[page 1 (sheet 1, right-hand side):]
N.Y. 142. East 18th St. März 1. 1876
Meine liebste Mutter!
Vor allem heute meine innigsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag, den Du hoffentlich wohl verlebst. Möge Gott Dich in diesem neuen Lebensjahr mehr u. mehr kräftigen, Dir die Stärke verleihen für Leib u. Seele welche den Muth zum Leben befördern u. den Geist aufrichten, möge er Dich manche Freude, manch' frohe Tage verleben lassen! Wie gern wäre ich an dem Tage bei Dir, damit ich nach Kräften trachten könnte ihn Dir zu erheitern. Doch bin ich über=zeugt, daß Hans u. die Kinder dafür möglichst sorgen werden. Ich hätte Dir so gerne auch diesmal ein hübsches Geschenk übersandt, allein allerlei hat mir den Wunsch vereitelt, so daß ich Dich bitten muß mit meinem, wie Bayard sagt, sprechend ähnlichem Bilde, das ich dem Brief beilege, u. einigen Photographien, die ich noch lose besaß, u. apart schicke, vorlieb zu nehmen. Unter den letzteren findest Du auch eine Photogr. von [roman:] Cedarcroft [/roman], wie es voriges Jahr aussah, nachdem die Schlingpflanzen nach Belieben gewuchert waren. [roman:] E. Lamborn [/roman] hatte es photographieren lassen u. ich habe mir das Bild für Dich erbeten. Da es aber auf einen [roman:] Carton [/roman] gezogen war, musste ich es ablösen, was mir nicht zum Besten gelungen ist. Wenn Du es einem Photographen zum Aufziehen giebst, wird er es wohl zu berichtigen wissen. Die andern Photographien sind Antiken aus dem römischen Museum, auf denen ehemals des lieben Eduard's Augen oft u. mit Bewun=derung (besonders auf dem Diskuswerfer) ge=
[page 2 (sheet 2, left-hand side):]
geweilt haben. Es sind deren 4. 1) der Diskus=werfer des Mägron, 2) die unter dem Namen der [roman:] Pudicitia [/roman] bekannte Gewand=statue, 3) die sich mit dem Bogen bewaffnende Amazone (nach einem Vorbild des Phidias), 4) ein Faun mit dem jungen Bacchus. Für Deinen lieben Brief vom 1. Febr. besten Dank. Ich hätte ihn vorige Woche schon beantwor=ten sollen u. habe es auch bis zum letzten Moment schon wollen, bin aber durch einige Widerwärtigkeiten davon abgehalten wor=den. Bis auf mich haben nämlich alle hier die eben grassierende Grippe gehabt. Am Samstag vor 8 Tagen fing die Köchin damit an. Es folgte Bayard bei dem sichs auf die Bron=chien warf, dann Lilian, die heftiges Fieber hatte u. nun als eben die Anderen wieder ziemlich wohl waren, legte sich Ida. Ob ich auch noch an die Reihe komme? Ich hoffe daß ich entgehe, zumal ich ohnedies, wahrschein=lich weil ich mich etwas mehr als gewöhnlich habe anstrengen müssen, gestern den gan=zen Tag als Vorsichtsmaßregel habe liegen müssen. Lilian ist noch nicht wieder zur Schule gegangen u. weiß ich auch nicht ob ich sie morgen kann gehen lassen, da wir so sehr schlimmes Wetter haben. Schon vor 8 Tagen trat plötzlich Kälte ein u. seitdem haben wir abwechselnd Schneegestöber, Regen, Glatteis u. den schneidend=sten Wind gehabt, so daß ich kaum gewagt habe auszugehen. Es ist als sollte sich der Winter noch schnell in die letzten Wochen vor Frühlings=anfang zusammendrängen. Ida ist heute wieder auf, ist aber noch nicht im Stande, ihre Arbeit zu thun. Glücklicherweise ist die Köchin wieder flink. Ich habe noch dieselbe. Sie besann sich u. bat um Verzeihung. So behielt ich sie. Bayard ist nun schon seit 14 Tagen wieder zu Hause, doch hat er wegen der bösen Grippe
[page 3 (sheet 2, right-hand side):]
sich noch nicht recht des Hierseins freuen kön=nen. Froh genug war er freilich nach Hause zu kommen. Er hat diesmal viel von schlechter Kost zu leiden gehabt u. das hat wohl auch dazu beigetragen, daß er krank wurde. In den letzten Tagen ist er wieder ausgegangen u. fühlt er sich auch frischer. Er tritt in den nächsten Tagen seine Stelle an der [roman:] "Tribune" [/roman] an u. freut sich darauf. Da er hauptsächlich die literarische Kritik über=nimmt, so schlägt dies ja in sein Fach ein. Es wird ihn die Hälfte des Tags ungefähr beschäftigen u. vom Hause entfernen. Die übrige Zeit kann er auf selbständige Ar=beiten verwenden.
Meiner Schwiegermutter ist es in den letzten Wochen bedeutend besser gegangen. Sie ist sehr glücklich darüber u. schreibt es einer Medizin zu, die ihr von einer Verwandten angerathen worden ist u. von der sie bereits 3 Flaschen genommen hat, u. noch immer zu davon einnimmt. Ich glaube noch nicht recht an den Bestand der Besserung, doch hoffe ich es ist so.
Ich bemerke, daß ich Deine Frage wegen der [roman:] Tribuner [/roman] Zeichen noch nicht beantwortet habe. Nein, leider bringt uns das Kapital noch immer nichts wieder ein. Wir haben viel hin u. her überlegt ob wir nicht sehen sollten, die Aktien zu verkaufen. Dies würden wir unter den Umständen dabei einbüßen u. die Zukunft der Zeitung giebt, so viel man es jetzt beurtheilen kann, keine Veran=lassung dazu. Der Bau war jedenfalls über=eilt, doch bringen die übrigen Räume des Gebäudes eine jährliche Miethe von 100.000 Dollars ein, die der Schuldenlast zu Hülfe kommen. Außerdem ist das Blatt das anerkannt beste des ganzen Landes u. hat sich dauernd in der Gunst des großen Publikums fest=gesetzt. Daß es jetzt keine so großen Ein=künfte wie in früheren Jahren hat, das
[page 4 (sheet 1, left-hand side):]
machen die schlechten Zeiten denn der Hauptgewinn beruht auf den Annoncen u. sobald die Geschäfte sich wieder heben, wird auch wieder mehr annoncirt! Dass Du wieder an den bösen Kopfweh zu leiden gehabt hast, betrübt mich. Ich hatte gehofft, daß sie vorbei wären. Freilich waren es wieder schlimme Er=innerungstage, die Dir bevorstanden. Ist dies überhaupt eine sehr wehe Zeit für Dich. Aber suche doch lieber, meine liebste Mut=ter, Dich darüber zu erheben, indem Du diese Erinnerungen beherrscht, nicht sie Dich beherrschen lässt. Nur so werden sich Deine Nerven wieder erholen, wirst Du wieder gesunden. Und wie sehnlichst wünsche ich das. Siehe die lieben Kinder an u. bedenke, wie we=sentlich sie es bedürfen, daß Du Dich ihnen erhältst u. wie Du an ihnen noch viel Freude erleben kannst - wie Dein Opfer sich durch sie lohnt. - Daß [illegible] nun doch nicht nach Gotha geht, ist mir gar zu leid. - Wie gut ist es, daß Au=gusts Kinder nun glücklich über die Ma=sern sind. Auch daß Fritz wieder wohl, freut mich. Ida sollte mir sehr leid thun, wenn sie ihren Bruder verlieren sollte. Ich hoffe recht, daß Emma Dich diesen Sommer besucht. Sie könnte doch gewiß die kleineren Kinder unter Lina's Obhut lassen. Doch ich muß schließen, liebe Mutter, da mir das Aufsitzen heute etwas schwer fällt. Gebe Gott, daß dieser Brief Dich bei Wohlsein antrifft! Herzliche Grüße an Hans u. die Kinder. Meine Gedanken werden am 16. viel bei Dir weilen.
Deine Dich innig liebende Tochter Marie
[page 4, left margin (sheet 1, left-hand side):]
Ida trägt mir eben auf Dir ihre Glückwünsche zum Geburtstag auszurichten.
[/page 4, left margin (sheet 1, left-hand side)]