Bis heute habe ich nun mit dem Schreiben ge
gewartet, weil ich immer hoffte, Dir bessere
Nachrichten über mein Befinden geben zu
können, mein geliebtes Kind, es will aber
immer noch nicht gut werden und meinen die
Ärzte, wenn mein Zustand sich nicht bald bessert,
dann könne ich dies Jahr nicht nach einem
Bade geschickt werden; den nächsten Monat
soll ich anfangen, hier zu baden, was eben
auch schon sehr umständlich und beschwerlich ist,
denn es sind dazu zwei Leute nöthig, die
mich die Treppe runter und in den Fahrstuhl
bringen müssen. Die Ärzte verlangen
die größte Ruhe und Vermeidung jeder Auf=
regung für mich. Daß dies bis her [insertion:] eben [/insertion] nicht mög=
lich war [insertion:] ist [/insertion], weißt Du wol [sic]. Du kannst Dir denken,
daß ich schwer mit dem Gedanken zu kämpfen
habe, daß ich [insertion:] ehe ich das harte Schicksal ertragen lerne [/insertion] wol [sic] nie wieder vollständig her=
gestellt [insertion:] zu [/insertion] werden, und den Rest meines Lebens als
Krüppel [insertion:] und unthätig [/insertion] zubringen muß, dann kommt dazu
der tiefe Kummer um das geliebte Kind,
denn den Gedanken, das süße, herzige Wesen
nie wieder zu sehen, kann ich nicht fassen und
ertragen und zum Überfluß ist nun noch die
fatale Erbschaftsgeschichte, die ich doch wahrlich
nicht ruhig hingehen lassen werde.
Auf Deinen Vorschlag, mich mit Thümlers auszu=
sprechen, kann ich auf keinen Fall eingehen, es
würde mich nur sehr aufregen und würde doch
Nichts dadurch erzielt werden, denn was der
Patron will, das seht Ihr aus der beiliegenden
Abschrift eines Briefes an Otto, der ihn freund=
schaftlich aufgefordert hatte, Erklärungen abzu=
geben, die Otto in den Stand setzen können, die
Angelegenheit gütlich zu schlichten; er will aber
das Geld behalten und Zinsen versprechen; die
Möglichkeit, schriftlich annehmbare Vorschläge
zu machen, war ihm wie abgeschnitten
er spricht davon, daß er in Sorgen gestürzt würde,
es stört ihn aber nicht, daß er mir mein Alles
genommen und mich dadurch in Sorgen stürzt,
das Empörendste aber ist, daß dies Alles durch
Jahre schon vorbereitet ist und nur der schnelle Tod
Deines Vaters ihn verhindert hat, sich Alles schen=
ken zu lassen und dieser Mensch schreibt, daß es
niemals seine Absicht war, sich widerrechtlich
Etwas anzueignen und seine Schwiegermutter oder
Schwägerin pekuniär zu schädigen. Die Krankheit
und der Tod unseres theuren Kätchens hat eine
Pause in der Verfolgung der Angelegenheit herbei=
geführt. Onkel Adolph und Otto [insertion:] glaubten [/insertion], Th. werde diese
Zeit benutzen und mit einem Vorschlage hervor=
treten, da dies aber nicht geschehen ist, so wird
wie dies Raster Otto vorgeschrieben hat, nunmehr
entschieden vorgegangen; auch auf einen rein freund=
schaftlichen Brief, den Otto nach dem Trauerfalle an
Th. geschrieben, ist keine Antwort erfolgt. Th. ist
eben mit seinem Plan, das Geld zu behalten, fertig
und läßt es, wahrscheinlich nach [Minders?] Rath, an
sich kommen; das Glück soll ihm blühen, denn
mit einem so heuchlerischen und erbschleicherischen
Betrüger kenne ich keine Nachsicht.
In kürzester Zeit schreibe ich an Eddy + Waltherchen und nun lebe wohl, mein Herz, viele Grüße, Dir und Raster von mir und Onkel Adolph und küsse die Kinder herzlich von mir. Bleibt nur stets recht gesund und munter und nun nochmals lebe wohl Deine treue Mutter
Dessau 20/5. 84.