, welches unmittelbar an den Fällen erbaut ist, 5000. Man findet dort ein Dutzend der großartigsten Hotels, da der Ort im Sommer von der vornehmen Welt als Badeplatz benutzt wird; Hotels von der Größe des Zerbster Schlosses; einen Eisenbahn= hof, zahllose Wirthkutschen; Lohnbediente und Führer wie nur in den bedeutendsten europäischen Residenzstädten, kurz die Civilisation in ihrer höchsten Verfeinerung...... Eine Stunde unterhalb der Fälle führt eine Kettenbrücke über den Fluß, dessen Ufer, steile Felsenwände so schroff wie Festungs= mauern [crease in paper] Wasserspiegel erheben und in dieser schwindelnden Höhe saust die Lokomotive mit langen Passagierzügen über die schwankende, von keinem Bogen u. Pfeiler getra= gene Brücke.

New York, 22. May 1855.

Den obigen Brief habe ich vor mehreren Monaten angefangen und bin vor anderweitigen Geschäften immer nicht dazu gekommen, ihn zu schließen u. abzuschicken. Das ist mir nun sehr lieb, da ich jetzt Gelegenheit erhalte, Dir zugleich mit dem Briefe ein kleines Erinnerungszeichen zukommen zu lassen. Ein Landsmann, Hr. Kaufmann [roman:] Meyerheim [/roman] aus Dessau reist übermorgen von hier ab und ist so gefällig, mir ein kleines Paketchen mitzunehmen, welches Du hiermit erhältst. - Es ist mein und meiner Frau Porträt u. außerdem ein kleines Täschchen, das Dir meine Bertha schickt. Sie hat es an am Niagarafall von selbst von einer Oneida = Indianerin gekauft. Es hat weiter keinen Werth als den der Erinnerung. Hineingesteckt hat Bertha eine Blume, die sie selbst am Rande des [roman:] Niagarafalles [/roman] auf der Ziegen = Insel gepflückt hat. Ich vermuthe, daß die Blume zu Staub zerbröckelt sein wird, ehe Du sie erhältst.

Der Winter, der jetzt so ziemlich vorüber ist, war hier eine schwere Zeit. In Folge einer Mißerndte im vori= gen Jahre war die Noth unter den Armen sehr groß. Aber auch alle Geschäfte litten sehr schwer und die Zeitungen, deren Haupteinnahme die Geschäftsanzeigen sind, litten darunter sehr, da nur blutwenig Annoncen kamen. Indessen habe ich selbst eigentlich nicht zu klagen. Neben meiner Einnahme von der Abendzeitung verdiente ich mir noch Manches durch Arbeiten für englische Zeitungen, die sehr gut bezahlen. So z. B. erhielt ich für einen Artikel in englischer Sprache, an dem ich vier Abende nach Beendigung meiner andern Geschäfte gearbeitet hatte, 30 Dollars, für einen andern kleineren 15. Bei Die Wahlen im vorigen November brachten mir 100 Dollars ein; von [roman:] Katz [/roman] in Dessau habe ich 55 zu fordern; so die ich in diesen Tagen erwarte, so daß ich in dem Jahre vom 1. Mai 1854 - 1. Mai 55 (so werden nämlich hier die Contrakte gewöhnlich gerechnet) über 850 Dollars eingenommen habe. - Vom nächsten 1. Mai an ist mein Gehalt bei der Abend= zeitung auf 780 Doll. erhöht und ich hoffe meine Jahreseinnahme mit Nebenverdiensten auf 900 zu bringen. Allerdings darf ich mich jetzt nicht mehr zu sehr anstrengen, da durch vieles Arbeiten im Winter meine Gesundheit Etwas gelitten hatte. Jetzt geht es wieder leidlich gut u. auf dem Bild wirst Du mir wohl kein Unwohlsein ansehen. Dagegen leidet meine [roman:] Bertha [/roman] seit einigen Wochen. Doch hat dies Nichts zu bedeuten, oder wenigstens nichts weiter als dies: daß ich Dir übers Jahr wahrscheinlich ein Bild werde schicken können, auf welchem außer mir u. meiner Frau noch eine dritte kleine Person ist

Nun lebe wohl, mein liebes Schwesterchen u. behalte mich u. Die Meinigen in gutem Andenken. In Meine Bertha läßt Dich aufs herzlichste grüßen. Grüße in unserem Namen Luisen, den Schwager, Askan und die alte Mutter Halbrode. Und vor allen Dingen laß bald einmal von Dir hören und schreibe mir recht viele Neuigkeiten. Ich küsse Dich in Gedanken u. unterzeichne als [roman:] Hermann [/roman]

Page_4

Folge der zu frühen Entbindung war meine Frau lange Zeit, wenn auch nicht gerade krank, doch sehr geschwächt. Seitdem hat sich das nun allerdings Etwas gebessert, indessen war doch jener erste mißglückte Versuch so bedenklich, daß ich in der That nicht weiß, ob ich eine Vermehrung der Familie wünschen soll. In Ermangelung von Kindern leben wir aber selbst wie die Kinder miteinander: lachen, scherzen, schmollen, herzen u. küssen uns und bleiben dabei jung an Seele und Leib. Was mein Äußeres betrifft, so finden einige Dessauer Bekannte, die in diesem Winter herüberkamen, daß ich bei jetzt bei weitem munterer und sogar wohlgemuther aussehe, als früher in Dessau. Das letztere ist nun freilich merkwürdig genug, denn im Allgemeinen dörrt die amerikanische Luft, die ungemein trocken ist (weil die meisten Winde von Westen, also über den ganzen breiten Erdtheil kommen, wo sie unterwegs alle alle Feuchtigkeit absetzen) die Menschen aus wie die Häringe. Daher kommt es, daß man [insertion:] es [/insertion] unter einer Million Leute hier vielleicht keine hundert eigentlichen Dickbäuche giebt; der Amerikaner ist schlank, dürr, mehr sehnig u. knochig als muskulös. Die frischen rothen Pausbacken, welche die deutschen Auswanderer mit herüberbringen und die oft etwas bäurisch aussehen, verlieren sich deshalb gewöhnlich schon nach Jahreszeit und weichen einem eleganten blassen Teint, wie umgekehrt nicht selten Amerikaner, wenn sie nach Europa hinüber kommen, dort dick u. fett werden. Meine Frau hat diese klimatischen Einwirkungen mehr empfunden als ich, denn sie ist hat ihr Dessauisches volles Fleisch ziemlich verloren und ist in dieser Beziehung vollständige Amerikanerin geworden. In keinem Lande der Welt sind die Frauenzimmer im Allgemeinen so mager als hier.

Allein ich gerathe da in eine physikalische Abhandlung hinein, die doch wohl im Grun= de genommen, nur wenig Interesse für Euch haben kann. Aber mein Leben fließt auch hier so ruhig und gleichförmig dahin, daß ich in der That darin nur wenig Stoff zum Schreiben finde. Meine äu= ßerliche Stellung hat sich in diesem Jahre Etwas gebessert und befestigt, seitdem der Verlag der Abendzeitung den früher eine Gesellschaft von Buchdruckern hatte in die Hände von [Kauchfuß?] allein übergegangen ist. Ich stehe mich jetzt [insertion:] bei der Abendzeitung [/insertion] auf etwas über 700 Doll. oder ungefähr 1050 preuß. Thaler jährlich. Daß diese Summe unter hiesigen Verhältnissen nicht so bedeutend ist, als sie bei Euch sein würde, das habe ich schon früher ge= sagt und Du kannst es auch nach verschiedenen Preisen, die ich Dir angegeben habe, selbst beurteilen. In Zerbst [crease in paper] mit 500 in Dessau wenigstens mit 650 Thaler jährlich ebenso weit ka= men, als ich mit meiner hiesigen Einnahme. Allein, daß ich als Redacteur zu allerlei [crease in paper] stellungen pp keinen Zutritt habe, ist freilich in manchen Fällen auch noch so gut als baares Geld. We= nigstens würde ich wahrscheinlich, wenn ich diese Begünstigungen nicht hätte, oft mein baares Geld da= für ausgeben. - Außerdem verdiene ich mir noch Manches durch schriftstellerische Arbeiten für englische Blätter.

Ich will Dir nur Ein recht auffälliges Beispiel von den Annehmlichkeiten meiner Stellung mitthei= len. - Zum letzten 4. Juli (der hier als Festtag gefeiert wird, weil an diesem Tage im Jahre 1776 die Ver. Staaten sich unabhängig von England erklärten) hatte ich mir vorgenommen, mit meiner Frau eine recht ordentliche Vergnügungsreise zu machen. Da der 4. Juli auf einen Dienstag fiel und Sonntags kei= ne Zeitung erscheint, so konnte ich mir leicht den einen dazwischen liegenden Tag frei machen und hatte somit volle 3 1/3 Tag zu meiner Verfügung. Was meinst Du wohl, daß ich mit diesen 80 Stunden anfing? In Deutschland würde man vielleicht eine Partie nach Görlitz, oder allenfalls nach Leipzig oder Berlin gemacht haben. Allein mit so kleinen Entfernungen giebt man sich hier bei außerordentlichen Gelegenheiten nicht ab. Ich machte mit meiner Frau eine Spritzfahrt nach den Niagarafällen, die von New York nicht weniger als 96 bis 100 deutsche Meilen entfernt sind, doch so weit als Venedig von Zerbst in gerader Linie oder so weit als Preßburg von Zerbst über Dresden, Prag, Olmütz, Linz und Wien. Mit den Eilzügen legt man diese Fahrt in 18 Stunden zurück. So setzten wir uns also am Sonnabend Nachmittag 4 Uhr auf die Eisenban, fuhren die Nacht durch und waren am Sonntag früh nach 9 Uhr in Buffalo. Hier blieben wir den Tag und die Nacht bei meinem Freunde [roman:] de Haas [/roman], wo ich vor [?]halb Jahren den "Demokrat" redigirte. Am Montag früh fuhren wir nach den von dort nur 4 deutsche Meilen entfernten Niagarafällen (per Eisenbahn in einer Stunde), blieben da von 10 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends, fuhren nach Buffalo zurück, wo wir übernachteten, und bestiegen am Dienstag früh halb 6 Uhr den Frühzug, der uns um halb 10 Uhr Abends wie= der nach New York zurück brachte, so daß ich am folgenden Morgen wieder wie gewöhnlich meine Zeitung schrieb.

Nun und was meinst Du wohl, daß diese Reise gekostet hat? Sie würde uns 60 Dollars gekostet haben, kostete uns aber wirklich nicht mehr als 12. Das bloße Fahrgeld für 2 Personen hin und zurück ist 36 Dollars oder 46 Thaler. Aber als Redacteur bekam ich nicht nur die Fahrt für mich selbst ganz frei, sondern auch für meine Frau für zwei Drittel des Weges, so daß ich für diese [paper damaged] bis Albany, wo wir etwas ungefälligen Ei= [?] für hin und

[text continued on page 3]

English text

November 1854

Dear Sister,

Our letters seem to be few and far between, although not as few as those exchanged by father and our uncle in Philadelphia. These averaged one apiece at five year intervals. You really ought not to wonder too much about the long silences, because it is quite natural for those in the process of building a new house in a strange country to have memories of their old home become dim and of secondary interest. It is often hard to recall a mood in which to write an intimate, chatty letter. Believe me, my dear wife and I often think about you and speak about you, Louise and my brother. However, a letter is a different proposition, it is, truthfully difficult for me to find time.

You will understand that better if you happen to have seen any of the copies of the “New Yorker Abendzeitung”, a number of which I mailed to my brother-in-law recently. I hope at least some of them arrived safely. I am an editor, which in this case means that I, with the help of my assistant, write the entire paper, with the exception of those few articles which are reprints from German papers.

For lack of better things to write about, I am going to describe to you our daily life in detail, because I imagine that will be of mere interest to you womenfolk than long explanations of American political and social conditions. Anyway, if you are interested in the latter you can read them in “Atlantis”, published by Katz in Dessau. I write an article for this publication every month. You and Louise might not enjoy reading them particularly, as they are written more or less “learnedly”.

I promise to keep this letter in a lighter vein. I have pricked the birds-eye view of New York on the letter head with a pin in two places, you can see the pin holes if you hold the paper against the light. The one to the right is our house, the one to the left my office. It takes me about twenty to twenty-five minutes to get my office from home (distance is approximately ½ German mile). In bad weather I take the omnibus. Omnibuses connect all parts of New York and the cost is only 6 cent a trip. Translated into German this sounds like much more than it really is, because money here is reckoned in cents. Some things, even so, are cheaper than in Germany. For instance, a stein (seidel) of Bavarian beer coasts only 4 cent. On the other hand, the rent for our three rooms is $120 per year, which would be sufficient to rent a whole street in Zerbst.

We live simply. My mother-in-law wakes me up at 6:30 am. She gets up half an hour earlier, starts the fire and makes coffee. I eat a light breakfast and then go to the office, where I arrive sometime between 7:15 and 7:30. I remain there until 3:30 in the afternoon, bring my lunch along and eat at my desk. Our deadline is 3 o’clock. Mornings until 12 my colleague and I have to rewrite all the press releases which have been delivered the night before. These are all in English and so it means lot of work. From 12 until 3 I write the lead articles, which are to appear on the first page of next day’s issue. This working under pressure and, if I didn’t happen to be able to write rapidly, I might get into difficulties. We employ five typesetters.

When I finally finish I go home, eat lunch, drink a cup of coffee and become a “home body”. If the weather is pleasant, my wife and I either take a walk and window-shop in front of the richly decorated store windows or we take a boat ride. There are many steam boats. We either ride across to Brooklyn (visible to the right on the picture), or the enchantingly located Hoboken (in the left background). From Hoboken we have a marvelous panoramic view of the city. Fare to Brooklyn is 1 cent, to Hoboken, which takes half an hour, it costs 3 cent.

Last fall we often went to the Glass (Crystal) palace (that building is also visible in the picture in the right background). You undoubtedly have read something about the big New York Industrial Fair. Bekoran and Vollschwitz received a medal for their silk exhibition. As newspaper editor I had season passes, which admitted my wife and me, otherwise it would have been rather an expensive pleasure as admission was 50 cent per person. Although the Palace is more than a German mile from our house, omnibus fare, as I mentioned, is only 5 cent so it was a most economical diversion.

In winter we go regularly to the German theater, under like fortuitous circumstances, i.e., on passes. This theater has been flourishing since last year, under the direction of Wilhelm Boettner, of whom you have heard. We have also go to concerts, like the one given by Mme. Sonntag, etc.

If we stay home there is plenty to read, just to look through the many newspapers. I read those in English, my wife the ones in German. Bertha has made good progress learning English; but she speaks it better than she can read. As you know, we have no “little” family as yet. Askan probably told you that Bertha was delivered prematurely of a little girl last September. The child was born dead. Up to the present time, the stork has not yet notified us of another visit. Bertha was very sick for a long time, she is better now, but considering the sad outcome of our first attempt, I don’t know whether we should wish or an immediate repetition. In the absence of children we ourselves live almost like children, we laugh, joke, pout, love and kiss and stay young in body and soul.

As to my personal appearance, several acquaintances who came here from Dessau last winter think I look much happier and better fed than formerly in Dessau. That seems strange to me as, in general, people wither in the dry air here (since the prevailing winds are westerly and all moisture has vanished in their long travel across this tremendous section of the globe). People have a tendency to look like dried herrings. It is probably due to this that among a million men there are scarcely a hundred with actual “bay-windows”. The American is slender, dryish, sinewy, bony and muscular. The red, apple-cheeked immigrant loses his color within a year and annexes an elegant, pale complexion. Frequently, when Americans live awhile in Europe the reverse is also true. My wife has been more affected by the climatic difference than I, she is no longer plump, but slender and in this way, at least, has become a true American. I believe women in general are slimmer here than anywhere else in the world.

But I am becoming involved in a physiological discussion, which will only bore you. However, our life flows along at such an even tempo that there isn’t much to write about. My position, in general, has become much better and more certain during the last year, since the ownership of the Abendzeitung passed from the hands of a company of book publishers and printers into those of Rauchfuss, who is now a sole owner. My salary is approximately $700 a year. This amount is not as bountiful as it sounds translated into German money, as you can see from the various prices I have mentioned before. However the fact that as editor I receive passes to many entertainments, must be reckoned into our earnings, as I would be spending money for them if we couldn’t get in free. Besides my salary I am earning extra money writing for various English publications.

I must describe one expedition we took, because of the pleasant pass situation. Last 4th of July (which is a holiday here, because in the year 1776 the United States declared themselves independent of England on this day). I made up my mind to take a real vacation trip with my wife. In as much as the 4th of July came on Tuesday and there is no Sunday edition of the paper I easily arranged to be free the one intervening day. So we had 3 and one third days to spend. Now what do you think we did with these 80 hours? In Germany we would probably have taken a trip to Woerlitz, or at least to Berlin. But here in America one doesn’t bother with such short distances, given such an unusual opportunity to go places. My wife and I decided to go to Niagara Falls, which is 96 to 100 German miles from New York, i.e. as far as to Venice from Zerbst or as far as Pressburg, if one travels via Dresden, Prague, Olmuetz, Linz and Vienna. On an express train this distance is covered in 16 to 18 hours. We took the Saturday afternoon at 4 o’clock, rode all night and arrived in Buffalo at 9 on Sunday morning. We stayed with a friend, de Hear: (remember I was editor for the Buffalo “Democrat” about two years ago). Monday morning we rode to Niagara Falls (only 4 German miles from Buffalo). It takes an hour on the train. We remained there from 10 in the morning until 7 in the evening. After staying in Buffalo overnight we took the train 6:30 Tuesday morning and arrived in New York at 9:30 that evening, so that by Wednesday morning I was back at my desk at usual.

This trip ordinarily would have cost $60, but it actually cost us only about $12. Railroad tickets alone would have been $36. But as editor I not only had a pass for the entire distance, but for my wife for two-thirds of the way – from New York to Albany, wo we had to pay only $5.00 for her ticket. In Buffalo we stayed with de Hear and in Niagara the hotels would not accept payment, because they preferred to have me write something praiseworthy about their establishments. The other $7.00 was spent for meals while travelling, for carriages at Niagara Falls and for souvenirs, bought from the Indians. These are mostly beadwork articles, sold to tourists at Niagara Falls, very much like the cut glass at Karlsbad.

You have heard about Niagara Falls. They are one of the most awe-inspiring natural wonders of the world. If you look at a map of North America, you will see five large lakes along the northern border of the United States, separating them and the British possessions, Superior, Michigan, Huron, Erie, and Ontario. These are all connected. The first four are several hundred feet above sea level. Lake Erie empties into a narrow channel, called the Niagara River; and it is here that the mass of water hurls itself over a 200 foot cliff to get to Lake Ontario and later to flow via the St. Lawrence River to the Atlantic Ocean. In the middle of the stream there is an island, accessible to the American shore by roams of a bridge. This island divides the river so that it rushes over the dizzy edge in two, rather than one, fall. The stream width is at least 3000 feet. It is impossible to describe the magnificence of the spectacle, it must be seen and felt. Nowhere else has Nature given man a near view of her Might than here.

Only 50 years ago the shores of Niagara saw only wild Indians, now they are bordered by thriving towns and villages. Buffalo has 70,000 inhabitants and the little town at the brink of the Falls has 5000. There are a dozen luxurious hotels, as the sport is used as a summer resort by the elite of the country. The hotels are as large as the castle in Zerbst: there is a large depot innumerable carriages for hire and one can hire servants and guides. It reminds me of larger capitals of Europe.

Some distance below the Falls a suspension bridge is built across the river. The bridge hands between walls steep as a fort higher than the gorge. It is a railroad bridge and one can see locomotive hauling long strings of cars across the dizzily swaying bridge, which is not supported by any arches or pillars.

New York, May 22, 1855

I was never able to finish this letter to you. Now an acquaintance is returning to Dessau and has been so kind as to volunteer to take along a little gift to you, together with the letter. The gift is a portrait of my wife and me. My wife also sends a purse, which she bought from Oneida squaw at Niagara. It has no particular value, except that of a greeting. Bertha tucked a flower into the purse, which she picked on Goat Island at the edge of the Falls. I imagine the flower will be mostly dust by the time it arrives.

We had a severe winter. The poor suffered greatly because of a poor harvest last Fall. Business suffered also and newspapers, too, because their chief income from advertisements and they consisted mostly of short announcements. But, as I mentioned before, I earn extra money by writing for English papers, which pay very well. For instance, for one article which task me four evenings to write, I received $30, for another, shorter one, $15. The elections last November brought $100 (writing for them-Ed.) and from my articles for the “Atlantis” I received $55. In all I earned about $850 from May, 1854 to May 1, 1855 (that is the way contracts are dated here.) My salary was raised on May 1, so that I will receive $780 from the Abendzeitung this year and I hope, with extra work, to earn at least 900$. Unfortunately I must let up on my work somewhat, as my health suffered from too much writing last winter. I am better now and you probably won’t notice any marks of illness on the picture. On the other hand, my Bertha has been rather unwell the least few weeks. This has no further significance except this, that by next year I may be able to send you a picture on which a third small person will share the spotlight with my wife and me.

Now, my dear little sister, farewell for the present. Please give our very sincerest regards to Louise, our brother-in-law, brother and all our other dear ones at home. Please write me as soon as possible. With a kiss for you, in my thoughts at least,

Your brother,
Hermann Raster

  • ← Previous Item
  • Next Item →
Wunderbar Together logo
German Historical Institute logo

  • ©2021 German Historical Institute Washington DC. All rights reserved.
  • Privacy Policy
  • Impressum
  • Site by Artefacto