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New - York, Aug. 19. 1875.
Meine liebste Mutter!
Bei meiner gestrigen Rückkehr fand ich Deinen lieben Brief vom 26. Juli, der leider, wie ich gefürchtet hatte, schon eine ganze Woche hier auf mich gewartet hatte. Da wir die letzten 1 1/2 Wochen beständig unterwegs waren, hließen wir uns die Briefe nicht nach= schicken. Ebenso fehlte es mir auch an Ruhe u. besonders an Kräften unter= wegs an Dich zu schreiben, was mich beunruhigt, da Du Dich gewiß über die Verspätung dieses Briefes ängstigen wirst. Da Dir Lilian von Boston aus geschrieben, bist Du freilich nicht ganz ohne Nachricht von uns, allein ich kenne ja Dein sorgliches Gemüth. Über die Besserung Deiner Gesundheit, daran mich Dein lieber Brief versichert, habe ich mich innig ge= freut, liebe Mutter. Möchte sie so recht Bestand haben. Welche Beruhigung es mir gewährt, daß Du jetzt einen Arzt hast, u. Du Vertrauen zu ihm gefasst, kann ich Dir gar nicht mit Worten aus= drücken. Du hättest schon längst solche ärzt= liche Hülfe haben sollen; denn ich bin über= zeugt, daß Deine Körperleiden durch lange Vernachlässigung in der Behandlung verschlimmert worden sind. Die ungün= stigen Nachrichten, welche Du von Ida er= halten, sind auch mir recht leid, doch
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hoffe ich, daß die gute Wirkung der Seeluft sich noch bei ihr eingestellt hat. Sie hätte vielleicht, um recht günstige Folgen zu er= zielen, auch an einen wärmeren Küsten= ort gehen sollen. Seitdem wir Mattapoisett am 4. Aug. verlassen, habe ich eine ziemlich anstrengende Reise überstanden. Zu= erst aber gingen wir auf drei Tage nach [roman:] Manchester [/roman] zu Besuch, ein kleiner ganz wunderschöner am offenen Ocean in der Nähe von [roman:] Boston [/roman] gelegener Ort, wo viele Familien von [roman:] Boston [/roman] ihre ansehn= lichen Landhäuser besitzen. Wir waren Gäste in einem neu erbauten, auf steilem felsigen Hügel sich erhebend, wo der Blick einerseits über das herrliche blaue, mit Schiffen besäte [strikethrough:] -nes [/strikethrough] Meer schweifte u. andererseits sich an der grünen, hügeligen, waldreichen Gegend landeinwärts erfreute. Mehrere andere Schriftsteller fanden sich noch dort ein u. wir hatten ein paar recht angenehme u. genußreiche Tage. Darauf kehrten wir wieder nach [roman:] Boston [/roman] zurück, wo ein junges Mädchen aus der Umgegend von [roman:] N. Y. [/roman] uns durch ihren Vater zugeführt wurde, damit wir sie mit nach [roman:] Hillsborough [/roman] nehmen sollten, wohin auch sie bei [roman:] Tompkins’, [/roman] Lilian’s gastliche Wirthe, eingeladen war. [roman:] Mrs. Tompkins [/roman] ist nämlich eine Schwester von [roman:] Mrs. Vaux, [/roman] in deren Haus Lilian so viel Vergnügen genossen hat, u. [insertion:] ist [/insertion] die Familie erst seit
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einigen Jahren nach [roman:] Canada [/roman] übergesiedelt. [roman:] Laura Tompkins [/roman] ist ein gar liebes Mädchen u. seit ihrem Wegzug immer eine treue Korrespondentin von Lilian gewesen. Wir reisten viele Meilen weit durch die fast endlosen Waldgegenden von [roman:] New - Ham= shire u. Maine [/roman] u. kamen endlich am Abend des zweiten Tages in [roman:] St. John [/roman], der Hauptstadt der britischen Provinz [roman:] New - Brunswick [/roman] an. Am folgenden Morgen ging es weiter nach [roman:] Hills= borough [/roman], 4 Stunden per Bahn u. 3 Stunden zu Wagen, den man uns entgegenschickte. [roman:] Hillsborough [/roman] ist ein Dorf u. liegt zwischen Bergland, das mich an die ersten Partien des Thüringerwaldes erinnert, u. einem breit dahinströmenden Flusse, welcher sich in einiger Entfernung zur See ausweitet. Wenn Du auf der Karte nachschlägst, so suche nur [roman:] Hillsbo= rough [/roman] (sprich Hillsboro) auf [insertion] der [/insertion] äußersten Spitze der Bay von Fundi, jenem eigenthümlichen Meerbusen, wo die Fluth mit solcher Gewalt hereinströmt, daß die Wogen oft eine mehrere Fuß hohe Mauer bilden, eine Er- scheinung, die auch ihre Wirkung auf den Fluß bei [roman:] Hillsborough [/roman] ausübt, in dem der Unterschied zwischen Ebbe u. Fluth im [strikethrough:] seinem [/strikethrough] Stand seiner Ge= wässer 30 fß. [strikethrough:] beträgt [/strikethrough] [insertion:] ausmacht [/insertion]. Die Familie
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[roman:] Tompkins [/roman] wohnt in einem nette Hause, mit hübschem Garten, besitzt Wagen u. Pferde u. lebt ein rechtes Landleben. Es waren 5 Mädchen bei einander, zwei Töchter vom Hause, eine Gast aus [roman:] St. John [/roman] u. die zwei die wir mitbrachten. Wir gönnten uns nur 1 Tag Rast, dann kehrten wir um. Lilian bleibt bis zum 1. Sept. wo [roman:] Mr. Tompkins [/roman], der in Geschäften nach N. Y. reist, die beiden Mädchen zurückbringen will. Wir kamen mit geringer Unterbrechung hierher zurück u. seufzen in dieser heißen u. beklemmenden Atmosphere nach der schönen frischen Luft, die wir bisher geathmet. Doch bleiben wir nur bis übermorgen, wo wir nach [roman:] Cedarcroft [/roman] aufbrechen wollen. Ida traf ich ganz munter hier an, trotz der Hitze die sie überstanden. Sie lässt sich Dir viel= mals empfehlen u. Dir versichern, daß sie merkwürdigerweise nicht von Heim= weh gelitten habe. Sie meint sogar die Zeit sei ihr recht schnell hingegangen. Sie ist, wie sie sagt, über sich selbst er= staunt. - Lilian hat mir viele Grüße an Dich aufgetragen u. mich gebeten sie bei Dir zu entschuldigen, daß sie vergessen habe in ihrem Brief Dir für die 2 rt [FOOTNOTE: reichsthaler] auf der Sparkasse zu danken; Du möchtest ihren Dank noch nachträglich annehmen. Sie schickt Dir ein kleines Buchzeigen [FOOTNOTE: "Buchzeigen" = "Lesezeichen"], welche sie selbst gemalt (kopirt) hat; es stellt den wildwachsenden Arbutus, die amerikanische
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2)
Maiblume dar. Lilian freut sich sehr über die Löffel. Ich glaube auch, daß es besser ist, Du schickst sie als Werthpacket, sie möchten im Koffer des Mädchens Argwohn [strikethrough:] er[/strikethrough] un= ter [strikethrough:] regen [/strikethrough] den Zollbeamten erzeugen. Nur fürchte ich, daß das Packet sehr theuer kommen wird, da die Löffel schwer wiegen. Wir werden vom 20. Sept. [insertion:] an [/Insertion] wieder hier sein; doch wech= seln wir am 1. Okt. unser Logis u. es wäre wohl besser Du behieltest die Löffel, bis wir {strikethrough:] dorthin [/strikethrough] ausgezogen sind. Nach Mitte Sept. adressiere an mich [roman:] Stuyvesant House, East 18th Street, New - York [/roman]. Die Nummer werde ich Dir später schicken, einst= weilen genügt diese Adresse. Daß Hans wieder eine Reise un= ternimmt, macht er recht. So etwas frischt auf. Auf freut es mich, daß die Kinder im Flusse baden. Sie sollten auch zugleich das Schwimmen lernen. Es lernt sich jung viel leichter u. ist sehr vortheilhaft für die Ausbildung der Muskeln. Grüße sie alle recht herzlich von mir. Bayard, der heute schon in voller Ar= beit ist, sendet die herzlichsten Grüße.
Mit inniger Liebe
Deine Tochter
Marie.