Windsheim, 3.VII.27.
Lieber Hans!
Deinen Brief habe ich erhalten und daraus ersehen daß es dir gut geht. Mit deinen Wünschen musst du dich noch ein bißchen gedulden, denn ich konnte sie bis heute zur zum Teil erfüllen.
Soweit ich Kataloge zum Beschaffen von Photo-Artikeln erhalten konnte habe ich sie dir geschickt. Den Hauptkatalog von Zeiß in Jena werde ich, sobald er eintrifft an deine Adresse absenden. Beiliegend wirst du eine Ausgabe des „Fränk. Kuriers“ finden, die einen Artikel zum Chamberlain-Flug enthält. Der Verfasser dieses Artikels, Helmut v. Mücke gehörte zu der heldenmütigen Besatzung unseres Kreuzers Emden. Er will durch diesen Artikel verhindern daß die amerikan. Gäste ein falsches Bild von Deutschland erhalten, wie es leider bei den meisten Ausländern die Deutschl. besuchen der Fall ist. Meistens besuchen diese fremden Gäste nur
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die Vergnügungszentralen unserer Großstädte sehen aber nichts von den Leiden und Kämpfen unseres Volkes, nichts von dem Terror der Franzosen im besetzten Gebiet, nichts von dem Leiden der Südtiroler, der Deutschböhmen, der Sudetendeutschen, der Ostpreußen und der Norddeutschen. Sie wissen nicht, daß nahezu 40 Millionen Deutscher unter Fremdherrschaft schmachtet. Sie wissen nicht daß in jeder Minute ihres Aufenthalts 5000 Goldmark von uns bezahlt werden müssen, daß Tausende und Abertausende ihr ganzes Vermögen verloren haben und viele Deutsche verhungert und an Auszehrung gestorben sind. Endlos ist das Lied des deutschen Leidens. Ungeachtet dessen klammert sich der Deutsche an eine Hoffnung, daß nur ausdauernde Arbeit uns retten kann, nicht kriegerische nein friedliche Arbeit. Deutschland abgerüstet und ausgesogen bis aufs Blut hofft daß auch im Ausland sich einmal Erkenntnis und Einsicht bahnbricht. Aber immer gibt es in Deutschland noch eine französische Militärkommission,
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durch die Deutschland unter ständiger Kontrol- le steht. Ich lege dir einen Zeitungsartikel bei aus dem du ersehen wie es in und um Deutschland mit Abrüstung aussieht. Ein drohendes Gewitter stand kürzlich über Deutschland während des Konfliktes England-Rußland: Deutschl. Durchmarschland und Kampfplatz. Dazu paßt dann Genf u. Locarno. So sieht es in Deutschl. aus. Hoffentl. nicht mehr allzu lange.
Bezüglich deiner Frage wie man diese Tinte herstellt teile ich dir folg. mit: Es gibt hier mehrere Rezepte. Tinte die nach dem Schreiben unsichtbar bleibt und erst nach Erwärmen sichtbar wird erhältst du wenn du Kobaltchlorur (Formel Co Cl2) als Schreibflüssigkeit verwendest. Das Rezept das wir in der Seminarschule benützten werde ich dir noch schreiben. Außerdem gibt es noch eine Tinte die nur einige Stunden sichtbar ist u. dann für immer verschwindet. Dies Rezept werde ich dir auch noch schreiben. Muß zuerst noch meinen Chemieprofessor befragen. Alle diese Tinten kannst du nachweisen, wenn du das Schriftstück mit Röntgenstrahlen durchleuchtest.
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Diese Nachweis hat den Vorzug, daß das betreffende Schriftstück vollständig unversehrt bleibt.
Bei uns ist alles gesund. Viele Grüße von Vater und Mutter.
Mit herzl. Gruß
dein Bruder Philipp
Mutter bringt mir soeben Erdbeeren von unserem Garten. Magst auch welche? Dann musst schon gleich kommen sonst griegst nichts mehr. Soll ich sonst noch etwas besorgen, dann schreibe.
Transcribed by Andrea Mohrhusen
Windsheim, 3 July 1927
Dear Hans,
I received your letter and learned that things are going well for you. I have only been able to partially fulfill your requests, so you will need a little patience.
I have sent you the catalogs of photo equipment that I was able to get. I will send you the main catalog for Zeiss in Jena as soon as I get it. I have enclosed an article from an issue of the Fränkischer Kurier about Chamberlain’s flight. The author of the article, Helmut von Mücke, was a member of the heroic crew of our cruiser Emden. He wrote this article to counter the false impression American visitors get of Germany. This is unfortunately the case for most foreigners who visit Germany. Most visit the entertainment centers of our large cities, but see nothing of the suffering and struggles of our people, nothing of the terror of the French in occupied territory, nothing of the suffering of the South Tirolers, the Sudeten Germans, the Bohemian Germans, the East Prussians, and the North Germans. They don’t realize that almost 40 million Germans languish under foreign rule. They don’t realize that during every minute of their visit, we have to pay 5000 Gold Marks, that thousands and thousands have lost everything, and many Germans have died of starvation. The lament of German suffering is endless. In spite of that, Germans cling to the hope that they can be saved through perserverance and work, not war. A disarmed and broken Germany hopes that overseas, insight and understanding will eventually break new ground. But we still have the French military commision in Germany which continues to have control over us. I am enclosing a newspaper article so you can read about the status of disarmament in and around Germany. Dark clouds hovered over Germany recently during the conflict between England and Russia: our land could have become their battlefields. Geneva and Locarno treaties prevailed. That’s how it is in Germany, but hopefully not for much longer.
Regarding your questions about how to get this ink, this is what I know: there are several formulations here. Ink that is invisible when written but visible on the application of heat can be achieved by using cobalt chloride (CoCl2). I will write to you about the formulation we used in Seminar School. Additionally, there is a type if ink that is visible only for a few hours, then vanishes forever. I will also send you this formulation. First, I need to ask my chemistry professor. All of these inks can be made visible by applying x-rays. This method has the advantage of leaving the document fully intact.
Here all are well. Best regards from Father and Mother. With best wishes
your brother Philipp
Just now, Mother brought me strawberries from our garden. Want some? Then come home soon, else they will all be gone. If you want me to get you anything else, write to me and let me know.
Translated by John G. Weinhardt