Chicago, Sonntag 2. May 1873
Meine liebe Schwester
Wieder einmal nach langem Zwischenraum einige
Zeilen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß mir
von Monat zu Monat das Schreiben, so weit es nicht
zum Geschäfte gehört, ungewohnter und unlieber wird
Es geht mir auch nicht bloß mit dem Schreiben so, son=
dern auch mit dem Lesen. Es ist schon sehr viel, wenn
ich einmal eine "dumme Geschichte" in Abschnitten
durchlese, etwa Spielhagens: "Was die Schwalbe
sang", wobei ich die Betrachtung mache, daß nachge=
rade Spielhagen fast so schablonenhaft wird, wie Ruppius,
obschon, wie Schläger zu sagen pflegte, "auf einer höhern
Terrasse". - Apropos Schläger. Daß dieser im vorigen
Frühjahr nach Deutschland ging, habe ich Dir wohl schon
geschrieben. Dort hat er eine ältliche reiche Jungfer (?)
Namens Helene [roman:] Casper [/roman] geheirathet, aber wenige Wochen
nach der Trauung hat ihn das Mensch, seine [roman:] Lizzie [/roman],
welche ebenfalls am 16. Dezember 1871 mit ihm hier
getraut zu sein behauptet, im Sturm und, wie es
scheint, unter dem schmachvollsten Auftritte zurückgeschleppt.
Hier lebt er nun fa mit ihr seit Ende November
äußerst zurückgezogen und schreibt wohl unter der Hand
an dem Michaelis'schen Saublatt mit, nimmt sich aber bis jetzt sehr in Acht, der Staatsz. auf den Fuß zu treten, denn er weiß, daß ich seine Nichtswürdig= keiten kenne.
Heute über acht Tage gedenken wir endlich mit der Redaction in das neue Gebäude überzusiedeln. Ich erhalte ein sehr hübsches Zimmer, wenn auch nicht ganz so groß, wie in dem abgebrannten Gebäude, doch elegant eingerichtet; auch mit einem feuerfesten Gewölbe aus gestattet, in welchem ich während unsrer Reise nach Deutsch= land Werthgegenstände und Papiere aufbewahren kann. In Betreff dieser Reise schweben wir noch zwischen Thür und Angel. Zu Anfang Mai hatten wir die Abreise mit Rücksicht auf die Vermiethung des Hauses festgesetzt, als ich aber vor vier Wochen nach [roman] New York [/roman] wegen Schiffsplätzen schrieb, ergab sich, daß für den ganzen Monat Mai alle Plätze auf den deutschen Dampfern schon besetzt sind! Nun blieb nur der unbe= queme Weg über England übrig. Für den am 3. Mai von [roman:] New York [/roman] abgehenden [roman:] "Celtic" [/roman] kann
man mir zwar eine Cajüte mit 3 Kojen zuweisen,
allein wir müssen für Gertrud natürlich einen Platz
in einer andern Koje haben, da wir doch unmöglich
alle 3 beieinander schlafen können. Ob ich Plätze, wie
wir sie brauchen, auf jenem Schiffe, oder erhalten
kann, werde ich erst morgen oder übermorgen erfahren.
Wenn ich sagen sollte, daß mich der Gedanke an die Reise freudig erregte, müßte ich sehr grob lügen. Die Wahrheit zu sagen schaudere ich vor der Fahrt mit einem 18 Monate alten Kinde und zwei wahrscheinlich seekranken Frauen; - besonders auch vor der Landfahrt auf englischen u. deutschen Eisenbahnen ohne Abteile pp. - Ich betrachte die Reise als einen Wechsel, den ich bezahlen muß, weil er nun einmal ausgestellt ist, aber verdammt ungern. Nicht als ob ich nicht gern einmal aus dem Ge= schäfte ginge, - aber ich möchte es nur thun, um mich zu erholen und nicht um zehnfach so große Last, Mühe u. Mangel an häuslichem Behagen zu haben, als ich trotz aller Widerwärtigkeiten meines Berufs jetzt habe. - [roman:] Gretchen [/roman] nimmt die Sache leichter: - kein Wunder, sie braucht unterwegs nicht Packesel zu sein, wie ich. Gertrud bliebe ganz gern hier, aber davon kann, dem
Befehle ihrer Mutter gegenüber keine Rede sein.
Wie ich 4 Monate in Deutschland totschlagen
soll, weiß ich noch nicht. Da ich aber nicht diese ganze
Zeit als Strohmer auf Eisenbahnen und in Gasthäusern
leben will, So haben wir uns schon vorzeitig ausge=
dacht, daß wir uns in Dessau eine möblirte Wohnung
für 30 ab 40 Doll. monatlich miethen und mittag= u.
Abendessen bei meiner Schwiegermutter als "boarder"
essen wollen. Wenn ich dann, während [Grethchen?] in
Dessau eine Milchkur gebrauchte ab und zu kleine Aus=
flüge nach Berlin, Leipzig, Dresden pp machte, wüßte
ich doch, wo mein Ankerplatz wäre und brauchte nicht,
wie [roman:] Eliza [/roman] in [roman:] Uncle Toms Cabin [/roman] von Scholle zu Scholle
zu springen. - Nach Wien zu gehen, habe ich vorläufig
gar keine Lust. Ich suche in Europa nicht Getümmel son=
dern Ruhe, nicht Aufregung, sondern Erholung. Indessen
werde binde ich mich im Voraus an Nichts. Vielleicht,
[dgt?], wenn ich erst drüben bin, meine Stimmung sich ändert.
Neuigkeiten von hier zu schreiben, Schilderungen des Neubaus der Stadt zu geben pp halte ich nicht für nöthig. In einer Stunde mündlicher Unterhaltung kann man mehr erzählen, als in zehn Briefen.
Unser kleiner Junge leidet seit mehreren Tagen an
einer jetzt hier bei unter den Kindern grassirenden Drüsenge=
schwulst, die nicht gefährlich ist, ihn aber sehr knurrig macht. Frei gehen
und sprechen kann er noch immer nicht, ist aber sonst nicht dumm. Wir Andern
sind gesund; auch ich selbst. Mit besten Grüßen Dein treuer
Bruder [roman:] H Raster [/roman]