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[Anna?] & Gertrud
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Sonntag, 4/5 1871
[written in pencil] May 4, 1871 [/written in pencil]
Endlich, mein innig geliebtes Muttchen ist Gertrud hier angelangt in Begleitung einer sehr netten jungen Dame, die Du ja auch kennst, wie mir Gertrud sagt. In Worten kann ich meine Freude nicht aus- drücken, meine Dankbarkeit für Dich und selbst Vater, daß er Erlaubniß und Mittel gegeben, meinen höchsten Wunsch zu erfüllen, denjenigen natürlich ausgenommen Dich hier zu sehen, der mir noch darüber geht. Ich weiß ja am Besten welch Opfer Du gebracht! Jedoch denke ich und auch mein Mann denkt so, daß nachdem der erste Trennungsschmerz vorüber
Du gewiß finden wirst, daß
es so am Besten ist und daß
Gertruds Dortsein Eure Lage
wesentlich verschlechtern würde.
Wie glücklich ich über die Lösung
der Verhältnisse Deinet=
wegen bin, kann ich gar
nicht beschreiben und hoffe
ich, daß die Ruhe und Zufrie=
denheit Deiner jetzigen Lage,
Dich vollständig gesund erhalten
wird. Auch ich kann jetzt
Gott sei Dank! aus tiefstem
Herzen mich einer seit Tagen
t ganz plötzlich eingetretenen
Besserung erfreuen, obgleich die
entsetzliche Nervenkrankheit
immer wie ein Gespenst
hinter mir steht und mich
meiner Gesundheit nicht
so recht froh werden läßt.
Am vergangenen Freitag d. 27ten
erhielten wir eure Briefe die Ger=
truds Abreise meldeten und
seit der Zeit verbrachte
ich fast alle Kräfte in
Aufregung und schlaflos, denn
alle möglichen natürlich, unsin=
nigen Phantasien kommen
einem in der Stille der
Nacht und muß ich lachen, wenn
ich Trudchen, so wohl und
munter (sie ist sehr stark
unterwegs geworden) und
vergnügt von ihrer sehr an=
genehmen Reise reden
höre. So schnell geht es jetzt
nach Amerika, wie lächerlich
kommen einem da die Sorgen
vor, die man sich so überflüssig
macht. Die junge Dame logirte
bei uns in dem Zimmer, daß
wir in aller Eile hergerichtet.
Es ist ein großes, schönes Zimmer
im obersten Stock, enthält
zwei Betten, zwei Komoden,
einen Waschtisch mit Wasch[?]
Kannen, Gläsern, nebenbei
ein schön lackirter Eimer,
Fußwanne und Wasserkanne
von Blech, was sehr hübsch
aussieht. An demselben Tage,
wo wir in all der Eile
waren kam der Tappezirer
es zu tappeziren, denn es ist,
wie in den meisten Häusern
hier nur sehr glatt weiß
gegipst. Wir mußten
ihn natürlich fortschicken
und waren sehr glücklich, wie
wir überhaupt bis zum Freitag
Abend nach 8 Uhr, wo sie
ankamen noch fertig wurden.
Eben sind sie an die B[?]
gefahren, mein Mann, Gertrud
u Mathilde, Frl Munk,
die heute weiter nach Kalifornien
reist an den Bahnhof zu bringen.
Trudchens Garderobe ist über
alle Erwartung elegant und
für alle Fälle ausreichend
und passend, ebenso das rei=
zende Kinderkleidchen, das
Schönste was wir bis jetzt
besitzen und sitzt recht gut.
Auch für Mathildens [Schuhe?]
besten Dank, es ist ihr ein
inniger Wunsch damit erfüllt
worden. Trudchen und Ma=
thilde sind die besten Freun=
dinnen und küssen sich den
ganzen Tag. Sophie und
Gertrud nennen sich Du
und finden, wie mir scheint
großes Gefallen aneinander.
Mein Mann fühlt sich sehr
stolz so plötzlich zu einer solchen
Tochter gekommen zu sein
und Alle sind wir glücklich
und zufrieden bis auf die
Sehnsucht nach Dir. Der Gedanke
daß Dir irgend Etwas fehlen
könnte, ist die einzige unsern
Frohsinn unterbrechende Sorge.
Laß nur Dich nicht zu sehr
von Sorgen und Sehnen nach
uns beängstigen, glaube
daß es und wohl geht und
nichts uns fehlt, als daß Du
Dich zufrieden fühlst. Trud=
chen ist dick und fett und
sonst unverändert in ihrem
Wesen und wird sie die
lange vermißte Ruhe eines
glücklichen Familienlebens
jeden trüben Gedanken bannen
Mit tausend Grüßen und Küssen
Deine Margarethe