[roman:] Chicago [/roman], 5. November [written in pencil:] (1872) [/written in pencil]
Liebe Schwester
Um ein Paar Tage hat sich diesmal die Absendung des Quartalzinses für den Schwager verzögert, aber nur aus dem einfachen Grunde, weil wir über dem Wahltrubel de Sache vergessen hatten. Nun, auf die paar Tage wird nichts angekommen sein.
Heute ist also der Wahltag. Über das Ergebniß der Präsidentenwahl hegt kaum irgend Jemand Zweifel; das Hauptinteresse für uns concentrirt sich auf die Staats= u. Congreßwahl. Da haben wir auf deutscher Seite einen harten Stand gehabt, weil die verbündeten [Schugianer?] u. Demokraten einen Deutschen (G. Körner) als Gouverneurs kandidaten aufgestellt hatten u. das ganze deutsche Kaffern und Lumpenpack sich für den deutschen Verräter heiser brüllte. - Der von dem elenden Hallunken Michaelis ins Leben gerufene Abendwisch hat durch die infamsten Schimpfereien, Lügen u. Verleumdungen uns das Leben so sauer gemacht, wie 68 und 69 die Volkszeitung Zu alle dem kam noch, daß ich mich körperlich nicht recht wohl fühlte, obschon ich [insertion:] deshalb [/insertion] keinen Tag von meinem Posten gewichen bin. - Zum Glück hat ein heiteres und
behagliches Familienleben mir für alle Ärgernisse und
Kümmernisse reichen Ersatz gewährt.
Die 16 Stereoskopen von Neu Chicago hast Du jetzt hoffentlich erhalten. In höchstens 2 Monaten wird das Staatsztg. gebäude auch so weit sein, photographirt werden zu können. Es ist jetzt unter Dach und der Sims aufge= setzt, so daß es mit Ausnahme der Fenster, Thürstufen und der Statuen von außen fertig aussieht. Die innere Einrichtung freilich kostet noch Zeit. Sehr schön u. stattlich sieht das Gebäude aus, aber ich fürchte, daß wir in den ersten Jahren nicht billig wohnen werden, da so sehr viele Office Gebäude entstanden sind, daß sich schwerlich zu den von uns in Anschlag gebrachten Preisen Miether finden werden So kann uns unsre eigene Miethe leicht auf 7 - 8000 Doll. zu stehen kommen.
Seit 4 Tagen sind unsre Straßen wie ausgestorben, da eine allgemeine Pferdegrippe fast sämmtliche Pferde ergriffen hat, so daß sie dienstunfähig sind. Die Calamität ist sehr groß u. bringt alle Geschäfte ins Stocken. Hunderte von Zugochsen sind aus dem Lande herbeigeholt worden, um wenigstens in den dringendsten Fällen die Pferde zu ersetzen. Bäcker u. Milchleute fahren mit Schubkarren oder Handwagen umher. Wenn die Noth eine Woche anhält, wird der Schaden größer sein, als von einer starken Feuersbrunst
Ein Telegramm meldet uns heute, daß die Cholera schon in Ber= lin auftrete. Sollte sie epidemisch werden, so muß Mathilde sogleich zurück. Bitte, laß sie das wissen. Sie würde in solchem Falle mich telegra= phisch von ihrer Abreise in Kenntniß setzen müssen, so daß ich sie in New York empfangen könnte. Dein treuer Bruder [roman:] Hermann Raster [/roman]