[roman:] Chicago [/roman], 12. November 1871
Meine liebe Schwester
Gestern haben wir Deinen Brief vom 24. Oktober und gleichzeitig einen von Mathilde vom Tage zuvor erhalten. Du wirst seitdem längst erfahren haben, daß Eure Phantasie Euch das Unglück wovon Chicago betroffen worden, keineswegs zu grell gemacht hat, sondern um= gekehrt zu matt. - Unbegreiflich ist mir, wie Ihr nach meinem Telegramm nur einen Augenblick habt daran zweifeln können, daß unser Wohn= haus mit abgebrannt sei. Ich denke doch, wenn man telegraphirt: "Wir haben Alles verloren" kein Mensch darunter verstehen kann: "Unser Haus ist nicht abgebrannt." Überdies, so dürftig auch die in den deutschen Zeitungen enthaltenen Tele= gramme gewesen sind: Daß 12,000 Häuser abgebrannt seien, haben sie doch gemeldet; auch daß die Wasserwerke zerstört worden. Ich verstehe nicht, wie darauf hier noch ein Zweifel über das Schicksal der Nordseite hat bestehen können. Hätte
ich gewußt, wie naiv in Dessau die Katastrophe
augefaßt worden und als wie selbstverständlich
man unsere Rettung ansehen würde, hätte ich mir
das Telegraphiren erspart. Während wir uns
hier in der allergrauenvollsten, in unbe=
schreiblich elender Lage befanden, log ich
telegraphisch, daß wir alle gesund und heiter
seien: - unsre Heiterkeit war die von
Schiffbrüchigen in einem auf hoher See
umhertreibenden Nachen. Auch in den Briefen
haben wir uns bemüht, so heiter, wie mög=
lich zu erscheinen, obschon es uns, und nament=
lich mir bitter, bitter schwer geworden ist denn
in Wirklichkeit fühle ich mich an Gemüth völlig
gebrochen, arbeite zwar in meinen Geschäften
mit Eifer und Thatkraft Klappe aber nachher
zusammen wie ein Taschenmesser mit lahmem
Charnier und verbringe trotz aller Bemühungen
meiner trefflichen [roman:] Grete [/roman] u. ihrer Schwester die
Abende meist in stumpfem trüben Sinnen. Auch
die Geldangelegenheit mit Dir und dem Schwager
habe ich so schnell erledigt, weil ich Euer Kapi=
tal nicht der Gefahr aussetzen wollte, die es im
Falle eines jähen Abschlusses meines Lebens ge=
laufen haben würde. -
Unter solchen Umständen machen die fast frivol heiteren Briefe Mathildes fast einen ent= fremdenden Eindruck auf mich. Gewiß gönne ich ihr, daß sie sich heiter und glücklich fühlt; allein wenn sie in drei Monaten mir so fremd ge= worden ist, daß sie im Angesicht der schrecklichen Katastrophe, durch welche wir gegangen sind, uns nur mit backfischigem Geplauder über Kaffeeklatsch, Baumkuchen pp zu unterhalten weiß, so beschleicht mich der trübe Gedanke, daß das nicht mehr die fast bis zur Sentimentali= tät zärtliche Tochter ist, die ich hier hatte. Doch wünsche ich, daß Du ihr von dem, was ich hier sage, nicht die leiseste Andeutung machst. Laß sie in ihrem fröhlichen Leichtsinn hingehen; - schließlich wird doch einmal der bittere Ernst des Lebens an sie herantreten und dann wird sie die Empfindungen verstehen, welche ihre Briefe mir jetzt einflößen.
Was mir auch in Deinem Briefe, wie in
denen von [?] und meinem Schwiegervater auf=
fällt, ist die kindliche Vertröstung auf die Versicherung.
Habt Ihr Leutchen da drüben denn gar keine
blasse Ahnung von dem, was Versicherungsgesell=
schaften sind? Denkt Ihr denn, sie k.... Geld?
Wie kann man nur denken, daß, wenn für
300 Millionen Thaler Werthe vernichtet werden, die
Versich. - Gesellschaften zahlungsfähig bleiben? Sie beruhen
doch alle auf der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wonach
in einer gegebenen Zeit von [?] hundert ver=
sicherten Häusern nur 3 oder 4 abbrennen. Wenn
aber statt dessen 97 abbrennen und nur 3 übrig
bleiben, - wo soll das Geld herkommen? Die Zei=
tung war in 12 der 14 verschiedenen Gesellschaften
im Ganzen zu 36000 Doll. versichert, wovon
wir, da einige der Gesellschaften ausländisch waren,
vielleicht 8000 herausbekommen werden. Das ist aber
noch sehr günstig. Mein Haus war, wie Du weißt,
zu 5000 versichert; davon erhalte ich vielleicht, durch
besondere Bevorzugung ein Zehntel, d. h. 500 Dollars;
von meinen 2000 Doll. Versicherung auf die Möbel,
wenn irgend Etwas, 5 Prozent, also 100 Dollars. Das
wären 600 Dollars für Haus, Mobiliar, Klavier,
Bücher pp. , was alles nach mäßigster Schätzung 12000
Dollars werth war. Die 11,400 Dollars, die dazwischen
Daß wir uns in einer kleinen [roman:] cottage [/roman]
auf der Südwestseite (immerhin 1 2/3 engl. Meilen von
meiner neuen Office) eingerichtet haben, wirst Du
aus Mathildes Briefen wissen. In einem Briefe,
welchen wir am Freitag geschrieben, habe ich einen
Grundriß der kleinen Grundstücke gezeichnet. - Mit
meinen Finanzen bin ich nur in den ersten Tagen
nach dem Feuer, so lange [?] nach Indianapolis
entflohen und die Bankgewölbe noch nicht geöff=
net waren, knapp gewesen. Ich hatte am 7.
Oktober 50 Doll. mit nach Hause genommen und
in meinem "Feuerfesten" die 2 Hundertthalerscheine,
so wie einen Check von [?] auf 300 Doll.
gelassen. Von diesen 500 Doll. hatte ich 350 für
die Wahlkosten bestimmt gehabt und mir vorläufig
gar nicht unter meine Einnahmen geschrieben. - In
der ersten Woche nach dem Feuer schmolzen die
50 Thaler bald zusammen, aber [roman:] Meyer [/roman] von der
Handelsztg schickte mir sofort per Expreß 200
Dollars. Als dann [?] kam, stellte er mir
statt der verbrannten Checks einen neuen aus,
den [roman:] Greenebaum [/roman] [servirte?] und auf mein Gehalt
von der Zeitung (welches ich als Vicepräsident sofort
auf 30 Doll. per Woche herabgesetzt habe) zog ich 30 Doll.
So hatte und habe ich Geld genug in Hand, um unsre
neue Einrichtung zu bestreiten, auch noch, was sein
muß, 150 (statt der ursprünglich beabsichtigten 350)
Doll. zu der Wahl zu bezahlen. - Gekauft haben wir
für unser Wirthschaftchen, Heizofen, sehr schön, für 21,
1 Kochofen (praktisch besser als den wir hatten) mit
Blechgeschirr für 26, sonstige Geräthe, Eimer, Schaufeln pp
für 10, Steingutgeschirr, Lampen (eine sehr schöne für 6 1/2),
Waschbecken, Nachttöpfe pp für 28 Dollars. - Gekauft, aber
noch zu bezahlen haben wir 3 Bettstellen (alle zwei[schläfrig?],
halb so theuer, als sie auf der Südseite waren) mit Sprungfeder=
Einsätzen und Maishülsen = Matratzen, 2 Kommoden,
2 Waschtische, Küchentisch, 4 Holzstühle, Plättbrett, [insertion] Auszieheßtisch [/insertion] pp alles
zusammengenommen, sehr hübsch [insertion:] (black walnut) [/insertion], aus der Fabrik, für unge=
fähr 110 Dollars. - Zu Teppich ($ 1.60 die Yard, gelegt)
ist Maß genommen; er wird ungefähr 75 Dollars
kosten. Die Gardinen aus dem Parlor habe ich zwar gerettet,
sie sind aber noch weit draußen an der Fullerton Avenue
bei den Gärtnersleuten, bei welchen wir in der Schreckens=
nacht Zuflucht fanden. - Sonst gerettet sind: alle 5 Roß=
haarstühle und 2 Lehnstühle aus dem Parlor, der schöne
grüne Lehnstuhl, den ich im Frühjahr für 45 Doll. kaufte, [insertion:] das von meiner 1. Frau und das runde von Dir gestickte Kissen [/insertion] der alte
grüne Lehnstuhl, den mir Stein kaufte, der ovale Tisch aus dem
Parlor samt den Albums [insertion:] Reineke Fuchs, [Dora's ?] Märchen [/insertion] und Stereoskopen, der kleine Tisch
mit Marmorplatte, der von meiner zweiten Frau gestickte Feld=
stuhl, die runde Tischdecke [insertion:] ein Rohrstuhl und der große Spiegel [/insertion] aus dem Wohnzimmer, [insertion:] die Reisedecke [/insertion], die Klavierdecke,
ein neuer schöner Klavierstuhl, die Decke von dem ovalen
Tisch im Parlor, einige Nipsfiguren, [insertion:] der lederne Handkoffer, den ich vor Eurer Reise kaufte, [/insertion] das japanische Schränkchen,
die Bilder, die über dem Klavier hingen, [insertion] [roman:] Gretchen's [/roman] Brautkranz und Schleier [/insertion], Federbetten, beinahe
alle, [insertion:] Steppdecken u. Wolldecken, bis auf zwei [/insertion], [roman:] Gretchens [/roman] Wäsche aus dem Schrank [insertion:] 6 Hemden und 5 Taschentücher von mir [/insertion] und fast alle guten
Kleidungsstücke [insertion:] mein blauer Winterüberzieher, Frack, Rock pp [/insertion], so wie Schmucksachen und Silberzeug, auch vier oder
fünf Bände Musikalien (darunter das hübsche grüne Liederbuch, das
ich Dir mitgeben wollte und der musikal. Hausschatz). Alles Übrige ist
futsch, - am futschesten. Doch darüber verlieren wir den Muth nicht. Die Haupt=
sache ist, daß meine Weibsleute ausgelassen heiter sind und ich so so. Dein [roman:] H Raster [/roman]