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[written in pencil:] Gotha, Dec. 27. 1863 [/written in pencil]
es mir gestern, als Hans davon sprach, wie ein Stein auf's Herz, wo soll ich die Kraft hernehmen um das zu überstehen? Hans hat ein Logis an der Eimsbüttler Straße gemiethet, von dem man die Aussicht aufs Heiligegeistfeld hat, ein Eckhaus, aber im dritten Stock. Es ist ohngefähr 10 Minuten von der Böhmkenstraße entfernt, für Ida freue ich mich sehr, daß sie nicht in eine Straße ziehen muß, das würde ihr sehr schwer geworden sein. Daß Lilian so munter u. frisch ist u. auch Go= tha in ihrem Gedächtniß behält freut mich sehr, ich denke so viel an sie u. sehne mich oft sehr nach ihr. Emma's Kindern geht es sehr gut, Peter wird immer aufgeweckter u. Lina hat sich auch sehr zu ihrem Vortheil hier verändert, sie hat flei= ßig zu Weihnachten gearbeitet, mir eine Fußbank genäht, was, wenn ihr auch dabei ge= holfen worden ist, doch eine große Arbeit für sie war, für ihre Mama hat sie ein Nadelkissen genäht u. Ida einen Waschlappen gestrickt. Die politischen Ereignisse beschäftigen den guten Va= ter sehr, der Gedanke, daß die Herzogthümer von Dänemark getrennt werden könnten ist ihm ganz unerträglich, noch kann niemand wissen, wie es werden wird. Ich bin so froh, daß Hans u. Wil= helm es vermeiden in seiner Gegenwart über Schleswig Holstein zu sprechen. Betty ist seit 8 Tagen ver= lobt, gestern kam sie um es mir mitzutheilen, noch ist es nicht bekannt, da sie erst die Antwort ihrer Eltern abwarten will. Ihr Verlobter ist Herr Fiedler, ich u. Ida haben doch ei= ne feine Naße gehabt. Ich freue mich sehr darüber, Betty war in der letzten Zeit verbittert, oft musste ich ihr Betragen mißbilligen, nun wird das wieder anders werden. Hans hatte sich in Ham= burg nach dem Herauskommen Deines Buches erkundigt u. den Bescheid vom Verleger erhalten, daß es erst im nächsten Jahre
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Muth mir sinken wollte u. wenn mich zuweilen der Schmerz wieder von neuem erfasst, daß noch eines meiner Kin= der nach dem andern Welttheil gehen musste, so finde ich wieder Beruhigung in dem Ge= danken, daß Dir dadurch die Freude gewor= den eines Deiner Geschwister in der Nähe zu haben. Doch nun wirst Du gerne noch etwas von uns hören wollen u. so will ich Dir denn zuerst sagen, daß es mit Ida's Gesundheit seit fast zwei Wochen auffallend besser geht, u. daß ich nun alle Hoffnung habe, daß Wisli= sanus nun endlich die rechten Mittel für ihren krankhaften Zustand gefunden. Noch vor zwei Wochen war sie so leidend u. sah so elend aus, daß ich äußerst besorgt um sie war, da zeigte sich ein Ausschlag, der wie Nessel aus= sah u. ebenso juckte, an beiden Seiten des Backens, u. seitdem ist eine merkwürdige Besserung eingetreten, er ist nun fast ganz wieder verschwunden u. es geht ihr fortwährend gut, über Kopfweh, die sie viele Wochen be= ständig gehabt, klagt sie gar nicht mehr. Ich bin zu froh darüber u. freue mich auch so sehr, daß diese Besserung noch eintrat ehe Hans kam, der sie nun endlich einmal wieder ganz frisch u. munter sieht. Gott gebe, daß es so bleibt! Zu Pfingsten wird wahrscheinlich die Hochzeit sein, es fällt Mitte May, wie schnell werden diese 4 Monate noch verfliegen, sie liegen vor mir wie ein gewaltiger Berg, über den ich nicht hinzukommen vermag, bis jetzt habe ich es immer vermieden daran zu denken, u. so fiel